Konradsblatt 2005

Wenn Gott der Gewalt zum Opfer fällt.

Suche nach einem "Glauben nach Gewalterfahrungen

von Brigitte Böttner im Konradsblatt Nr. 35, 28.8.2005

Die Scham, Opfer geworden zu sein, hat sie verstummen lassen. In Bruchsal haben sich Betroffene von Gewalt gemeinsam aufgemacht: aus Schweigen und Unsichtbarkeit zur Gottessuche.

Man sieht sie nicht – sie machen sich unsichtbar. Jede für sich, mit ihrer eigenen Geschichte, die nicht erzählt wird. Niemand will sie hören, auch sie selber nicht. Nicht dran rühren, schweigen.

Auch Rika hat dazugehört, jahrzehntelang: zur unsichtbaren Menge der Sprachlosen. Keine wusste von der anderen, ihrer Scham, ihren Schuldgefühlen, ihrem Misstrauen. Jede war allein mit ihrem Problem, das so selten nicht war, wie sie meinte.

Gewaltsames Erbe: Verurteilt zu Scham und Schweigen
Irgendwann hat Rika das Schweigen gebrochen. Sie ging in Therapie, arbeitete an ihrem Problem. Lernte. Auch das Sprechen lernte sie wieder, so schwer es ihr fiel. Gewalt, die man erlebt hat, lässt sich kaum in Worte fassen. „Das ist anders als bei einem Unfall oder als bei einer Krankheit.“

Verletzungen mögen schwer, sogar lebensgefährlich sein, und Schmerzen unerträglich. Aber nach Unfällen kann man handeln: Wunden versorgen und pflegen, vielleicht auskurieren. Doch Gewaltopfer sind keine Unfallopfer, sie sind Menschenopfer. Und die Scham, Opfer geworden zu sein, lässt sie verstummen. Sie selbst und die Menschen um sie herum.

Nach der Therapie war Rika einen Schritt weiter mit sich und ihrer Welt. Aber nicht mit Gott. „Da fehlte noch was.“ Ein Therapeut ist kein Seelsorger, auch wenn „die Psyche“ sein Fachgebiet ist. „Die spirituelle Seite der Gewalterfahrung spielt da überhaupt keine Rolle“, hat Rika gemerkt.

Aber die Wunden bleiben. Gewaltopfer sind gezeichnet für immer. Ihr Leben ist ein Überleben, oftmals in direkter Umgebung des Gewalttäters: Wenn es ein nahe stehender Mensch ist, ein Familienangehöriger, der eigene Vater.

Sexueller Missbrauch oder häusliche Gewalt mögen mit dem gesellschaftlichen Tabu belegt sein – ohne Folgen bleiben sie nicht, auch für die „religiöse Gesundheit“ nicht. Sie können eine Art Phantomschmerz hinterlassen, wie nach dem Verlust eines Körperteils. Wenn eine Verbindung abreißt, ein Kontakt zerstört wird. Auch die Vorstellung von Gott, der Glaube an einen gütigen „Vater im Himmel“ (wie Jesus ihn nannte), kann der Gewalt zum Opfer fallen, wenn der eigene Vater der Täter war. Vertrauen wird zur Zumutung, unmöglich.


Verbündete für Gottessucher(innen) und
                          Menschen mit Gewalterfahrung:
                          Gemeindereferentin Marie-Luise
                          Gallinat-Schneider und Pfarrer Jörg Sieger,
                          Seelsorgeeinheit St. Peter in Bruchsal. Foto:
                          Böttner
© (Quelle: Marieluise Gallinat-Schneider)

Im Schutz der Anonymität zu jeder Zeit vernetzt

Rika fand Gottes Haus nicht mehr. Nicht bei der Kirche. Auch dort fand sie das „Tabu“; man schwieg, wie andernorts auch.

Nach drei Jahren fand sie Verbündete. Über die Kirche und in der Kirche. Ein Pfarrer half ihr dabei, selbst ein Forum für Betroffene aufzubauen, eine virtuelle Anlauf- und Kontaktstelle für Gewaltopfer und ihre Seelsorge im Internet: www.gottes-suche.de – ein Platz für Heimatlose. Mit Informationen, Adressen und Ansprechpartnern, im geschützten Bereich über persönliche Anmeldung und Passwort.

„Viele melden sich nur unter dem Vornamen oder geänderter Anrede“, sagt Jörg Sieger, Leiter der Seelsorgeeinheit St. Peter in Bruchsal, der den Web-Auftritt aufgebaut und sich als Seelsorger für die Homepage zur Verfügung gestellt hat. „Die Vorteile des Internets liegen auf der Hand: anonym und jederzeit zugänglich.“

Auch Marie-Luise Gallinat-Schneider, Gemeindereferentin in St. Peter steht als Ansprechpartnerin im Netz. Daneben begleitet sie persönlich eine „reale“ Gruppe von Betroffenen in deren monatlichen Zusammenkünften. Sie nennen sich „Gewaltüberlebende Christinnen“ und verstehen sich als „Gott(es)-Sucherinnen“: Gemeinsam sind sie unterwegs zum „Glauben nach Gewalterfahrungen“, suchen nach befreienden Perspektiven im Lebens- und Erfahrungsschatz der Bibel, des Christentums.

„Wir tasten uns langsam voran, lernen wieder Vertrauen zu entwickeln, üben und erproben es“, sagt Rika. Nicht länger allein zu sein mit den schrecklichen Erlebnissen, dem Trauma der Gewalt, zu wissen: es gibt noch andere und wir müssen einander helfen  – das kann die letzte Rettung sein. Mit der Gruppe hat Rika schon ein gutes Stück des Weges zurückgelegt, hat Glauben und Vertrauen wiedergewonnen. Auch ihre Sprache – „und will und darf nicht länger schweigen“.
„Unsere Unsichtbarkeit und unser Schweigen werden weder uns noch andere schützen“, heißt es auf der Homepage. „Sie spielen den Tätern und Täterinnen in die Hände. Das darf – um Gottes willen – nicht sein."

nach oben