Missbrauch
Anmerkungen zum Abschlussbericht der kirchlichen Hotline - 19.1.2013

Aus dem Abschlussbericht der kirchlichen Hotline (Teil 2, S. 72-75) ergeben sich  etwa 6 Hinweise zum Umgang mit den Opfern sexueller Gewalt. Ich versuche, diese Hinweise zu konkretisieren, denn es besteht dringender Handlungsbedarf. Ein entsprechendes Schreiben an die katholischen Bischöfe ist in der Diskussion.

1. Es besteht bei Opfern von Menschengewalt - unabhängig davon, wo sie die sexuelle Gewalt erlitten haben - Bedarf, die eigenen Verwundungen im Kontext eines kirchlichen Angebotes zu thematisieren.

Die meisten Opfer von sexueller Gewalt sind auch im Anschluss an ihre Gewalterfahrung Kirchenmitglieder, wenn sie es vorher schon waren. Nur  9% der Opfer von Kirchenmänner und 3,2% der Opfer in Familien und im Nahbereich sind aus der Kirche ausgetreten (a.a.O. S. 22). In Deutschland müssen wir davon ausgehen, dass jeder 8. Mensch in Deutschland Opfer von Gewalt wird. Wir sprechen also von ca 3,2 Millionen katholischen und von ca 3,2 Millionen evangelischen Kirchenmitgliedern, die in der Kindheit und Jugend Opfer von Gewalt wurden.

  • Gewaltopfer benötigen ein seelsorgliches Netz von SeelsorgerInnen in erreichbarer räumlicher Nähe, die sich mit Trauma durch Menschengewalt und Traumafolgen auskennen und die Betroffenen, die dies möchten, seelsorglich begleiten.

  • Es braucht Angebote für Gruppen Betroffener, die seelsorglich begleitet werden. Dort kann die gnadenlose Einsamkeit durch die Erfahrung einer Gemeinschaft reduziert werden. Dort kann auch miteinander nach den Ressourcen des christlichen Glaubens geschaut werden, die das Leben mit anhaltenden Traumafolgen meistern helfen. 

  • Es braucht Aus- und Fortbildung für SeelsorgerInnen sowohl im Blick auf Trauma und Traumafolgen als auch im Blick auf eine "Theologie der Opfer".

  • Es braucht die kompromisslose Unterstützung der Institution für ihre MitarbeiterInnen, die mit Gewaltüberlebenden arbeiten. Die Institution muss erkennen, dass Seelsorge mit Gewaltüberlebenden ihre ureigene Aufgabe ist, die nicht von einer anderen Institution geleistet werden kann.

2. Die Internetberatung ist - vor allem für jüngere Opfer - hilfreich.
  • Also sollte die Internetberatung ausgebaut werden, weil sie ein niederschwelliges Angebot ist, das auch anonym kontaktiert werden kann.

  • Neben der Internetberatung braucht es AnsprechpartnerInnen, die telefonisch, per Brief oder im direkten Gespräch vor Ort direkt und ohne bürokratische Umwege erreichbar sind, die auf Anfragen schnell reagieren und die auch eine Gruppe Betroffener in der Nähe vermitteln können. Die Abschaltung der zentralen Hotline ist ein falscher Schritt

3. Kirchenmänner, die Sexualstraftaten an Kindern und Jugendlichen begehen, können damit den hilfreichen Zugang zur Religiosität des Opfers versperren, die für die Bewältigung der Gewaltfolgen und für andere Lebenskrisen hilfreich wäre.
  • Dies gilt für alle Opfer von Gewalt, deren Vertrauensfähigkeit beschädigt oder zerstört ist - für Opfer von Priestern/Pastoren verschärft sich die Zerrüttung der Vertrauensfähigkeit - die ja Glaubensfähigkeit ist - noch einmal. Es ist unabdingbar, dass sich kirchliche MitarbeiterInnen dem Entsetzen eines Lebens mit beschädigter bzw. ohne Vertrauensfähigkeit aussetzen, um den Verlust ahnen zu können. Sie müssen sich darüber im Klaren sein, dass ihre Aufgabe darin besteht, die in der Gewalt verlorenen Verbindungsfäden der Opfer zu sich selbst, zu anderen Menschen und zu Gott durch treue, zuverlässige, ehrliche und redliche Zuwendung zu den Opfern wieder knüpfen zu helfen. Voraussetzung ist, dass kirchliche MitarbeiterInnen bereit, fähig und sowohl theologisch als auch psychologisch kundig sind und darüber hinaus konfliktfähig sind. Konfliktfähigkeit ist wichtig, weil die Zuwendung zu Opfern - zumal der eigenen Pastoral! - unweigerlich zu Spaltungen innerhalb der Institution führt, wie uns ja gerade der Konflikt zwischen dem VDD und dem KFN bzw. die erkennbaren Konflikte innerhalb der Bischofskonferen vor Augen führen.
4. Theologische Hinweise auf Heilung und Vergebung verfehlen die Realität vieler Opfer. Das Sprechen von Heilung oder Vergebung macht den Eindruck, als wollten die ZuhörerInnen schnell vom Unerträglichen wegschauen.
  • KirchenmitarbeiterInnen sollten dringend darüber nachdenken, dass die immer wieder vorgetragenen Hinweise auf Vergebung und Heilung der eigenen Entlastung dienen, nicht den Opfern. Kirche sollte ernst nehmen, dass es für viele Opfer keine Heilung gibt, oft jedoch Linderung möglich ist. Das Sprechen davon ist fahrlässig und zeugt von fundamentaler Unkenntnis der Gewaltfolgen. Statt von der Vergebung der Opfer zu sprechen, sollte von dem Schuldbekenntnis der Täter und der sie schützenden Institution gesprochen werden.
5. Die Schilderung der Delikte löst bei (kirchlichen) Zuhörern vielfach Entsetzen, Ekel oder Angst aus. Opfer können heftige Gefühle (Wut, Aggression) erleben, wenn der Gesprächspartner Kirchenmitarbeiter ist. Supervision und Intervision sind wichtig.
  • Kirche sollte dringend darüber nachdenken, dass "Entsetzen, Ekel oder Angst", die durch die Schilderung der Verbrechen hervorgerufen werden, nicht selten den Opfern angelastet werden. Nach meiner Erfahrung (die Gott sei Dank nicht durchgängig so ist) und der Erfahrung vieler anderer passiert genau das: Der Bote/die Botin wird für die Botschaft verantwortlich gemacht. Wenn im Abschlussbericht darauf hingewiesen wird, dass Opfer gegenüber Kirchenmitarbeitenden häufig Wut und Aggression äußern, dann müsste ein paar weiteren Beobachtungen nachgegangen werden:
  • Der Zorn von Opfern, die jahre- und jahrzehntelang von der Kirche zum Schweigen gebracht und überhört wurden, ist schlicht berechtigt. Die Kirche kann von Glück sagen, dass es überhaupt noch Opfer gibt, die mit Vertretern der Kirche ins Gespräch kommen wollen. Es ist nötig, in der Täterinstitution über "stellvertretende Sühne" nachzudenken - das Aushalten von Zorn der Opfer gehört dazu.
  • Dem Zorn von Opfern müsste zur Seite gestellt werden, dass - nach meiner Erfahrung manchmal bis heute - Opfer nicht gehört, beschwichtigt und abgewimmelt werden. Da wäre eine Opferbefragung durch eine nicht von der Kirche abhängige Forschungsinstitution aufschlussreich - aber die ist ja gerade mit dem KFN gescheitert.
  • Unabdingbar nötig ist, dass kirchliche Zuhörer nicht nur Wut und Aggression bei Opfern registrieren, sondern sich den eigenen Gefühlen stellen, die auftreten, wenn jemand einem Opfer zuhört: Der Wunsch nach Nicht-Zuhören, der Rückgriff auf eigene entlastende Opferbeschuldigung, der Solidaritätswunsch mit den (kirchlichen) Tätern, die Angst vor Isolation in der Institution; die Übertragungen, die im Gespräch mit Opfern auftreten kann ...müssen in Intervision und oft auch in Supervision bearbeitet werden.
6. Von Gesprächen von Missbrauchsopfern mit hohen Repräsentanten der Kirche können positive Impulse ausgehen, wenn den Opfern einfühlsam und wertschätzend zugehört wird. Zu erleben, dass sich eine „höhere Autorität“ eindeutig auf die Seite des Opfers stellt und Verbrechen unmissverständlich verurteilt, leistet offenbar einen nicht unerheblichen Beitrag zur Verarbeitung des Erlittenen. Betroffene haben gelernt, dass Menschen „zwei Gesichter“ haben können und reagieren daher stark auf aus ihrer Sicht inkongruentes Verhalten1.
  • Die Gespräche von Opfern mit hohen Repräsentanten der Kirche sind wichtig; ich will sie auch nicht kleinreden. Aber es fehlt noch immer die Übernahme der Verantwortung genau jener Repräsentanten für die Vertuschung von Verbrechen und damit nicht selten für die Fortsetzung von Verbrechen. Verantwortungsübernahme schließt ein, dass Vertuscher in kirchlichen Ämtern ihre Vertuschungen offenlegen und von ihrem Amt zurücktreten. Das ist bislang nicht geschehen. Solange dies nicht geschieht, ist das Bemühen von KirchenmitarbeiterInnen um Opfer von Gewalt nur schwer glaubhaft. Solange dies nicht geschieht, werden die kirchlichen MitarbeiterInnen, die sich Gewaltüberlebenden zuwenden, immer neu gegen den Vorwurf der Unglaubwürdigkeit zu kämpfen haben, auch wenn sie selbst glaubwürdig sind.
  • Verbale Verurteilung der Verbrechen alleine ohne weitere Konsequenzen für die Täter und für die Täterschützer ist zu wenig. Einfühlsames und wertschätzendes Zuhören sind wichtig, aber zu wenig. Das eindeutige Stellen auf die Seite des Opfers muss durch glaubwürdige Klarheit im Umgang mit Tätern und Täterschützern untermauert werden.
  • Opfer von Menschengewalt wissen tatsächlich, dass Menschen "zwei Gesichter" haben. Sie wissen aber auch, dass Institutionen zwei Gesichter haben können. Der eingeschlagene Weg der Kirchenleute, die sich um Aufklärung, seelsorgliche, psychologische und beraterische Begleitung von Opfern bemühen, ist auch von denen einzufordern, die sich dieser "Umkehr zu den Opfern" bislang noch verweigern. Konflikte sind auszuhalten, wenn es der Kirche wirklich darum geht, denen zu helfen, die hierzulande unter die Räuber gefallen sind
Fazit:
  • Es geschieht in der katholischen Kirche schon viel, aber das kommt bislang bei den Opfern von Menschengewalt nur selten oder gar nicht an. Es braucht eine (katholische und evangelische) Kirche, die sich ehrlich, kompromisslos, bei Bedarf auch parteiisch den Opfern zuwendet, ihnen zuhört, sie ernst nimmt und mit ihnen zusammen schaut, was sie von der Kirche brauchen. Und es braucht eine Kirche, die sich den Opfern von Menschengewalt jenseits von Pressekonferenzen, Bußgottesdiensten, Hochglanzpapieren... konkret und den Opfern auch erfahrbar zuwendet.
  • Es braucht eine Kirche, die vor den Fragen nach systemischen Ursachen der innerkirchlich ausgeübten und gedeckten Gewalt und nach dem Umgang mit Macht in der Institution nicht zurückschreckt und bereit ist, die nötigen Konsequenzen zu ziehen

1 So ist noch am 19.1.2013 in einem Leserbrief an den Trierischen Volksfreund von einem Opfer zu lesen: "Die Behandlung von uns Opfern empfand ich zwar als formal korrekt, doch - abgesehen von meinem Erstkontakt mit Prälat xy - als kühl und eher vom Blick auf die öffentliche Wirkung gelenkt. Das Verhalten mir gegenüber reichte von Dienst nach Vorschrift bis hin zu Unhöflichkeit und Wortbruch. Wirkliche Fürsorge und persönliches Interesse konnte ich jedenfalls nicht erleben. Doch es half mir immerhin, meinen schon lange zuvor unergiebig verlaufenen eigenständigen Versuch der Auseinandersetzung mit dem Täter erneut aufzunehmen und dank meiner Hartnäckigkeit auch zu einem guten Ende zu bringen. So konnte ich dem Priester zu guter Letzt verzeihen und ihm seinen Frieden wünschen und selbst meinen Frieden finden. Bischof Ackermann und Mitarbeiter hingegen agierten so, wie man es von Managern bei der Regulierung eines öffentlichen Schadensfalls gewohnt ist. Nach meinem Eindruck standen dabei weniger wir Opfer als die mediale Imagewirkung in ihrem Fokus. Mir kam es hin und wieder gar so vor, als ob wir als Gruppe erneut missbraucht würden, jetzt allerdings von Ackermann und für die "gute Sache" des Ansehens der katholischen Kirche. Ich kann mir gut vorstellen, dass Gutachter Pfeiffer ähnlich empfinden konnte. Wie beim Umgang mit uns Opfern und anderen Laien haben viele Kleriker offensichtlich auch bei der Zusammenarbeit mit Gutachter Pfeiffer ihre Probleme mit der Augenhöhe und der vorbehaltlosen Offenheit für die Wahrheit. Anders als seinerzeit Jesus verteidigt die offizielle Kirche heute wohl hauptsächlich ihr selbst gemachtes Bild von Glauben und Wahrheit und ringt nicht um die ursprüngliche Wahrheit selbst. Manchmal denke ich, Jesus würde, weilte er noch unter uns, viele geistliche Würdenträger aus ihren "Tempeln" jagen. G.S.,  Wittlich
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