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Beitrag zum Monatsthema der Internetseelsorge der Diözesen Deutschlands im Oktober 2006.

Nein zu Gewalt gegen Frauen (leider nicht mehr online)

Gewaltüberlebende Christinnen - Initiative "Gewaltüberlebende Christinnen und Gottes Suche. Arbeits- und Selbsthilfegruppe" im Internet und in der Bruchsaler Gruppe

Erika Kerstner, die Initiatorin der Gruppe berichtet:

Opfer leiden ein Leben lang
Wer dem Menschen zum Opfer fiel; wer Gewalt - zumal im Nahbereich - erlebt hat; wer bereits als Kind Opfer körperlicher, sexueller oder seelischer Gewalt wurde, der leidet häufig lange oder lebenslänglich an den Folgen der Gewalt. In Deutschland müssen wir davon ausgehen, dass 40% Prozent aller Frauen zwischen 16 und 85 Jahren (Migrantinnen in noch höherem Maß) Opfer von Gewalt werden. Wir wissen darüber hinaus, dass jedes 7. Mädchen und jeder 10. Junge zwischen 0 und 14 Jahren Opfer sexueller Gewalt i.e.S., d.h. von Vergewaltigung, wird.
Manche der durch Gewalt Traumatisierten finden gute professionelle Hilfe; viele finden sie nicht. Ob die Frauen nun therapeutische Hilfe suchten und fanden oder nicht - die Frage nach dem SINN bleibt auch lange nach der Überwindung der schlimmsten Traumafolgen bedrängend. Sie ist eine genuine Glaubensfrage. Wer dem Menschen zum Opfer fällt und keine Hilfe findet, dem zersplittert das Vertrauen in sich, in andere Menschen und in Gott. Ob es je wieder aufgebaut werden kann, hängt auch davon ab, ob andere Menschen sich als vertrauenswürdig zeigen und Traumatisierte ihre SOLIDARITÄT erfahren lassen oder nicht.

Klatschmohn


Fragen nach Sinn & Suchen nach Gott

Im Sommer 2000 begann ich mit meiner Suche nach Gewalt überlebenden Frauen, die die Sinnfrage vor dem Hintergrund ihres christlichen Glaubens stellen wollten. Im April 2002 setzte ich die Suche per Internet fort. Die Homepage Gottes Suche entstand. In einem längeren Prozess des Vertrautwerdens mit diesem Medium und im Austausch mit inzwischen über 200 Betroffenen entwickelten wir miteinander entlang unserer Bedürfnisse und Hoffnungen die Homepage "GottesSuche" mit Betroffenenforum und Mailingliste.

Hilfe im Internet

Vertrauen in Anonymität

Es zeigte sich, dass die schützende Anonymität des Internet eine Hilfe ist. Nicht selten erlaubt sie Betroffenen, erstmals in ihrem Leben von Gewalterfahrungen und den Folgen zu erzählen. Häufig tun sie das erst, nachdem sie sich manchmal monatelang überzeugt haben, dass das Gegenüber zuverlässig, ehrlich, vertrauenswürdig und parteiisch für Opfer ist. Die Mailingliste erlaubt es, einander auf Gegenseitigkeit zu unterstützen. Sie lässt Gewaltopfer erfahren, dass sie nicht nur der Hilfe und Solidarität bedürftig sind, sondern selber solidarische Helferinnen sein können; eine Erfahrung, die ein gutes Gegengewicht zur Ohnmachtserfahrung der Gewalt ist. Inzwischen ist vor allem in der stark frequentierten Mailingliste eine Internet-Gemeinde von Christinnen entstanden, die sorgsam mit sich und miteinander umgeht und auch in kritischen Situationen - wie Therapieabbruch, Therapeutensuche, vergebliche Suche nach seelsorglicher Begleitung, Erfahrung der Solidaritätsverweigerung - ihre Tragfähigkeit gezeigt hat. Im Vordergrund des Gespräches steht die alltägliche Bewältigung eines Lebens, das von den üblichen Traumafolgen durch menschliche Gewalt belastet ist - und immer neu die Frage, auf wessen Seite der biblische Gott zu finden ist: Auf der Seite der GewalttäterInnen, der Opfer oder der Zuschauer.

Solidarität zum Überleben

Die häufige Erfahrung der Solidaritätsverweigerung in Familie, Beruf, Nachbarschaft, Kirchen lässt uns immer neu daran zweifeln, dass wir, die wir oft bereits als kleine Kinder unter die Räuber fielen, tatsächlich diejenigen sein sollen, denen ein gefolterter und ermordeter Jesus die Solidarität Gottes mit uns zeigen wollte. Andererseits machen wir miteinander die tragfähige Erfahrung, dass dieser biblische Gott oft unsere letzte und nicht selten auch die einzige Rettung aus einem entsetzlich einsamen und von Gewaltfolgen geprägten Leben ist. Es ist eine gute Erfahrung - und wir sind immer neu dankbar, dass wir sie miteinander in der Mailingliste - und mit den wenigen solidarischen Menschen außerhalb der Liste - teilen dürfen. Unter uns sind auch Frauen, die sich erstmals oder ganz neu auf die Suche nach hilfreichen Perspektiven des Christentums im Leben mit den Traumafolgen gemacht haben.

Eine Gemeinde hilft

Im Sommer 2003 entstand nach längerer und lange vergeblicher Vorarbeit eine Vor-Ort-Gruppe gewaltüberlebender Christinnen. Sie ist in der Seelsorgeeinheit St. Peter, Bruchsal, beheimatet und wird von der Bruchsaler Gemeindereferentin Marieluise Gallinat-Schneider seelsorglich begleitet.
Dort habe ich auch in Pfr. Dr. Jörg Sieger einen kirchlichen Verbündeten gefunden, der als Seelsorger Gewaltüberlebenden zur Verfügung steht und ebenso wie Frau Gallinat-Schneider das Anliegen, Gewaltüberlebende in der Kirche zu beheimaten, von Anfang an wohlwollend begleitet und effektiv unterstützt hat. Diese Namen seien stellvertretend für einige solidarische Menschen genannt, die sich in fünf Jahren gewinnen ließen.
Die HP Gottes Suche und die Bruchsaler Gruppe sind ein Zusammenschluss gewaltbetroffener Frauen, die sich gegenseitig im Leben mit Traumafolgen und auf der Suche nach Sinn und einem auch mit ihnen mitgehenden Gott unterstützen. Sie sind zugleich Arbeitsgruppen. Wir denken dort immer neu auch darüber nach, welche Varianten der Abwehr von Opfern wir permanent erleben, welche Position ChristInnen einzunehmen hätten und wie es möglich werden kann, Gewaltüberlebenden in ihren Kirchen eine Heimat anzubieten. Eine große Hilfe ist bei diesem Nachdenken und dem Brückenbau zu den Kirchen Dr. Barbara Haslbeck, Mitglied der Mailingliste Gottes Suche und Theologin. Sie bringt ihre vielfältigen Erfahrungen im Umgang mit Gewaltopfern ebenso ein wie ihre wissenschaftliche Arbeit, die - erstmals im deutschsprachigen Raum - im Gespräch mit Gewaltüberlebenden entstand und den Zusammenhang zwischen Glauben und sexueller Gewalt thematisiert.

Täter, Opfer, Zuschauer

Gelernt haben wir in diesen Jahren, dass die wahren Trennungslinien nicht zwischen Männern und Frauen verlaufen ("Männer sind Täter, Frauen sind Opfer"). Es gibt zweifellos eine geschlechtsspezifische Rollenverteilung, die nicht unterschlagen werden darf. Aber die entscheidenden Trennungslinien verlaufen zwischenTäterInnen, Opfern und ZuschauerInnen. Dennoch wendet sich die Initiative Gottes Suche ausschließlich an Frauen, weil die meisten von ihnen Opfer von Männern wurden. Gelegentliche Anfragen von männlichen Gewaltopfern zeigen, dass es auch bei ihnen einen Bedarf an Gruppen gibt. Unserer Solidarität und Unterstützung dürfen sie gewiss sein.

Wenn Sie eine Gruppe Gewaltüberlebender gründen wollen ...

Wenn Sie eine Gruppe Gewaltüberlebender gründen möchten, müssen Sie zwei Voraussetzungen mitbringen: Sie müssen berührbar sein von menschlichem Leid - und zugleich dürfen Sie eine gute Distanz nicht verlieren. Nur wenn Sie zur Zusammenarbeit mit Betroffenen bereit sind, können Sie hilfreich sein, weil Sie im anderen Fall an den Bedürfnissen der Gemeinten vorbeigehen. Es scheint nötig zu sein, solche Gruppen auf einer mittleren Ebene (einem Dekanat etwa) anzusiedeln. Wichtig ist, dass Ansprechpartnerinnen mit Name, Adresse und Gesicht kenntlich sind und die Anonymität Betroffener, die das wünschen, schützen - denn noch immer sind es die Opfer, die sich schämen und die beschämt werden.

Wenn Sie selbst traumatisiert sind ...

Unabhängig davon, ob Sie selbst traumatisiert sind - was ja angesichts der Zahlen Gewaltbetroffener nicht unwahrscheinlich ist - oder nicht, müssen Sie einige Aspekte bedenken:
Sie brauchen neben einer vermutlich nötigen Supervision ein stabiles Netz von guten und kritischen FreundInnen. Sie müssen mit unglaublichen Widerständen und massiv anhaltendem Schweigen und Abgewimmeltwerden rechnen. Man wird Sie offen oder subtil aus dem Dialog von Menschen ausgrenzen, Sie isolieren und Ihnen, falls Sie selbst Gewaltopfer sind, Unzurechnungsfähigkeit unterstellen.

Mit allem rechnen ...

Verbündete finden Sie oft da, wo Sie nie damit gerechnet haben und selten da, wo Sie sicher waren, sie anzutreffen. Gewalt spaltet - auch die bislang stabilsten Freundeskreise und die besten Mailinglisten. Bedenken Sie immer, dass Ihr Gegenüber, das Sie um Unterstützung bittet, TäterIn sein könnte oder Opfer oder ZuschauerIn. Sie sind eine Bedrohung - möglicherweise für alle. Als bereits Traumatisierte sollten Sie mit Retraumatisierungsgefahr durch das ubiquitäre Schweigen umgehen können; als Nicht-Traumatisierte sollten Sie viel über Traumatisierung wissen und mit Sekundärtraumatisierung rechnen.
Menschen werden Ihnen, wenn Sie sich als vertrauenswürdig erwiesen haben, erzählen, was mitten in Deutschland, hier bei uns, im Nahbereich, hinter der Fassade von Normalität an Gewalt gegen Frauen und kleine Kinder schon möglich ist und wovon die bislang zu niemandem sprechen durften. Um dieses für Traumatisierte überlebensnotwendige Erzählen aushalten zu können, brauchen Sie eine möglichst stabile Verankerung - Gott ist m.E. eine gute, nein, die beste Adresse dafür.

Darum geht es: Sinn & Solidarität

Märzenbecher

Sie werden aber auch erleben, wie Ihr Leben an Tiefe, Fülle und Dankbarkeit gewinnt, wenn Sie an Leben und Glauben Gewaltüberlebender Anteil nehmen. Neben den Belastungen werden Sie tiefe Freude kennenlernen und vielleicht überrascht sein, dass auch Sie - und gerade Sie - einem anderen Menschen Hoffnung schenken konnten. Einem Menschen in Not Schwester oder Bruder zu werden, gibt dem Leben Sinn. Und darum geht es: Um Sinn und um Solidarität. Für Gewaltüberlebende ist die Erfahrung von Sinn und von erfahrener und geschenkter Solidarität eine gültige Übersetzung des Wortes vom "Reich Gottes", das hier und heute schon anfängt. Ich möchte Sie einladen und ermutigen, den Weg Gewaltüberlebender mitzugehen - er ist nicht immer einfach, zugleich ist er jedoch für alle Beteiligten eine Bereicherung.
Mehr Informationen finden Sie unter: www.gottes-suche.de

Erika Kerstner

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