Betroffene

Gebete

Frei sein

Frei will ich sein.
Aber du hast mich gebunden:
Mit den Wunden meines Körpers und den Wunden meiner Seele,
Mit Todesfurcht, Einsamkeit und Verzweiflung,
Mit Schmerz, Ohnmacht und Entsetzen,
Dich kniend um Gnade anbetteln zu müssen.
Mit meiner Angst vor dir,
Deinem Vergnügen an meiner Qual.
Mit der Trauer um alles Fröhliche,
Dem Schweigen über das Unsagbare,
Dem Glauben, das alles zu verdienen,
Der Hoffnung, etwas ändern zu können.
Mit meiner Liebe zu dir.

Frei wollte ich sein.
Ich habe mein Leid verborgen, vergessen, bekämpft,
Erinnert, angeschrieen und betrauert.
Aber so wurde ich nicht frei.

Wenn ich nicht ohne mein Leid leben kann, will ich mit ihm leben.
Ich will umarmen, die ich in meinem Leid geworden bin,
Und mich willkommen heißen.
Ich verdiene es zu leben.
Ich kann nicht frei sein?
Wenn ich mit meinem Leid tanzen und singen und erschaffen kann,
Wenn alles in mir das Leben feiern kann,
Bin ich schon jetzt ganz,
Bin ich schon jetzt frei.

(in: Spiegel meiner Seele, hrsg. von Petra Pauls, Lumen Verlag, Freiburg i.Br. 2005, S. 150 f.)
http://www.lumen-verlag.de/




Susanne Kristen
Verbündet

Ich bin verbündet, mit dir, gegen sie,
dagegen, immer wieder zu hören
wie ein Täter aus dir spricht... oder eine Täterin...
Dagegen, dass die Stimme dir sagt,
dass du wertlos bist, Abfall, falsch, unwert;
dass du es wolltest, dass du genau so bist wie sie
und dass du schweigen muss,
dass dir niemand glaubt, dass dich niemand erträgt...
Aber ich bin verbündet und glaube dir, ich halte dich aus
und das, was du erzählst, wenn du es erzählst...
und auch, wenn du selbst glaubst,
was sie dir eingetrichtert haben.

Ich bin verbündet, mit dir, gegen sie,
gegen Bulimie, Anorexie, Adipositas und Binge,
gegen Alpträume und Selbstverletzung,
gegen Panikattacken, Magen- und Darmprobleme,
gegen HErzprobleme und Asthmaanfälle,
gegen Migräne und Wirbelsäulenprobleme,
gegen Schmerzen ohne körperliche Ursache,
gegen Ängste vor allem und jedem, auch vor mir.
Verbündet mit dir, dass du Nähe aushältst,
die dir mehr Angst macht als alles nur denkbar Schlimme,
die dich immer wieder auch vor mir in Panik weglaufen
oder erstarren lässt,
die dich immer wieder auch mich als Fremde behandeln lässt,
kalt und gleichgültig,
die dich immer wieder auch in mir einen Feind sehen
und angreifen lässt.
Dabei bin ich doch derselbe Mensch wie vor 5 Minuten,
Ich bin immer noch ich.
Ich bin immer noch in der Gegenwart -
du nicht.
Und du merkst es nicht einmal.
Und dann ziehst du dich zurück und gibst auf.

Ich bin verbündet, mit dem verängstigten Kind
hinter der panischen Angst, hinter dem wütenden Angriff,
hinter dem kalten schnippischen Wegstoßen
und dagegen, dass es sich selbst die Schuld gibt.

Ich bin verbündet, obwohl du glaubst,
es wäre zuviel für mich zu wissen,
was dir angetan wurde und wie du dich heute fühlst.
Das halte ich aus - aber anderes gar nicht gut.
Es fehlt mir, einfach nur ich sein zu können.
Es verletzt mich, dass du mir zutraust,
ich stünde auf der Seite der Täter
und dächte und handelte wie sie.
Es fehlt mir, Stabilität und Verlässlichkeit zu bekommen.
Es fehlt mir, genommen zu werden, wie ich bin.
Es belastet mich, dass ich so selten die Bestätigung bekomme,
dass der eingeschlagene Weg richtig ist,
dass es richtig ist, weiter zu hoffen,
für dich mit zu hoffen und für dich mit nicht aufzugeben,
wenn du nicht mehr hoffst und aufgegeben hast.

Aber ich bin verbündet und kann auch das aushalten,
ich hoffe, lange genug,
für dich, mit dir und auch für mich
und gegen alles, was sie angerichtet haben.


Susanne Kristen, Verbündet, in:  Manuela Jung, Susanne Kristen, Petra Berndt (Hrsg) Überlebenskunst. Folgen und Erfolge, Freiburg 2007, S. 200 - 2001