3.Missbrauch



Anlässlich der Halbzeit der Dekade "Gemeinsam Gewalt überwinden" trafen sich im Jahr 2005 Verantwortliche Frauen und Männer aus der Frauen- und Männerarbeit der beiden großen Kirchen in Deutschland. Sie wollten die Anliegen und Ziele der Dekade aus ihrer jeweiligen Perspektiv diskutieren und eine gemeinsame Gender-Agenda für die zweite Hälfte der Dekade erarbeiten.

Die verabschiedete Erklärung traf auf den Widerspruch der Listenfrauen, die sich auf der Plattform gottes-suche.de treffen und den Widerspruch von Carola Moosbach



Schreiben der Listenfrauen GottesSuche an verantwortliche Frauen und Männer aus der Frauen- und Männerarbeit der beiden großen Kirchen in Deutschland vom 23.7.2005

Sehr geehrte Damen/Herren!

Der Presse entnehme ich, dass Sie an der Heppenheimer Erklärung zur Halbzeit der „Dekade gegen Gewalt“ beteiligt waren. Daher richte ich mein Schreiben an Sie. Seit 5 Jahren begleite ich - als selbst Betroffene - Frauen mit Gewalterfahrungen im Leben mit den langfristigen Folgen von Traumatisierung durch Gewalt. Im Internet sind wir unter http://www.gottes-suche.de zu finden. In Bruchsal existiert seit 2 Jahren eine ökumenische Gruppe Betroffener, die sich monatlich trifft und - neben einigen, wenigen Verbündeten - auf die engagierte Unterstützung einer kath. Seelsorgerin rechnen kann. Die Betroffenen greifen zur Bewältigung des Lebens mit Traumafolgen auf die spirituellen Ressourcen des christlichen Glaubens zurück. Es hat sich im Laufe des gemeinsamen Weges gezeigt, dass es zwei Schwerpunkte gibt, die helfen, dieses Leben zu bewältigen:

  • Da ist zuerst die Suche nach einem "Sinn" der Gewalterfahrungen. Der kann natürlich nicht gefunden werden, weil Gewalt absurd und sinnlos ist und bleibt. Gefunden werden kann aber Sinn sehr wohl darin, dass die oft unsäglichen Gewalterfahrungen nutzbar gemacht werden können für die gegenseitige Unterstützung; für eine hohe Sensibilität für Gerechtigkeit; für einen klaren Blick auf Gewalt und Unrecht; schließlich auch für eine klare Erkenntnis, dass die Antwort Jesu auf Gewalt tragfähig ist auch für Menschen, die derzeit noch mit Gewalt leben müssen oder ihr entronnen sind und ihr Leben mit den anhaltenden Gewaltfolgen zu gestalten haben.
  • Und da ist die oft verzweifelte Suche nach Solidarität der Mitmenschen und MitchristInnen, die dem Schweigenmüssen ein Ende setzt. Bestandteil des Traumas ist ja nicht nur die Gewalt, sondern - mindestens (!) ebenso - der Zwang, darüber schweigen zu müssen.

Vor diesem Hintergrund habe ich die Heppenheimer Erklärung der ökumenischen Konferenz zur Dekadehalbzeit "Gemeinsam Gewalt überwinden" vom 6.- 8. Juni 2005 zunächst mit großem Unverständnis, dann Unglauben und schließlich hellem Entsetzen und Zorn zur Kenntnis genommen. Das möchte ich Ihnen gerne begründen:

1. Im Vorspann der Heppenheimer Erklärung wird sehr klar gesehen, dass Gewalt in Nahbeziehungen besonders schmerzlich ist. Diese Erkenntnis bleibt aber für die weitere Argumentation und Handlungsaufforderung vollkommen folgenlos. Dort werden dann – ganz zu Recht und unabdingbar notwendig! - Zwangsprostitution und Frauenhandel, Rassismus und Rechtsextremismus, Krieg und Strukturen thematisiert. Die ganz normale Gewalt im ganz normalen Alltag gegen die ganz normalen eigenen Frauen in der Nähe jedoch ist der Halbzeitkonferenz nicht der Rede wert. Die bisher einzige Untersuchung zu Gewalt gegen Frauen hat 2004 gezeigt, dass in Deutschland 38% aller Frauen ab 16 Jahren Erfahrungen mit körperlicher Gewalt gemacht haben. Seelische und sexuelle Gewalt sind damit ebenso wenig benannt wie Gewalterfahrungen bis 16 Jahre; die Zahl zeigt also nur einen Ausschnitt. – Die Konferenz thematisiert Gewalt, die sich in der Ferne abspielt – die Gewalt in der Nähe, in Deutschland, mitten im Frieden, ist ihr kein Thema, obwohl sie für eine große Zahl von Frauen zum Alltag gehört.

2. Menschen, deren Körper und Seele oft schon sehr früh im Leben verletzt und erniedrigt wurden, können mit solch netten Harmlosigkeiten wie der Heppenheimer Aufforderung, sich über Körperwahrnehmung, Körpergefühl und Körperbedrohung in geschlechtshomogenen oder gemischtgeschlechtlichen Gruppen zu verständigen, rein gar nichts anfangen. Die Körperbedrohung - die immer zugleich eine Bedrohung der Seele ist - ist für diese Menschen leider nicht virtuell. Sie hat längst und unwiderruflich stattgefunden und die Frage ist nur noch, wie Menschen mit dieser Erfahrung weiterleben können – und ob sie dabei auf die Unterstützung und Solidarität der Kirchen zählen können oder nicht.

3. Die Heppenheimer Erklärung formuliert: "Die Grenzen zwischen Tätern und Täterinnen und Opfern sind oft nicht klar zu erkennen." Damit wird der Opferstatus der Täter zum Thema. Das Opfersein der Opfer wird vernebelt, die Gewalttat entschwindet dem Blick. Diese vermeintlich objektive, die Täter integrierende Sicht hat einen entscheidenden Nebeneffekt, der nach 15 Jahren Dekadearbeit bewusst sein müsste: Täter werden zu den wahren Opfern und Opfer müssen mit der Frage rechnen, was sie denn nun getan haben, dass der Täter gar nicht mehr anders konnte als zur Gewalt zu greifen. Opfer müssen gewärtig sein, sich dafür rechtfertigen und entschuldigen zu müssen, dass sie Opfer von Gewalt wurden. Sie tun gut daran, im kirchlichen Raum ihre Gewalterfahrung zu verschweigen.

4. Die Heppenheimer Erklärung formuliert weiter: "Die Erfahrung von Ohnmacht trifft sowohl Männer als auch Frauen und ist oft Ausgangspunkt von Gewalt." Opfer von Gewalt müssen sich also sagen lassen, dass ihre Gewalterfahrung zum Ausgangspunkt eigener Gewalttätigkeit wurde. – Nach meiner Erfahrung gibt es für Gewaltopfer, die mir begegnen nichts Schlimmeres und Vernichtenderes als selbst zur Gewalttäterin zu werden. Für nicht wenige von ihnen wäre genau das die Bankrotterklärung ihres gesamten Lebens. Die pauschale Formulierung der Dekade aus der Männerperspektive heraus macht das Leid von Frauen unsichtbar und unterwirft Gewaltopfer der Verdächtigung, TäterInnen zu sein. Gewaltopfer tun also noch einmal gut daran, ihre Gewalterfahrung im kirchlichen Raum zu verschweigen. Die Dekade übersieht, dass die Täter – Opfer hin oder her – eine Wahl hatten und haben: zum Täter und zur Täterin zu werden – oder eben nicht.

In meinen Augen und in den Augen anderer Betroffener beteiligt sich die Heppenheimer Erklärung an einem Vorgang, der die Gewalttat verschleiert und Gewalttäter und ihre Opfer unsichtbar macht: Aus Gewalttätern werden nämlich frühere Opfer und aus Opfern von Gewalttaten werden künftige GewalttäterInnen. Damit wird suggeriert, dass Täter tendenziell unschuldig sind und Opfer „irgendwie“ mitschuldig. In diesem Klima der Opferverdächtigung und Täterentschuldigung bleiben Menschen auf der Strecke, die Opfer wurden und sich erfolgreich dem TäterIn-Werden widersetzt haben und widersetzen. Wenn die Heppenheimer Erklärung Opfer und Täter unterschiedslos auf eine Stufe stellt, verweigert sie, wozu sie angetreten ist: die Solidarität mit Opfern.

Ich kann Ihnen meine Fassungslosigkeit nicht verhehlen. Ich hatte in die Dekade die Hoffnung gesetzt, dass sie das Schweigen über Gewalt beenden hilft und den Opfern eine Stimme gibt. Nun muss ich erkennen, dass sich auch die Dekade an der üblichen Opferbeschuldigung beteiligt und dafür sorgt, dass das ubiquitäre Schweigen über die ganz alltägliche Gewalt ganz in unserer Nähe anhält und Betroffene in der Isolation bleiben.

Mit freundlichen Grüßen!
Erika Kerstner


Protestbrief von Carola Moosbach gegen die Heppenheimer Erklärung (Juli 2005)

Vom 6. bis 8. Juni 2005 fand in Heppenheim eine kirchlich-ökumenische Konferenz zur Halbzeit der weltweit ausgerufenen Dekade: "Gemeinsam Gewalt überwinden" statt. Die Konferenz wurde mit einem Abschlussdokument, der "Heppenheimer Erklärung" beendet.

Unter www.gottes-suche.de - einer Website für gewaltüberlebende Christinnen - veröffentlicht Erika Kerstner einen Protestbrief gegen diese Heppenheimer Erklärung.

Ich schließe mich diesem Protestbrief ausdrücklich an. Und frage mich und andere, wann die christlichen Kirchen endlich anfangen werden, nicht über sondern mit den Opfern und Überlebenden von (sexueller) Gewalt zu sprechen. Aber dann müsste man sich womöglich wirklich und ernsthaft mit den Tätern anlegen und unbeirrt für die Opfer Partei ergreifen - das könnte unangenehm werden. Da gibt man doch lieber weiter und stets kostenlos und unverbindlich lauwarme Wischi-Waschi-Erklärungen ab, in denen über die konkrete und allgegenwärtige familiäre Gewalt vor (oder hinter?) unserer Haustür höchst allgemein geschrieben oder sollte ich besser sagen: geschwiegen wird. Als "Sahnehäubchen" obendrauf und fast wie nebenbei wird in dieser Erklärung dann auch noch der Unterschied zwischen Opfern und Tätern in skandalöser Weise verwischt.

Wie kommt es nur, dass weltweit und quer durch alle Gesellschaftsschichten Männer sehr viel häufiger als Frauen (sexuelle) Gewalt ausüben und dass Frauen (und Kinder) umgekehrt sehr viel häufiger als Männer Opfer dieser Gewalt sind? Besonders Mutige sprechen in diesem Zusammenhang von Patriarchat oder auch von struktureller Gewalt. Und wie kommt es nur, dass diese doch eigentlich offensichtliche Gewaltstruktur immer wieder und besonders gerne in kirchlichen Kreisen übersehen wird?

Mein Fazit: Zwar werden viele meiner Texte in den diversen Sonder- und Materialheften zur Dekade "Gewalt überwinden" nachgedruckt. Verstanden worden sind sie aber offenbar bisher nicht. Ich kann leider nicht sagen, dass mich das überrascht, wohl aber, dass es mich bitter enttäuscht.

© C. Moosbach 2005



Im dann folgenden Gesprächsversuch wurden einige Briefe gewechselt. Sie seien - soweit das aus rechtlichen Gründen möglich ist - ausschnittweise wiedergegeben, um zu dokumentieren, wie quälend die Gesprächsversuche waren und wie schwer es ist, die Anliegen von Gewaltopfern
zu den Verantwortlichen in den Kirchen zu transportieren.


An die Männerarbeit beider Großkirchen (4.11.2005)
..
Haben Sie freundlichen Dank für Ihr ausführliches Schreiben vom 19.10.05. Es hilft mir, besser zu verstehen, dass die Frauen und Männer der Heppenheimer Tagung keineswegs beabsichtigt hatten, Opfer von Gewalt im Nahbereich hier bei uns zu verletzen. Nun wurde jedoch nur die Heppenheimer Erklärung veröffentlicht. Der Prozess der Entstehung und der ursprüngliche Kontext der kritisierten Äußerungen bleiben unsichtbar. Ich konnte mich daher in meiner kritischen Rückfrage nur auf den veröffentlichten Text beziehen.

Ihr Schreiben zeigt mir darüber hinaus, dass viele Positionen überhaupt nicht strittig sind: dass   

    • Gewalt Kreisläufe kennt
    • Gewaltüberwindung eine Aufgabe von Frauen UND Männern ist – solange diese gemeinsame Aufgabe nicht den Blick für die geschlechtsspezifischen Fakten verliert und damit hinter den Kenntnisstand der ersten Gewaltdekade zurückfällt 
    • Gewalt nicht hierarchisiert werden darf
    • Leidende Solidarität benötigen
    • die Benennung von Schuld unerlässlich ist – solange auch hier nicht die geschlechtsspezifische Perspektive unterschlagen wird
    • Gewalthandlungen verstanden werden müssen, um sie überwinden zu können
    • auch Männer Opfer von Gewalt sind und mit spezifischen Problemen zu kämpfen haben.
Im Kontakt mit gewaltüberlebenden Christinnen erfahre ich, dass sie die Heppenheimer Erklärung als verletzend erleben. Manchen Frauen hat sie schlicht die Sprache verschlagen. Andere haben schon lange oder erst nach dieser Erklärung aufgegeben, irgendwelche Hoffnungen auf Gehör noch in Kirche zu setzen. Nachdem die Erklärung veröffentlicht war, ließ es sich kaum vermeiden, dass sie gelesen wurde, natürlich auch von Gewaltopfern im Nahbereich. Schließlich sind diese Menschen überall, sogar innerkirchlich, anzutreffen.

Daher scheint es mir wichtig zu sein, dass wir miteinander noch einmal zu schauen versuchen, wie es geschehen kann, dass die Heppenheimer Erklärung bei mir und den Frauen/Christinnen, mit denen ich zu tun habe, anders verstanden wird als von den AutorInnen beabsichtigt. Denn offensichtlich läuft ja etwas furchtbar und verzweifelt schief, wenn ausgerechnet ein Dokument der „Dekade gegen Gewalt“ ausgerechnet Gewaltopfer verletzt.

In Ihrem Brief beschreiben Sie einen Zusammenhang, in dem ich eine Erklärung für das Missverständnis finde. Sie schreiben:
„Die Heppenheimer Erklärung ist in ihrem Aufbau und ihrer Sprache überhaupt nicht an Opfer von Gewalt gerichtet. Sie stellt im strengen Sinne noch nicht einmal eine Solidaritätsbekundung dar. Vielmehr dokumentiert sie einen Prozess der Selbstvergewisserung verantwortlicher Frauen und Männer in der kirchlichen Frauen- und Männerarbeit über die eigenen und gemeinsamen Ziele bei der Arbeit in der Dekade zur Überwindung von Gewalt. Sie schafft damit eine Arbeitsgrundlage nach innen und formuliert Aufgaben an Gesellschaft und Kirche nach außen.“
Ich möchte mein/unser anhaltendes Unbehagen zu formulieren versuchen. Es hat wohl mehrere Ursachen; manche sind eher atmosphärisch und daher kaum festzumachen. Die benennbaren Ursachen benenne ich.
  • Es scheint mir der Sache nach einfach undenkbar zu sein, über Gewalt zu sprechen und die Aussagen zugleich nicht an die Opfer zu richten - wie Sie dies für die Zielsetzung und Durchführung der Heppenheimer Veranstaltung beschreiben: „Die Erklärung ist nicht an Opfer der Gewalt gerichtet“. Mit Blick auf die christlichen Gründungstexte  stelle ich immer neu mit Freude fest, dass dort Opfer von Gewalt eine eigene Stimme haben: Ijob darf selber klagen; die Psalmbeter finden in den Gebeten Worte für ihr Elend; Josef, der von seinen Brüdern verkauft wurde, darf sein Unglück in epischer Breite darstellen; der Gottesknecht bei Deuterojesaja; ein Jeremia, von Feinden umringt; ein Jesus, zu Tode gefoltert – sie alle finden eigene oder von der Tradition bereitgestellte Worte. Unsere Bibel verurteilt diese Menschen nicht zum Schweigen. Sie blendet sie und ihr Erleben nicht aus. Im Gegenteil: Sie bietet ihnen einen Ort des Sprechens, einen Raum des Gehörtwerdens. Bis auf den heutigen Tag ist das Zeugnis dieser biblischen Menschen (oder ihrer literarisch formulierten Erfahrung) für uns Gewaltüberlebende eine Quelle großer Hoffnung. Wir wissen, dass der jüdisch-christliche Gott und die jüdisch-christliche Tradition uns Orte des Sprechens zur Verfügung stellen und Gott einer ist, der zuhört. Das ist vorbildlich für uns und gibt uns Kraft und Hoffnung. Nun suchen wir nur noch Mitmenschen und Mitchristen, die diese Erkenntnis mit uns teilen und mit uns zusammen Wirklichkeit werden lassen, was da in der Bibel so verheißungsvoll vorgelebt wird.
  • Sie schreiben, dass keine Solidaritätserklärung mit Gewaltopfern in Heppenheim beabsichtigt war. Ich sehe dabei die Gefahr, dass verstanden wird: Gewalt ist zwar wahrzunehmen, zu beschreiben, zu analysieren, zu verhindern – dem Impuls der Solidarisierung ist jedoch nicht gleichzeitig nachzugeben. Können Sie an diesem Punkt meine sicher drastifizierende Wahrnehmung nachvollziehen? Ich frage mich, woran es nur liegt, dass es diesen Impuls der Hilfe nicht zu geben scheint? Woran nur liegt es – wenn es diesen Impuls gibt -, dass er nicht Wirklichkeit wird und bei Betroffenen ankommt? Die Hilfe würde zunächst ganz einfach darin bestehen, den Betroffenen das Ende des Schweigens möglich machen zu helfen. Über alles Weitere wäre miteinander zu reden.
  • An dieser Stelle möchte ich formulieren, wie kirchliche Solidarität für mich aussieht. Sie hat und braucht einen Partner, ohne den es keine solidarische Gemeinschaft geben kann. Die, die solidarisch sein wollen, dürfen nicht unter sich bleiben. Sie brauchen die Subjekte ihrer Solidarität, diejenigen, mit denen sie solidarisch sein möchten. Es geht also darum, die Betroffenen einzubeziehen. Sind nicht sie es, die am besten Auskunft über die Formen der Solidarität geben können, die sie nötig haben? Eine Solidarität, die nicht mit den Angesprochenen im Gespräch ist, riskiert, die Gemeinten zu verfehlen. Nicht nur nebenbei verzichtet sie damit auch auf eine unersetzliche Quelle der Hoffnung und Kraft, die die Erfahrungen und Kämpfe Gewaltüberlebender meiner Erfahrung nach darstellen können.
  • Seit 5 Jahren versuche ich, Gewaltüberlebende und Kirchen miteinander ins Gespräch zu bringen und mache dabei auch gute Erfahrungen. Es gibt einige Kirchenfrauen und -männer, die das Thema für wichtig halten und zur Zusammenarbeit bereit sind. Diese Menschen haben verstanden, dass man nicht mit jemandem solidarisch sein kann, mit dem man keinen Kontakt hat; dass Solidarität sich nicht auf Einzelfallhilfe beschränken kann und darf, sondern den politischen, öffentlichen, sichtbaren, ggf. auch konflikthaften Einsatz braucht. Sie haben verstanden, dass Aufklärung und Prävention wichtig sind, die Solidarität mit jenen, die bereits Opfer wurden, jedoch unabdingbar notwendig ist. Erfahrbare Solidarität gibt den Opfern, was ihnen in der Gewalt genommen werden sollte: Ihre Würde. Sie hilft, die in der Gewalt erfahrene Isolation zu reduzieren. Sie lässt erfahren, dass Christen Opfer nicht erneut im Stich, alleine und außen vor lassen. Sie kann die Gewalt nicht ungeschehen machen, aber sie ist eine unentbehrliche Unterstützung, wenn verlorenes, geschädigtes, zerstörtes Vertrauen in andere Menschen wieder oder erstmals aufgebaut wird. Nicht zuletzt ist die erfahrbare Solidarität mit den Opfern auch ein Prüfstein für die Qualität der Theologie und die Glaubwürdigkeit der Kirchen.
Mit dieser Rückmeldung versuche ich, Ihnen zu vermitteln, dass die erklärte Absicht der Dekade, mit Gewaltopfern solidarisch sein zu wollen, in Gefahr steht, missverstanden zu werden, wenn es uns nicht gelingt, Kirchen/Dekadeverantwortliche und Gewaltüberlebende in ein gemeinsames Gespräch zu bringen. Das wäre ein großer Schaden für die Gewaltüberlebenden. Es wäre aber auch ein großer Schaden für die Kirchen und – schlimmer noch – für das Evangelium von einem Gott, der sich eindeutig an der Seite der Opfer positioniert hat. Vermutlich muss zuallererst miteinander darüber gesprochen werden, was das Gespräch zwischen solidarischer Kirche und Gewaltüberlebenden hindert und so schwer zu machen scheint.
Wenn die Heppenheimer Erklärung auch Gewaltopfer im Nahbereich nicht verletzen wollte, dann ist es nötig, den einleitenden Text der Dekade-Erklärung so zu ändern, dass er nicht mehr missverstanden werden kann, auch nicht von Gewaltüberlebenden.
Ich freue mich also sehr über Ihr Gesprächsangebot und danke dafür. Darüber hinaus würde ich mich freuen, wenn sich andere Gewaltüberlebende, die Ihnen möglicherweise bekannt sind, an diesem Gespräch beteiligen.
Mit freundlichen Grüßen!
Erika Kerstner

Am 4.11.2005 traf ein Brief von Frauen ein, die zu den Unterzeichnerinnen der Heppenheimer Erklärung gehören. Die Frauen bitten, dass dieser Brief dort veröffentlicht werden solle, wo mein Protestbrief auch veröffentlicht wurde. Ich hatte 14 Institutionen, die die Heppenheimer Erklärung veröffentlicht haben, gebeten, auch meinen Protestbrief zu veröffentlichen. 10 antworteten überhaupt nicht; 2 lehnten die Bitte ab mit dem Hinweis, dass dann Diskussionsbedarf entstünde und zwei kamen der Bitte freundlich nach.

Von der Evangelischen Frauenarbeit in Deutschland e.V. und der Arbeitsgemeinschaft Kath. Frauenverbände und –gruppen

Sehr geehrte Frau Kerstner,

Ihre Stellungnahme zur Heppenheimer Erklärung haben wir Frauen, die wir verantwortlich für diese Tagung zeichneten, zugleich mit gewissem Verständnis und mit Bestürzung zur Kenntnis genommen. Heute endlich möchten wir Ihnen aus unserer Perspektive einige Anmerkungen zu Ihren Äußerungen zukommen lassen.

Gerade weil die in Vorbereitung und Durchführung der Tagung beteiligten Frauenorganisationen – katholisch wie evangelisch – in ihrer Arbeit geprägt sind von der Solidarität mit Frauen, die Gewalt erfahren haben und weil sie in ihren Anstrengungen nicht nachlassen, Gewalt zu überwinden, hat uns Ihre Sichtweise auf die Erklärung und damit auch auf die Tagung in besonderer Weise getroffen.

Seit langem steht für uns Frauenorganisationen fest, dass angesichts des erschreckenden Ausmaßes von Gewalt, die Männer an Frauen (und Kindern) gerade im sozialen Nahbereich ausüben, wirksame Schritte zu deren Überwindung gemeinsam mit Männerorganisationen gemacht werden müssen. Dies war einer der wichtigen Anstöße für die Heppenheimer Tagung und zugleich eine ihrer Voraussetzungen. Allerdings war sich das Vorbereitungsteam – Frauen wie Männer – sehr bewusst, dass die Ausgangsbedingungen für eine solche gemeinsame Tagung asymmetrisch sind: Frauen sind Opfer von Männergewalt, und sie erfahren in ihrem Alltag Männer als reale und potentielle Täter. Doch nicht alle Männer sind Täter und nicht jede Frau ist Opfer. Um miteinander wirksame Schritte zur Überwindung von Gewalt in den alltäglichen Nahbeziehungen gehen zu können, bedarf es sehr differenzierter Fragestellungen hinsichtlich Gewalt fördernder Strukturen, hinsichtlich tradierter Rollenzuweisungen bzw. übernommener Bilder und zwar für Frauen und Männer je unterschiedlich. Erst damit wird eine differenzierte Auseinandersetzung der Opfer-/Täterproblematik ermöglicht. Gerade in dieser Auseinandersetzung ist nötig, die häufig unscharfe Grenze zwischen sachgerechter Aufarbeitung und persönlicher Betroffenheit empfindsam wahrzunehmen. Das gilt für Verantwortliche in den entsprechenden Organisationen und für deren Arbeit, das gilt aber auch für jede und jeden Einzelnen, seien er oder sie Opfer oder Täter bzw. Täterin.

In der Vorbereitung dieser Tagung wurde allen Beteiligten deutlich, dass unter diesen Vorzeichen der Weg zur Überwindung von Gewalt sehr lang und sehr mühsam ist. Doch mit dieser Tagung – so ist unser Fazit – ist ein wichtiger Schritt gegangen worden. Wie steinig der weitere Weg noch ist, das wurde aber auch erfahrbar. Bereits in den Eingangsstatements zur Eröffnung der Tagung wurde deutlich, dass die aus der Männerperspektive zurückgewiesene kollektive Schuldzuweisung auf den heftigen Widerstand von Frauen stieß, und zwar nicht nur von denen, die entweder mit direkten oder mit indirekten Erfahrungen von Gewalt leben müssen. Im weiteren Verlauf der Tagung bestimmte diese Problematik insbesondere die Diskussionen in der Arbeitsgruppe „Gewalt in sozialen Nahbeziehungen“, in der durch den jeweils geschlechtsspezifischen Blick die Asymmetrie zwischen den Geschlechtern deutlich wurde wie auch Ungleichzeitigkeiten innerhalb des jeweiligen Geschlechts. So ging gerade diese Arbeitsgruppe während der Tagung einen Entwicklungsweg, für den die Zeit, die zur Verfügung stand, wesentlich zu kurz war. Als Ergebnis konnten schließlich nicht – wie bei den anderen Arbeitsgruppen – im Konsens gefundene verpflichtende bzw. fordernde Formulierungen vorgelegt werden. Vielmehr wird an den nicht nur aus Ihrer Sicht unzureichenden Sätzen des ersten Teils deutlich, dass der geschlechtsdifferenzierende Blick auf tatsächlich ausgeübte und erfahrene Gewalt noch weitere Aufgabe bleibt, damit Frauen wie Männer sowohl ihre Versehrtheit durch Gewalt wie auch ihre Beteiligung an Gewalt differenziert sehen können. Das bedeutet keineswegs Verschleierung von Schuld oder ungerechtfertigte Unschuldserklärungen für Täter bzw. Täterinnen.

So bitten wir Sie, sehr geehrte Frau K., die Heppenheimer Erklärung nicht als ein ausgereiftes Produkt, sondern eher als ein Zwischenergebnis eines Entwicklungsweges zu sehen, den Frauen und Männer gemeinsam gehen, um dazu beizutragen, Gewalt zu überwinden. Außerdem bitten wir Sie, diesen Brief an den gleichen Stellen zu veröffentlichen wie Ihren Protestbrief gegen die Heppenheimer Erklärung.

Mit freundlichen Grüßen
für die Arbeitsgemeinschaft Kath. Frauenverbände und – gruppen
für die Evangelische Frauenarbeit in Deutschland e.V. (EFD)



Der Brief der Heppenheimer Frauen wurde in der Mailingliste diskutiert. Unsere Antwort ging am 15.11.2005 an die Evangelische Frauenarbeit in Deutschland und die Arbeitsgemeinschaft Katholische Frauenverbände und - gruppen


Sehr geehrte Frau B., sehr geehrte Frau K.!

Haben Sie freundlichen Dank für Ihr Schreiben vom 2.11.2005. Ich sehe, dass Sie meine Einwände und die anderer Betroffener ernst nehmen und Verständnis dafür aufbringen, dass der Satz: "Die Grenzen zwischen Tätern und Täterinnen und Opfern sind oft nicht klar zu erkennen" für Gewaltopfer verletzend ist und sie zum Schweigen bringt. Ich sehe, dass Sie über diese Interpretation erschrocken und betroffen sind. Verstanden habe ich, dass es den in Heppenheim Versammelten ein wichtiges Anliegen ist, dass Männer und Frauen gemeinsam gegen die auch hierzulande ubiquitäre Gewalt vorgehen möchten. Dieses Anliegen kann ich tatsächlich nur unterschreiben: Es braucht die Zusammenarbeit von allen Menschen guten Willens, Frauen und Männern.

Sie schildern, dass dem Vorbereitungsteam der Tagung die Asymmetrie zwischen Männer- und Frauenorganisationen bewusst war. Ich kann nicht beurteilen, ob diese Asymmetrie verantwortlich dafür ist, dass am Ende eine bestenfalls missverständliche, schlimmstenfalls aufgrund der bestehenden  Machtverhältnisse durchgesetzte Formulierung der Opferbeschuldigung und Täterentschuldigung entstand. Ich vermute, dass dieses ja auch Sie erschreckende Ergebnis der Tagung (zumindest im Blick auf die Aussagen über Gewalt im Nahbereich) die Folge einer naheliegenden „Frontenbildung“ – verzeihen Sie den militärischen Ausdruck - zwischen Männern und Frauen ist. Diese Frontenbildung entsteht fast zwangsläufig, sobald ein analytischer Begriff, wie ihn „Patriarchat“ darstellt, nicht mehr der Beschreibung eines Sachverhaltes dient, sondern in eine kollektive und pauschale Beschuldigung aller Männer verwandelt wird.

Der Patriarchatsbegriff beschreibt mit analytischem Instrumentarium sehr differenziert vielfältige Wirklichkeit. Dabei kommt in den Blick, dass Gewalt überwiegend von Männern ausgeübt, überwiegend von Frauen und Kindern erlitten wird und dass auch Männer Gewaltopfer und auch Frauen Gewalttäterinnen sind. Die Analyse der Gewaltverhältnisse erlaubt es, Schwerpunkte zu erhellen, ohne dass das Schicksal auch nur eines einzigen konkreten Menschen hinter der Erkenntnis von Schwerpunkten verschwinden muss oder dieser Erkenntnis geopfert werden muss.

Aus der Tatsache, dass Gewalt eher männlich und Opfersein eher weiblich ist, kann m.E. nicht abgeleitet werden, dass alle Männer Täter sind. Dies wäre eine unzulässige Pauschalisierung, ein Generalverdacht gegen Männer und damit erneut Unrecht. Eine kollektive Schuld von allen Männern zu postulieren birgt zudem die Gefahr, dass Männer sich schützend vor ihre Geschlechtsgenossen stellen - und dies unterschiedslos vor Unschuldige ebenso wie vor Gewalttäter.

Mir scheint ein anderes Vorgehen angemessener und hilfreicher zu sein. Ich skizziere es. Wir werden zur Kenntnis zu nehmen haben, dass wir unter patriarchalen Bedingungen leben; dass diese Bedingungen alle Menschen beschädigen. Die geschlechtsspezifischen Unterschiede dieser Beschädigungen müssen erkannt und wahrgenommen werden. Erst nach Wahrnehmung und Anerkennung der Tatsache, dass wir unter patriarchalen Lebensbedingungen leben, können sie auch verändert werden. Erst danach ist die Solidarisierung jener Frauen und Männer möglich, die solch gottwidrigen und menschenfeindlichen patriarchalen Zustände nicht länger hinnehmen wollen.

Ich glaube, dass die wirklichen Trennungslinien nicht zwischen Männern und Frauen verlaufen, auch wenn dies auf den ersten Blick so aussehen mag und angesichts der jeweils Beteiligten nahe läge. Vielmehr glaube ich, dass die wirklichen Trennungslinien zwischen drei anders zu beschreibenden Gruppen verlaufen. Diese Gruppen sind:

    • Opfer von Gewalt und die ihnen Verbündeten
    • Täter und Täterinnen (unbeschadet der Tatsache, dass heutige Täter frühere Opfer sein können)
    • Umstehende und Zuschauer.
Die Opfergruppe benötigt Solidarität; die Tätergruppe braucht Umkehr und die Gruppe der Umstehenden und Zuschauer muss sich entscheiden, wo sie sich positionieren will: Will sie mit Opfern solidarisch sein oder will sie TäterInnen unterstützen? Eine Nicht-Entscheidung geht dabei immer auf Kosten der Opfer und zugunsten der TäterInnengruppe.

Ich würde mir wünschen, dass die Heppenheimer Erklärung und die für sie Verantwortlichen die bisherige Frontenbildung zwischen Männern und Frauen aufgeben zugunsten einer gemeinsamen Positionierung an der Seite der Opfer. Dass dabei nicht mehr hinter die Erkenntnisse der ersten Dekade, dass das Patriarchat die Gewalt stützt, ermöglicht, fördert, .... zurückgefallen werden darf, versteht sich. Es versteht sich auch, dass die Anerkennung der Tatsache patriarchaler Lebensbedingungen durch Männer ungleich schwieriger ist als durch Frauen. Die Schwere einer Aufgabe entbindet aber nicht von ihr.

Mir scheint, dass der Satz der Heppenheimer Erklärung, die Grenzen zwischen TäterInnen und Opfer seien oft nicht klar erkennbar, Resultat eines Machtkampfes zwischen Männern und Frauen ist. Er bestätigt die von Ihnen wahrgenommene Asymmetrie der Machtverhältnisse zwischen Männern und Frauen. Opfer dieses Machtkampfes sind – erneut – Gewaltopfer. Sie bleiben auf der Strecke, werden unterschwellig beschuldigt oder geraten einfach aus dem Blick. Ich denke, darüber kann niemand froh sein. Daher halte ich es für notwendig, den einleitenden Text der Heppenheimer Erklärung zur Gewalt im Nahbereich so zu formulieren, dass Gewaltopfer zumindest nicht mehr verletzt werden.

Sie schreiben, es sei nötig, „die häufig unscharfe Grenze zwischen sachgerechter Aufarbeitung und persönlicher Betroffenheit empfindsam wahrzunehmen“. Ich habe diesen Satz so verstanden, dass persönlich Betroffene nur eingeschränkt zu sachgerechter Aufarbeitung fähig seien. (Bitte, korrigieren Sie, wenn ich den Satz missverstanden habe.) Ich bin überzeugt davon, dass eine sachgerechte Aufarbeitung ohne das Zeugnis Gewaltüberlebender gar nicht möglich sein wird. Bislang ist es überwältigend häufig leider noch so, dass Täter und Umstehende/Zuschauer die interpretatorische Definitionsmacht darüber haben, was unter einer sachgerechten Aufarbeitung zu verstehen ist. Die Opfer jedenfalls werden nicht an einer sachgerechten Aufarbeitung beteiligt. Sie kommen einfach nicht vor oder jedenfalls nicht selbst zu Wort. In der jüdisch-christlichen Bibel wird das anders gehandhabt. Dort kommen die Opfer selbst zu Wort und im Leben und Foltertod Jesu findet eine eindeutige und unwiderrufliche Positionierung Gottes an der Seite der Opfer statt. Dabei wird nicht auf die Einladung an Gewalttäter zur Umkehr verzichtet. Ich würde mir wünschen, dass diese biblische Vorgehensweise Vorbild auch für die Dekade gegen Gewalt wird: Dass nicht länger öffentlich über Gewaltopfer gesprochen wird, sondern mit ihnen.

Wenn mein erster Protestbrief und das heutige Schreiben helfen, die Aufgabe der Kirchen in der Dekade gegen Gewalt genauer zu beschreiben, um Wege zum Ende der Gewalt und zur Unterstützung von Gewaltopfern zu finden, freue ich mich. Ich möchte gerne darauf vertrauen dürfen, dass das befreiende Potential des christlichen Glaubens seine Wirkung entfalten kann. Im Zentrum christlichen Glaubens steht nämlich ein Folteropfer und Christentum ist – wie Gotthard Fuchs es einmal formulierte – Gewaltanschauung. Ich denke, diese Perspektiven berechtigen zu der Hoffnung, dass die Dekade gegen Gewalt entlang des biblischen Vorbildes einen Frauen und Männern gemeinsamen Weg aus der Gewalt und einen Weg hin zu den Opfern von Gewalt auch im Nahbereich und auch hier bei uns finden kann.

Ihrer Bitte nach Veröffentlichung Ihres Schreibens bin ich gerne nachgekommen, soweit ich darauf Einfluss habe.

In der Hoffnung, dass es gelingen kann, das begonnene Gespräch – auch mit anderen Gewaltüberlebenden zusammen – fortzusetzen, verbleibe ich

mit freundlichen Grüßen!

Erika Kerstner