2.Glaube
          nach Gewalt
Anmerkungen zum gescheiterten Forschungsprojekt des Verbandes der Diözesen Deutschlands und dem Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen - 13.1.2013

Derzeit scheint noch nicht klar zu sein, warum genau das vom Verband Deutscher Diözesen initiierte Forschungsprojekt, das mit dem Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachen unter dem Leiter Christian Pfeiffer realisiert werden sollte, gescheitert ist.

Eines ist jedoch erkennbar:
Dem Forschungsteam wurde im Vertrag zugesichert, dass "alle in den (Erz-)Bistümern erreichbaren Informationen über Fälle des sexuellen Missbrauchs an Minderjährigen durch katholische Priester... seit 1945 für eine Längsschnittanalyse zur Verfügung" gestellt werden. Für die Querschnitt-Untersuchung 2000-2010 war im Vertrag ebenfalls vereinbart, dass "alle Akten von katholischen Priestern, Diakonen und männlichen Ordensangehörigen auszuwerten seien, die nicht vor dem 1. Januar 2000 verstorben sind".

Die kirchlichen Vertragspartner hätten m.E. ihr Kirchenrecht kennen müssen und den Forscher informieren müssen, was unter den "erreichbaren Informationen" kirchenrechtlich korrekt zu verstehen ist und dass "erreichbare Informationen" von "nicht-erreichbaren Informationen, die jedoch vorhanden sind", zu unterscheiden sind.1 Sie hätten darauf hinweisen müssen, dass es in jedem Bistum ein Geheimarchiv gibt. Sie hätten die Forscher über die Vorschriften informieren müssen, welche Unterlagen kirchenrechtlich vorgeschrieben ins Geheimarchiv gehören, nämlich:
  • Unterlagen über Ehehindernisse
  • Unterlagen über geheime Ehen
  • Unterlagen, in denen jemand wegen einer womöglich bevorstehenden oder bereits begangenen Straftat verwarnt wurde bzw. einen Verweis erhielt. Auch die Akten, die Unterlagen über eine Verwarnung oder einen Verweis wegen eines Lebenswandels, der Ärgernis erregte, enthalten, müssen ins Geheimarchiv

Die kirchlichen Vertragspartner hätten die Forscher informieren müssen, dass nur der Bischof den Schlüssel zum Geheimarchiv hat und dass aus dem Geheimarchiv bzw. Geheimschrank keine Dokumente herausgegeben werden dürfen. Außerdem hätten die Forscher erfahren müssen, dass die Akten der Strafsachen in Sittlichkeitsverfahren, deren Angeklagte verstorben sind oder die seit 10 Jahren abgeschlossen sind, zu vernichten sind. Lediglich ein kurzer Tatbestandsbericht mit dem Wortlauf des Endurteils ist aufzubewahren.

Hätten die kirchlichen Vertragspartner sorgsam gehandelt, dann hätten sie die Forscher über diese Einschränkungen der Recherchen informiert. Dann wäre auch sehr schnell klar geworden, dass das Forschungsprojekt nur dann Sinn gemacht hätte, wenn alle 27 Bischöfe Zugang zum Geheimarchiv ermöglichen. Aber selbst, wenn die Forscher Zugang zu allen Archiven, auch dem geheimen, hätten, wäre zumindest die Längsschnittanalyse 1945 bis 2000 unergiebig geworden. Denn dort dürften ja bei korrekt geführtem Geheimarchiv nur noch Tatbestandsberichte und Wortlaute von Endurteilen sein. In diesen mageren Unterlagen wird niemand mehr Opferbefragungen finden, die Licht auf den Verlauf des Missbrauchsgeschehens aus der Sicht der Opfer hätten werfen können. Über Tathergänge, über Suspendierungen, Versetzungen und deren Begründungen, über den Umgang der Kirche mit den Opfern wäre nichts mehr zu finden gewesen. Das Handeln der Täter und die tatförderlichen Bedingungen wären nicht mehr erkennbar. Bestenfalls wäre die Anzahl der strafrechtlich Verurteilten bzw. der kirchlich mit Verweis oder Verwarnung bedachten Täter/mutmaßlichen Täter zu finden sein. Erkenntnisse, die der Prävention dienen könnten, sind dann auch nicht mehr zu erwarten. D.h. die gesamte Langzeitstudie wäre - gemessen am Forschungsauftrag - nicht möglich gewesen bzw. hätte nur rudimentäre Ergebnisse erbracht.
Und auch die Querschnittanalyse 2000 - 2010 wäre bei kirchenrechtlich korrekter Aktenführung nur dann möglich und sinnvoll gewesen, wenn die Unterlagen, die ja pflichtgemäß ins Geheimarchiv gehören, von jedem der 27 Bischöfe freigegeben worden wären.

Fazit:

Was bleibt also von den vollmundigen Versprechen der kath. Kirchenleitung? 2011 hieß es: „Wir wollen eine ehrliche Aufklärung, frei von falscher Rücksichtnahme, auch wenn uns Vorfälle gemeldet werden, die schon lange zurückliegen. Die Opfer haben ein Recht darauf.....Wir wollen auch der Wahrheit, die möglicherweise noch unentdeckt in Akten vergangener Jahrzehnte liegt, auf die Spur kommen. Zum anderen wollen wir mit der wissenschaftlichen Aufarbeitung nicht nur formale Statistiken und Zahlenwerke erstellen, sondern mit Hilfe unabhängiger Experten auch Ursachenforschung betreiben, um besser zu verstehen, wie es zu den Ungeheuerlichkeiten sexuellen Missbrauchs durch Kleriker und kirchliche Mitarbeiter kommen konnte. Wir wollen noch mehr lernen, auch für die Prävention."

Es bleibt der Eindruck, dass das Forschungsprojekt eine großangelegte PR-Aktion war, die dem Ansehen der Kirche dienen sollte. Es ging nicht um die Opfer, es ging nicht um eine kritische Bestandsaufnahme kirchlicher Vertuschungs- und Versetzungsvorgänge; es ging nicht einmal darum, für die Prävention wichtige Einsichten zu erhalten. Es ging - wieder einmal - um das Ansehen der Kirche. Aber das ist ja nichts Neues.

Und es geschah das, was Opfer zu oft erleben: Sie wurden wieder einmal getäuscht, belogen, hintergangen, ihr Vertrauen in die katholische Kirche - so sie es noch aufbringen konnten - wurde missbraucht. Auch das: Nichts Neues.

Erika Kerstner 13.1.2013

1 Pikant: In einer Internetdiskussion sagte am Sonntag, 13.1.2013 ein Mitarbeiter des Bistums Trier: "Was 'erreichbare Informationen' heißt, hätte Professor Pfeiffer vor Vertragsabschluss erfahren können, hätte er in das Kirchenrecht geschaut." Das bedeutet, dass dieser Kirchenmitarbeiter der Ansicht ist, Prof. Pfeiffer müsste das Kirchenrecht kennen - und nicht die Bischöfe müssten den Forscher über die Begrenzungen der Recherchemöglichkeiten durch das Kirchenrecht informieren.

Kirchenrechtliche Vorschriften:
  • Can. 488 — Es ist nicht erlaubt, Dokumente aus dem Archiv herauszugeben, es sei denn für nur kurze Zeit und mit Zustimmung des Bischofs oder zugleich der des Moderators der Kurie und des Kanzlers.
  • Can. 489 — § 1. In der Diözesankurie muß es außerdem ein Geheimarchiv geben, wenigstens aber einen eigenen Schrank oder ein eigenes Fach im allgemeinen Archiv, das fest verschlossen und so gesichert ist, daß man es nicht vom Ort entfernen kann; in ihm müssen die geheimzuhaltenden Dokumente mit größter Sorgfalt aufbewahrt werden.
  • § 3. Aus dem Geheimarchiv bzw. Geheimschrank dürfen keine Dokumente herausgegeben werden.
  • Can. 489 § 2. Jährlich sind die Akten der Strafsachen in Sittlichkeitsverfahren, deren Angeklagte verstorben sind oder die seit einem Jahrzehnt durch Verurteilung abgeschlossen sind, zu vernichten; ein kurzer Tatbestandsbericht mit dem Wortlaut des Endurteils ist aufzubewahren.
  • Can. 490 — § 1. Nur der Bischof darf den Schlüssel zum Geheimarchiv haben.
  • Can. 1082 — Falls nicht ein Reskript der Pönitentiarie anderes vorschreibt, ist die für den inneren nichtsakramentalen Bereich von einem geheimen [Ehe-] Hindernis erteilte Dispens in einem Buch zu vermerken, das im Geheimarchiv der Kurie aufzubewahren ist; eine weitere Dispens ist für den äußeren Bereich nicht notwendig, wenn das geheime Hindernis nachträglich bekannt geworden ist.
  • Can 1133 - Eine geheim geschlossene Ehe ist nur in einem besonderen Buch einzutragen, das im Geheimarchiv der bischöflichen Kurie aufzubewahren ist.
  • Can. 1339 — § 1. Denjenigen, der sich in nächster Gelegenheit befindet, eine Straftat zu begehen oder auf den aufgrund einer erfolgten Untersuchung der schwerwiegende Verdacht einer begangenen Straftat fällt, kann der Ordinarius entweder selbst oder durch einen anderen verwarnen.
  • § 2. Demjenigen aber, aus dessen Lebenswandel ein Ärgernis oder eine schwere Verwirrung der Ordnung entsteht, kann er auch einen Verweis in einer Weise erteilen, die den besonderen Verhältnissen der Person und der Tat entspricht.
  • § 3. Die Verwarnung und der Verweis müssen immer wenigstens aufgrund irgendeines Dokumentes feststehen, das im Geheimarchiv der Kurie aufzubewahren ist.

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