Bruchsal
(cvr) „Sexueller Missbrauch ist Seelenmord!“ Eine Aussage, die seit
Ende März in der Bruchsaler Fußgängerzone auf einem
Stolperstein steht. Beigetragen wur-de der schlichte Stein von der
Gruppe „Gewaltüberlebende Christinnen - GottesSuche“, einer
Bruchsaler Gruppe, die sich mit den religiös-theologischen Folgen
der Gewalt gegenüber Frauen beschäftigt. „Das Problem ist, dass
Gewalterfahrungen langfristige Folgen haben,“ erklärt Erika
Kerstner, Initiatorin der 2003 gegründeten Gruppe. Wenn man davon
ausgehe, dass (laut einer Studie des Bundesministerium für
Familien, Senioren, Frauen und Jugend) 37 Prozent der Frauen zwischen
16 und 85 Jahren körperliche, seelische und sexuelle Gewalt
erfahren haben, dann
würde das in Bruchsal allein circa 5000 Betroffene bedeuten,
rechnet die dreifache Mutter vor. Von ihnen leide jede Vierte an
posttraumatischen Symptomen wie Depressionen, Alpträume oder
„Flashbacks“ bei denen das Erlebte auch nach Jahren sich wieder im
Bewusstsein der Betroffenen plötzlich „abspielt“. Oftmals wird den Opfern von ihrem
Umfeld die Schuld an der Gewalt zugeschoben. Häufig machen sich
bei Betroffenen Gefühle bemerkbar, wie „Ich gehöre nicht mehr
dazu“, denn durch die Gewalt wird die Welt der Opfer auf den Kopf
gestellt. „Frauen berichten von über Jahre dauernde Folterszenen
in Reihenhäusern in Großstädten“, so Kerstner. Andere
können erst nach Jahrzehnten über das ihnen Geschehene
überhaupt sprechen. Monatlich treffen sich Frauen allen
Alters, die das durch Gewalterfahrungen zerstörten Urvertrauen
suchen. „Glaube ist Vertrauenssache,“ betont Marieluise
Gallinat-Schneider, Gemeindereferentin der Seelsorgeeinheit St. Peter,
die die Gruppe mitbetreut. „Wir versuchen die Vertrauensbasis wieder
herzustellen. Diese Frauen mussten die Erfahrung machen, dass niemand
ihnen zur Hilfe kam – auch Gott nicht.“ Sie selbst sei dadurch
motiviert, dass für viele die „heile Welt“ des christlichen
Glaubens nicht zu den persönlichen Erfahrungen gehöre. Man
könne nicht Gott als „guten Vater“ verstehen, wenn der eigene
Vater einen geschlagen oder gar missbraucht habe. Das Bedürfnis nach Glaube sei
unheimlich heftig für Betroffene, ergänzt Kerstner, die die
meisten Kontakte über das Internet pflegt. Für das
„niederschwellige“ und absolut anonyme Medium als Plattform entschied
sie sich im Jahr 2002, damals über die Homepage von Pfarrer Dr.
Jörg Sieger. Inzwischen würden Frauen aus ganz Deutschland
das Angebot des Chats oder der Mailingliste annehmen. Frauen aus der
Umgebung aber – auch von weiter her wie Bayern oder dem
Ruhrgebiet - fänden sich dann auch zu den Treffen ein. Der
Treffpunkt würde nur denen bekanntgegeben, die mit Erika Kerstner
ein Vorgespräch geführt haben. „Es ist wichtig, dass wir
wissen, welche Erwartungen die Frauen haben,“ so Kerstner, die auch auf
die Anonymität der Gruppe hinweist. Informationen (wie Predigten
oder geistliche Impulse) erhalten interessierte Frauen auf Anfrage,
auch wenn sie über keinen Internetanschluss verfügen. Durch
Vorträge und besondere Gottesdienste weise man immer wieder auf
die Gruppe hin. „Wir sind keine psychologische
Gruppe, ich bin seelsorgerlich und nicht psychologisch tätig, aber
die Gruppe ist eine Selbsthilfegruppe auf religiöser Basis,“
fügt
Gallinat-Schneider hinzu. „Wir sind auf der Suche nach Gott und
hoffen, dass Gott auch auf der Suche nach uns ist.“ Generell sei das
Thema „sprachfähiger“ geworden, dennoch „brauchen wir die
Solidarität der Kirche und der Öffentlichkeit.“ Weitere
Informationen gibt es auf der Homepage www.gottes-suche.de oder unter
Telefon (0 72 49) 15 61. Eine separate Männergruppe wäre
inzwischen auch denkbar, so Kerstner. Hier fehle es aber bislang an
Interessierten.