Missbrauch

Kommentar zu den Vorgängen in St. Pölten

Unter den Opfern sexueller Übergriffe im kirchlichen Raum sind immer auch Frauen, die um ihren christlichen Glauben kämpfen. Die eine und andere von ihnen hat den Weg zu GottesSuche gefunden. Für diese Menschen ist kaum zu ertragen, was sich im Umkreis von St. Pölten in diesen Wochen abspielt. Es ist nicht einfach, angesichts der vorliegenden Informationen über Fakten, Vermutungen und die Inhalte/den Stil der Diskussion die Fassung zu bewahren. Einige Anmerkungen möchte ich mir erlauben.

1. Wenn Zulehner davon spricht, dass nach einer tragfähigen Lösung gesucht werden muss, hat er Recht. Allerdings vergisst er, dass in den 11 Jahren seit dem "Fall Groer" eigentlich ausreichend Zeit zur Suche nach einer tragfähigen Lösung hätte gewesen sein müssen. Innerhalb der Kirche wurde diese Zeit - spätestens seit den bekannt gewordenen Vorfällen in den USA 2002 - durchaus genutzt. Zumindest wurde ein Anfang versucht, auch wenn diese Anfänge noch immer oft von Hilflosigkeit, hinhaltendem Widerstand und dem andauernden Schweigen gegenüber Opfern geprägt sind.

2. Es ist leider nicht zum Lachen, wenn Bischof Krenn aller Welt erzählt, dass das, was auf den Fotos mit Seminaristen und Subregens und Regens (Zungenkuss+ Griff ans Geschlechtsteil) fotografiert wurde, nicht das ist, was alle Welt sieht: sexuelle Übergriffe von Vorgesetzten auf Abhängige. Wir müssen uns sagen lassen, das sei eine Weihnachtsfeier (Krenn) und die Fotos seien ungeschickt fotografiert und überdies nicht für die Öffentlichkeit bestimmt (Rothe). Gewaltopfer kennen diese Deutung der Wirklichkeit: Ihnen wird von Tätern weisgemacht, dass das, was sie sehen, in Wirklichkeit etwas ganz anderes ist.

3. Bischof Krenn hat eine Kommission zur Prüfung der Vorgänge in St. Pölten eingesetzt. Sie ist - soweit bekannt - nicht mit kirchenunabhängigen Frauen und Männern besetzt. Dies wäre aber Voraussetzung dafür, dass die Ergebnisse der Kommission ernst genommen werden dürfen. (Nach den neuesten Nachrichten ist die Kommission durch die Einsetzung eines Koadjutors abgesetzt.)

4. Ein Seminarist wird wegen des Besitzes von Kinderpornografie angeklagt. Acht weitere Verdächtige entgehen einer Anzeige, da es keine Beweismittel gibt. Da bleibt ein großes Unbehagen. Ein Mangel an Beweisen kann sehr wohl die Unschuld eines Menschen bedeuten, muss es aber nicht. Wenn diese Seminaristen und mit ihnen diejenigen, die in die St. Pöltener Vorgänge weder als Täter noch als untätige Zeugen involviert waren, in wenigen Jahren oder demnächst in Gemeinden auftauchen, wird ihnen - zu Recht oder auch zu Unrecht - großes Misstrauen entgegenkommen, das sich naturgemäß auf alle Seminaristen, die St. Pölten verlassen, ausdehnen wird. Wie unter solchen Bedingungen Seelsorgearbeit geleistet werden soll, ist mir unerfindlich.

5. Die Diskussion konzentriert sich auf das Thema "Homosexualität und Zölibat". Auch darum mag es gehen und es ist legitim und nötig, dass die Kirche darüber nachdenkt. Übersehen aber wird in dieser Diskussion, dass es wesentlich um Fragen der Macht und der Abhängigkeit geht.

Die Diskussion erweckt wieder einmal den Eindruck, als sei Homosexualität mit dem Vorkommen von sexuellen Übergriffen verbunden. Übersehen wird, dass Homosexualität ebenso wie Heterosexualität eine sexuelle Orientierung ist, die zunächst keine Aussage über das Vorkommen von sexualisierter Gewalt zulässt. Sexualisierte Gewalt begehen Menschen unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung. Sie alleine oder bevorzugt mit der homosexuellen Orientierung zu verknüpfen, heißt, eine notwendige Diskussion über sexuelle Übergriffe in Abhängigkeitsverhältnissen zu vermeiden und eine ganz andere Diskussion stattdessen zu führen - auf dem Rücken Homosexueller (Weihbischof Laun). Dies geschieht. Und damit geschieht Homosexuellen Unrecht. Sie müssen als Sündenböcke für eine Kirche dienen, die der Frage nach dem Umgang mit Macht ausweicht.

Pornofilme und -bilder entstehen in der Regel in einem Klima von Angst, massiver Abhängigkeit und massiver Gewalt. Die Filme zeigen Frauen und Kinder. Diese Frauen und Kinder müssen damit leben, dass sie benutzt und missbraucht wurden und sie müssen damit leben, dass ihre Bilder weltweit im Internet jedem zur Verfügung stehen, der sich ihrer bedienen will. Über diese Frauen und Kinder wurde bisher kirchlicherseits kein Wort verloren. Dabei ist nicht einmal auszuschließen, dass sie in irgendeiner Kirchengemeinde Polens - oder wo immer die weltweit operierende Pornobranche sich bediente - am Sonntag zum Gottesdienst gehen oder auch neben mir oder Ihnen in der Kirche sitzen.

Außer dem Wiener Ombudsmann Schüller hat bisher niemand darauf hingewiesen, dass sexuelle Akte zwischen einem kirchlichen Vorgesetzten und einem Priesteramtskandidaten möglicherweise das Ausnutzen eines Machtgefälles darstellen. - Die österreichische Rechtsprechung kennt zwar das widerrechtliche Ausnutzen eines Abhängigkeitsverhältnisses, hält aber sexuelle Übergriffe in kirchlichen und seelsorglichen Beziehungen für strafrechtlich nicht relevant. In Deutschland wurde dies im April 2002 (?) von einem Gericht ebenfalls festgestellt. Damals wurde ein Weihbischof freigesprochen, weil die eingestandenen sexuellen Handlungen vom Gericht als einvernehmliche Handlungen zwischen Erwachsenen gewertet wurden. Die bestehende Seelsorgebeziehung wurde nicht als Abhängigkeitsbeziehung gewertet. So gesehen, wäre dann nur davor zu warnen, sich als Erwachsene/r in die Abhängigkeit eines Priesterseminars oder in eine Seelsorgebeziehung zu begeben, wenn ....

...wenn es da nicht auch Menschen gäbe, die zuverlässig, verantwortlich und treu ihrer Arbeit nachgehen. Wieder einmal müssen sie für lange Zeiten die angerichteten Scherben aufheben und gegen den Glaubwürdigkeitsverlust einer Kirche ankämpfen, die sich der Frage des Umgangs mit Macht in den eigenen Reihen nicht stellen will - eine schier unlösbare Aufgabe.

Rika, 20.7.2004

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