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Ausschnitte aus Hoffnungsbriefen


Du bist nicht, wo Unrecht geschieht

Du bist nicht
Gott
wo Unrecht geschieht
Es sei denn auf der Seite der Benachteiligten

Du bist nicht
Gott
wo man auf Kosten anderer lebt
Es sei denn auf der Seite der Armen

Du bist nicht
Gott
wo man die Güter des Lebens anhäuft
Es sei denn auf der Seite der Ausgeschlossenen

Du bist nicht
Gott
wo Menschen durch Gewalt zerstört werden
Es sei denn auf der Seite der Opfer

Darum will ich Dich suchen
in der Gerechtigkeit
und bei den Benachteiligten und Armen,
bei den Ausgeschlossenen und den Opfern der Gewalt
(nach: A. Rotzetter: Gott, der mich atmen lässt. Gebete des Lebens, S. 196)



Jochen Klepper muss es wissen. 1903 geboren. Abgebrochenes Theologiestudium, wechselnde Tätigkeiten in der Nazizeit. Verheiratet mit Hanni, Jüdin, deren Töchter auch Kleppers Töchter werden. Brigitte kann vor der drohenden Verfolgung und Vernichtung nach England emigrieren. Die Rettung der Tochter Renate gelingt nicht, obwohl Klepper bei Eichmann persönlich vorstellig wird. Am 29. August 1940 muss Renate sich zur Registrierung melden. Sie sagt: "Nur einmal das Gefühl haben, dass es nicht immer noch schwerer kommt."
Als Renates Schicksal, ihre Vernichtung in einem der Todeslager der Nazis, unausweichlich ist, begehen am 10. Dezember 1942 Jochen, Hanni und Renate Klepper Selbstmord.

Jochen Klepper kann vor diesem Hintergrund dennoch an seiner Hoffnung festhalten: Die Nacht ist vorgedrungen, der Tag ist nicht mehr fern. Da ist er sich mit Paulus einig: "Denn jetzt ist das Heil uns näher als zu der Zeit, da wir gläubig wurden. Die Nacht ist vorgerückt, der Tag ist nahe." (Röm 13,12)

Die Nacht ist vorgedrungen,
der Tag ist nicht mehr fern.
So sei nun Lob gesungen,
dem hellen Morgenstern.
Auch wer zur Nacht geweinet,
der stimme froh mit ein.
Der Morgenstern bescheinet
auch deine Not und Pein.

Noch manche Nacht wird fallen
auf Menschenleid und -schuld.
Doch wandert nun mit allen
der Stern der Gotteshuld.
Beglänzt von seinem Lichte,
hält euch kein Dunkel mehr;
von Gottes Angesichte
kam euch die Rettung her.

28.11.2004
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Unfassbar

dass Gott Mensch wird in einer solchen Welt der Verstrickung in Lüge und Gewalt.
Reichlich verrückt auch, wenn Menschen genau dies für die Rettung aus der Gewalt halten: die Geburt eines kleinen Kindes in Betlehem ("Haus des Brotes") vor über 2000 Jahren. Es sieht ganz so aus, als würden noch alle menschlichen Konzepte von Gewaltüberwindung über kurz oder lang scheitern - am Menschen. Offensichtlich braucht es ein anderes Konzept und genauso offensichtlich sind wir nicht in der Lage - zumindest gilt das für Vergangenheit und Gegenwart -, von selber draufzukommen. Es muss uns geschenkt werden. Und wir müssen zulassen, dass es uns geschenkt wird. 

Ich danke euch, dass ihr hier die Hoffnung teilt, dass dieses Kind neue, andere, rettende Perspektiven für uns und die Welt bereithält, denen wir im Laufe des Jahres immer wieder nachgegangen sind.

Der Prophet Jesaja hat für "jenen Tag", an dem unsere Hoffnung sich erfüllt, eine Vision entwickelt: "An jenem Tag hören alle, die taub sind, sogar Worte, die nur geschrieben sind." (Jes 29, 18 a)
Wir haben nichts anderes getan als zu schreiben und zu lesen. Und häufig war ich überrascht, dass wir lesen und verstehen konnten, was nicht hatte geschrieben werden können, weil die Worte fehlten. Für mich war dies ein sehr hoffnungsvoller Vorgang, der mich oft - trotz allem Schweren - mit großer Freude erfüllte. Dafür danke ich euch herzlich. Ich wünsche uns, dass das Wort des Engels an die Hirten für uns an guten und an schweren Tagen hörbar bleibt: Fürchtet euch nicht!  Und dass wir - wie bisher - einander daran erinnern können, wenn eine von uns es zu vergessen droht!





Das Fasten

(Auszüge aus Jes 58)


"Warum fasten wir, ohne dass du es beachtest
und warum kasteien wir uns, ohne dass du es siehst?"

Seht, am Tag, da ihr fastet,
geht ihr den Geschäften nach
und drängt alle eure Arbeiter.

Seht, zu Streit und Hader fastet ihr
und schlagt dabei den Armen mit der Faust.
Euer jetziges Fasten ist nicht so,
dass es eurem Rufen in der Höhe Gehör verschaffen kann.

Ist das ein Fasten, wie ich es liebe,
ein Tag, an dem man sich kasteit?
Dass man seinen Kopf wie ein Schilfrohr hängen lässt
und sich in Sack und Asche bettet?
Das heißest du ein Fasten,
einen Tag, der Jahwe gefallen soll?

Wisst ihr nicht, wie das Fasten ist, das ich liebe?
So spricht der Herr Jahwe:
Ungerechte Fesseln öffnen und des Joches Stricke lösen;
die Bedrückten frei entlassen und jegliches Joch zerbrechen;

dein Brot dem Hungrigen brechen
und obdachlose Arme aufnehmen in dein Haus;
den Nackten, den du siehst, bekleiden
und dich deinen Mitmenschen nicht entziehen.

Dann wirst du rufen, und Jahwe wird dir antworten;
du wirst flehen, und er wird sagen:
"Siehe, hier bin ich!"
Wenn du aus deiner Mitte Bedrückung,
Fingerrecken und Unheilsrede entfernst,

wenn du Hungrigen dein Brot schenkst
und den Gebeugten sättigst,
dann wird im Dunkel dein Licht erstrahlen,
und deine Finsternis wird zur Mittagshelle.

Dann wird Jahwe dich allezeit leiten
und deine Seele selbst im dürren Lande sättigen.
Er wird deine Glieder mit Kraft erfüllen;
du wirst wie ein wohlbewässerter Garten sein,
wie eine Quelle, deren Wasser nie versiegt.

Und du wirst uralte Trümmer wieder aufbauen,
die Grundmauern vergangener Geschlechter
wirst du wieder aufrichten.
Dann wird man dich nennen:
Der Breschen vermauert,
und: Der Trümmer zum Wohnen wiederherstellt.

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Liebe N.N.!

Du fragst danach, wer für mich Jesus ist. Er ist neben mir, auf Augenhöhe. Ich versuche zu erklären, was ich meine:

Mir ist die Vorstellung sehr fremd, dass Leid für etwas gut sein soll. Ich glaube auch nicht, dass Jesus freiwillig und gern ans Kreuz gegangen ist. Immerhin ist er gekreuzigt worden und hat sich nicht selbst ans Kreuz gehängt, weil er so wild drauf gewesen wäre, die Menschen zu erlösen. Ich sehe, dass er mit seiner Botschaft unter die Räder menschlicher Machtspiele gekommen ist und deshalb sterben musste. Was wäre das für ein Gott, der will, dass sein Sohn so grausam stirbt? Das kann nicht der Wille Gottes gewesen sein. Der Tod Jesu gehört mit aller radikalen Konsequenz zu seinem Leben, zu seinem Eintreten fürs Reich Gottes. Auf diese Weise erlebe ich Jesus am Kreuz neben mir. Das heißt also: Wenn ich leide, dann hilft mir die Nähe von Jesus, der selbst zum Opfer menschlicher Willkür wurde und durch die Nacht des Todes gegangen ist. Wenn ich das schreibe, dann finde ich das fast peinlich fromm. Aber diese Erfahrung habe ich in einem sehr intensiven, fast mystischen Moment gemacht:

Vor Jahren erlebte ich an einem Karfreitagabend in einer alten Kirche eine volkstümliche Prozession, in der Gläubige ein großes Holzkreuz mit einer lebensgroßen Jesusfigur zu einem Ort trugen, an dem sie den geschändeten Körper Jesu salbten. Ich beobachtete, wie die Menschen sich mit einer derart liebevollen Intensität um den gestorbenen Jesus kümmerten, dass ich aufs Tiefste berührt war. Mich durchflutete eine so tiefe Dankbarkeit und Wertschätzung für die Behutsamkeit und Liebe, mit der die Menschen Jesus salbten und küssten, dass das auf mich überging.

In diesem Salbungsgeschehen erlebte ich die unglaubliche Wehrlosigkeit Gottes, der sich Menschen ausliefert - und genau in dieser Wehrlosigkeit liegt ein großes Geheimnis. Jesus neben mir sagt: Ich stehle mich nicht davon und mache die Augen nicht zu, wenn Menschen gefoltert, gequält, missbraucht und vergewaltigt werden. Jesus selbst übergab sich menschlichen Händen und es liegt bis heute an uns, diese Wehrlosigkeit Gottes als das zu begreifen, was sie sein will: Ein konsequent ehrliches Eintreten für das Reich Gottes – einen Ort, an dem Menschen gewaltfrei und gerecht miteinander leben können. Ein solches Leben ist gefährlich und passt nicht immer zu den Wellnesskategorien unserer Zeit.

Seit dieser Salbungszeremonie weiß ich, dass meine schlimmen biographischen Erfahrungen bei weitem nicht die schlimmsten auf Erden sind und sehe es als Aufgabe, die Kreuze dieser Welt aufzuspüren und anzuprangern und den Opfern mit Achtung, Respekt und Solidarität zu begegnen. In ihnen begegne ich Jesus.

Kannst du jetzt besser nachvollziehen, was ich mit Jesus neben mir meine?

Herzlich, N.N.



Pfingsten 2005
Hallo, ihr!

Mit dem Feuer zu spielen, kann gefährlich sein. Aber es kann auch ein Funke überspringen :-) So geschehen am Pfingstfest - und lange davor schon vorbereitet.

Petrus hält eine Predigt. Vermutlich ist dieser Predigttext erst von Lukas in die Form gegossen worden, die uns heute in der Apostelgeschichte 2,14 - 36 vorliegt. Der Fischer vom See Gennesaret hatte wohl diese Eloquenz nicht, ungebildet wie er war. Aber er hatte etwas erlebt, ohne das diese Predigt damals - und auch heute - niemanden beeindruckt hätte. Er war erschüttert worden. So sehr, dass er auch der eigenen Feigheit ins Gesicht schauen konnte, ohne ihr in Verzweiflung das letzte Wort zu lassen.
Er kann eine Pfingstpredigt halten, die an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig lässt. Er mutet seinen ZuhörerInnen die bittere Wahrheit zu: Sie haben Jesus durch die Hand von Gesetzlosen umgebracht. Und Petrus wird dabei nicht vergessen haben, dass auch er zu den Gegnern Jesu übergelaufen war. Er kenne diesen Jesus gar nicht, hatte er auf mehrfache Nachfragen gesagt. Danach allerdings hat er "bitterlich geweint".  Manchmal beginnt das Glück mit dem Weinen.

Heute steht Petrus in Jerusalem und sagt in aller Öffentlichkeit die bittere Wahrheit, die auch seine eigene ist. Aber sie ist noch nicht die ganze Wahrheit. Die ganze Wahrheit heißt: "Denn euch und euren Kindern gilt die Verheißung und all denen in der Ferne, die unser Gott herbeirufen wird." Und Petrus kann sich an den Propheten Joel erinnern: "Ich werde von meinem Geist ausgießen über alle Menschen. Eure Söhne und Töchter werden Propheten sein, eure jungen Männer werden Visionen haben, und eure Alten werden Träume haben. Auch über meine Knechte und Mägde werde ich von meinem Geist ausgießen in jenen Tagen, und sie werden Propheten sein." (Joel 3, 1-2) Nur eines müssen die ZuhörerInnen tun: Sich retten lassen.

Einige können da nur spotten: Die sind besoffen. Sie mögen sich kopfschüttelnd und achselzuckend abgewandt haben. Manche vielleicht gleichgültig, andere verärgert, einige gar hasserfüllt. Diesen Menschen wird nichts Neues geschehen. Keine Hoffnung wird ihnen aufscheinen - es bleibt alles beim hoffnungslos Alten.
 
Andere scheinen von Anfang bis Ende ganz Ohr gewesen zu sein. Sie ließen sich nicht irritieren - nicht einmal von sich selbst. Und ihnen geschieht das Wunder: Die Predigt des Petrus "trifft sie mitten ins Herz", weil die Verheißung nicht nur den Kindern und nicht nur jenen in der Ferne gilt, sondern auch ihnen selbst. Das haben sie verstanden.
So fängt es an, mit offenen Ohren und offenen Herzen - und manchmal auch mit einem Weinen.

Dass wir uns nicht durch unsere Ängste, Zweifel und Hoffnungslosigkeiten irritieren lassen, wünsche ich uns. Ebenso wünsche ich uns, dass wir erschütterbar bleiben durch die Verheißung, dass das Neue - wie Petrus ganz richtig sagt - JETZT schon geschieht.

Mancher von uns ist das alte Gebet Veni sancte spiritus (um 1200) eine Hilfe. Und Hilfe können wir gut brauchen - von allen Seiten und aus allen Zeiten :-)

Frohe Pfingsten!
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Komm herab, o Heilger Geist,

die die finstre Nacht zerreißt,
strahle Licht in diese Welt.
Komm, die alle Armen liebt,
komm, die gute Gaben gibt,
komm, die jedes Herz erhellt.

Höchster Tröster in der Zeit,
Gast, der Herz und Sinn erfreut,
köstlich Labsal in der Not,
in der Unrast schenkst du Ruh,
hauchst in Hitze Kühlung zu,
spendest Trost in Leid und Tod.

Komm, o du glückselig Licht,
fülle Herz und Angesicht,
dring bis auf der Seele Grund.
Ohne dein lebendig Wehn
kann im Menschen nichts bestehn,
kann nichts heil sein noch gesund.

Was befleckt ist, wasche rein,
Dürrem gieße Leben ein,
heile du, wo Krankheit quält.
Wärme du, was kalt und hart,
löse, was in sich erstarrt,
lenke, was den Weg verfehlt.

Gib dem Volk, das dir vertraut,
das auf deine Hilfe baut,
deine Gaben zum Geleit.
Lass es in der Zeit bestehn,
deines Heils Vollendung sehn
und der Freuden Ewigkeit.
Amen und Hallelu-ja.


Liebe Weggefährtinnen!


"Ihr wisst, dass die, die als Herrscher gelten, ihre Völker unterdrücken und die Mächtigen ihre Macht über die Menschen missbrauchen. Bei euch aber soll es nicht so sein, sondern wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein, und wer bei euch der Erste sein will, soll der Sklave aller sein." (Mk 10, 42-44)

Wir wissen, wovon wir reden, wenn wir sagen, dass Mächtige ihre Macht über die Menschen missbrauchen. Wir wissen auch, welche Folgen das für jede von uns hatte und bis heute hat. Wir sehen, an wie vielen höchst privaten und ebenso öffentlichen Orten unserer Welt Menschen einander zerstören. Sie bedienen sich körperlicher, seelischer, sexueller Gewalt ebenso wie wirtschaftlicher und struktureller Macht. Nicht wenige von uns sind mehrfach Ausgeschlossene: ausgeschlossen von einer gesicherten Arbeitsstelle, ausgeschlossen von einem gesicherten Lebensunterhalt; ausgeschlossen vom Rückhalt, den eine Herkunftsfamilie geben sollte. Gemeinsam ist uns auch noch immer der weitgehende Ausschluss aus dem Diskurs derer, die das Sagen haben, über Gewalt. Als Opfer von Gewalt scheinen wir ihnen unfähig zu sachgerechter Auseinandersetzung mit Gewalt. Und so reden sie weiterhin über uns und nicht mit uns. Dass es trotz Aufklärung und Prävention noch immer Opfer geben soll, ist eine einzige Provokation. Sie ist nicht zu dulden. Wir sind zu übersehen, denn wir stören und verstören. Wir erleiden nach der Gewalt und ihren anhaltenden Folgen auch noch die Ohnmacht des Nichtgehörtwerdens. Nicht immer ist das einfach. Nicht immer gelingt es, ohne Bitterkeit aus dieser Ohnmacht rauszufinden.

Die Alternative - Teilhabe an der Macht der Mächtigen - jedoch ist nicht wirklich attraktiv. Wer von uns will schon anderen tun, worunter sie selbst gelitten hat und leidet?

Wenn die eigene Ohnmacht zu erdrücken scheint, hilft mir ein Blick auf den heruntergekommenen Gott. Auf ihn, der längst bei uns ist, warten wir erneut  in diesen Tagen. Wenn wir nach ihm Ausschau halten in den Palästen und Zentren jeglicher Macht, werden wir ihn verfehlen. Wir müssen schon anderweitig suchen, nämlich dort, wo er sich auch finden lässt: Bei denen, die vielfältig Ausgeschlossene sind. In den Häusern der Macht und des Geldes werden wir nicht satt werden. Unsere Chance liegt in Betlehem, das nicht umsonst "Haus des Brotes" heißt.
Dass wir miteinander diese Chance wahrnehmen, wünscht sich und uns allen - verbunden mit dem herzlichen Dank für ein langes Jahr gegenseitiger Solidarität!

Advent 2005
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Auf der Suche nach einer Heimat - Herbergssuche

Asylant = am Rande, abgeschoben. Abgeschoben wird man nicht nur von einem Land ins andere -  "abgeschoben", am Rande, kann man auch im eigenen Land sein. Maria und Josef haben das damals erlebt. Sie waren nicht willkommen im eigenen Land, keine Herberge. Sie hatten ja nichts zu bieten. Sie waren nicht angesehen, zwei einfache Leute und dazu die Frau noch schwanger. Lieber weiterschicken, man hatte keinen Platz, man hatte für sie keinen Platz, für jemand andern vielleicht schon, aber eine Schwangere, wer weiß, was da noch passieren kann, was da noch auf uns zukommt, ob die dann nicht noch unsere Zeit in Anspruch nimmt, besser Finger davon lassen. In dieser hektischen Zeit, da reicht ja die Zeit für einen selbst nicht, damals mit dem Massenansturm bei der Volkszählung, heute mit dem ganzen "Weihnachtsstress" bei so manchem.

Und doch wäre es wichtig, bewußt sich auch etwas Zeit zu nehmen, nur mit Hetze und Streß, da kann auch bei uns nicht Weihnachten werden. Wir verpassen was, wenn die Tür zu ist, weil niemand zu Hause ist, dann kann alles Äußere nach Weihnachten aussehen oder "riechen", aber innen drinnen kann ER nicht ankommen, nicht geboren werden, weil wir keine Zeit haben.

Abgeschoben werden, das passiert leider auch in unseren Kirchen. Ich denke an eine Frau, der ich vor ein paar Tagen begegnete. Sie hatte 35 Jahre im kirchlichen Dienst gearbeitet, ich kenne sie, sie war immer für die andern da, organisierte vieles, machte auch Überstunden, wenn es sein mußte. Ich kenne diese Frau als immer freundlich. Sie ist alleinstehend und hat ein sehr schweres Schicksal hinter sich, angefangen mit ihrer Geburt, sie war damals auch nicht erwünscht. Inzwischen ist die Frau Alkoholikerin geworden, ich kenne sie kaum wieder, aber sie hat noch immer durch die äußere Schale hindurch etwas von ihrer Liebenswürdigkeit für mich. Abgeschoben, jetzt wo ihr vielleicht ein Besuch im Krankenhaus gut täte, kommt keiner von denen, für die sie immer gearbeitet hat. Sie "bringt" nichts mehr, selbst schuld heißt es, aber ihre leidvolle Lebensgeschichte mit der sie überfordert war, ihre vielen Tränen, ihren guten Willen was zu ändern, die sieht keiner. Wo ist da etwas von Weihnachten spürbar ? Auch sie ist eine, die Herberge sucht und sie findet sie nicht .

Weihnachten? Gottes Wort, Fleisch und Blut? Und weil Gott das Herz des Menschen kennt und weiß, wie herzlos Menschen sein können und wie hart im Urteilen, wie sehr nur die äußeren Fakten gesehen werden, deshalb entschloß er sich, seine Liebe Mensch werden zu lassen in Jesus seinem Sohn. Es heißt, das Wort ist Fleisch geworden. Wie sehr kann ein Wort verändern. Es kann verletzen, entwerten, entmutigen, niederschmettern, kaputt machen, sogar Leben auslöschen. Ein gutes Wort aber kann eine Stimmung ändern, kann uns den Glauben an uns selbst, an die Menschen, sogar an Gott wiedergeben. Es kann die Herzen füreinander öffnen und die Gesichter erhellen. Das schönste Wort, nach dem sich doch die meisten Menschen im Innersten sehnen, ist "Ich liebe dich". Es kann ein Leben verändern, wenn es von dem Menschen kommt, der für uns wichtig ist. Worte können uns so unser eigenes Wesen wieder zurückgeben, uns bestätigen als die, die wir im Innersten wirklich sind.

Gottes Wort in Jesus, sein lebendiges Wort, das Mensch, menschlich wurde, damit es uns möglich ist, IHN zu verstehen, das sagt uns: Mensch du bist mehr wert, als nur das Äußere, ich mag dich, ja ich liebe dich und bei mir darfst du sicher sein, daß du nie abgeschoben wirst, ich halte zu dir und stehe zu dir, was immer geschieht, egal wie tief du fällst, wenn du bei Menschen keine Heimat mehr hast, bei mir hast du sie immer. Und damit du, Mensch, nicht allein bist in deinem "Asylantentum", bin ich herabgestiegen und auch ein Ausgestoßener geworden, um dir zur Seite zu stehen, um dir Asyl = Schutz zu geben in einer kalten Welt, um dich zu verstehen, dir zu zeigen, daß ich weiß, wie sich das anfühlt, bin ich Mensch geworden, Mensch wie du mit allen menschlichen Leiden und Freuden. Ich bin gekommen, damit ihr Armen, Einsamen und Ausgestoßenen nie mehr allein sein müßt. Ich selbst möchte es euch an Weihnachten sagen, wie damals die Botschaft zu den Hirten: Fürchtet euch nicht, ich will euch eine große Freude verkünden, ich liebe euch, ihr seid mir wichtig, ich stehe zu euch. Und weil ich, Euer Gott, zu Euch stehe, seid ihr wertvoll und habt Würde, unabhängig davon, wie Menschen mit euch umgehen, was sie von euch denken. Diese Würde, von mir verliehen, kann euch niemand nehmen, denn sie ist in euch, so, wie ich bei euch und in euch bin. Und ich denke, für jeden, der das AusgeschlossenSein kennt, weiß, daß ein gutes Wort, das für den Andern Dasein, Das Mit-Ihm-Gehen, wirklich Freude bringt, auch wenn sie zuerst nur ganz klein ist, noch verborgen unter der Depression, aber zumindest tut es gut, nicht allein in einem schäbigen Stall zu sein, sondern zu wissen, dort in "meinem" Stall mit all den Sorgen und Leiden, aber auch Freuden erwartet mich einer. ER freut sich, wenn ich zu ihm komme wie die Hirten damals, die auch nichts zu bieten hatten, genauso wie Maria und Josef. Aber Gott, stört es nicht, daß wir nichts "Großartiges" zu bieten haben, er erwartet nur unser offenes, bereites Herz. Er bietet uns dafür was ganz Kostbares, seinen Sohn.
ER wird Mensch, damit wir miteinander menschlicher umgehen und es nie mehr in seinem Sinne heißen kann "es ist kein Platz in der Herberge, wir wollen nicht gestört werden, wir wollen unter uns sein!" ER ist für die am Rande da, für die Kranken, Einsamen, Traurigen und all die Zu-kurz-Gekommen. ER ist aber auch bei all denen, die sich um andere kümmern, oder auch nur einem anderen ein gutes Wort schenken. Über die freut er sich, daß sie in seinem Namen und an seiner Stelle etwas von dem liebenden und treusorgenden Gott lebendig werden lassen. Durch ihr Tun wird Jesus neu geboren, bekommt seine Botschaft "Herz", Herz - sichtbar für die Anderen, aber auch Freude in uns selber, etwas von dem weiterschenken zu dürfen, was uns zuerst Gott selbst in Seinem Sohne sandte. In diesem Sinne einen tiefen Frieden in der Hl. Nacht und die Freude, daß Gott uns als Licht für Andere gebrauchen kann, trotz unserer Begrenzungen und Fehler.

Das ist Weihnachten: Gott schenkt sich uns als Mensch, weil ER uns mag und ihm an uns liegt und ER befähigt uns und traut uns zu, seine Botschaft mit Herz all denen weiterzugeben, die sich danach sehnen, egal ob ein gutes Wort oder durch Zuhören, oder was immer, jeder an seinem Platz, auf seine ihm eigene Weise, so daß auch in den dunkelsten Winkel ein kleiner Strahl Licht kommt.

Frohe Weihnachten!
Eure A.


Es liegt uns nahe - und dies ganz zu Recht! - zu fragen, wo denn unser Gott war, als wir unter die Räuber gefallen sind. Es liegt uns nahe, zu beklagen, wie viele Menschen an uns und anderen Opfern von Gewalt im Nahbereich vorübergehen. Für uns hat sich seit dem Erzählen des Gleichnisses vom barmherzigen Samariter (Lk 10,25-37) noch nichts Entscheidendes verändert. Noch immer ist es so, dass Menschen an den Traumata deren, die unter die Räuber gefallen sind, unberührt und ohne Mitleid vorübergehen. Wie der Priester der Gleichniserzählung, der nicht einmal seine Diensttauglichkeit durch kultische Unreinheit gefährdete, so gefährden auch die an uns Vorübergehenden oft nicht einmal ihre Arbeit oder ihr Privatleben: Sie schauen hin - und gehen dennoch vorüber. So war es und so ist es weitgehend bis heute geblieben. Wir müssen das so lange und so laut beklagen, bis es sich spürbar verändert. Das ist keine Frage.

Darüber hinaus jedoch können wir in einer Situation weiterhin andauernden Schweigens über Gewalt im Nahbereich einen Perspektivenwechsel vornehmen. Wir können uns nämlich fragen, wo WIR denn stehen. Bonhoeffer hat in einem seiner Gefängnistexte den ChristInnen ihren Ort gezeigt. Und da er selbst es sich etwas kosten ließ, sich an diesem Ort aufzuhalten, dürfte er auch für uns ein glaubwürdiger Zeuge sein. Er schrieb:

"Menschen gehen zu Gott in ihrer Not,
flehen um Hilfe, bitten um Glück und Brot,
um Errettung aus Krankheit, Schuld und Tod.
So tun sie alle, alle, Christen und Heiden.

Menschen gehen zu Gott in Seiner Not,
finden ihn arm, geschmäht, ohne Obdach und Brot,

sehn ihn verschlungen von Sünde, Schwachheit und Tod.

Christen stehen bei Gott in Seinen Leiden.

Gott geht zu allen Menschen in ihrer Not,
sättigt den Leib und die Seele mit Seinem Brot,
stirbt für Christen und Heiden den Kreuzestod,
und vergibt ihnen beiden.
(Dietrich Bonhoeffer, Widerstand und Ergebung, München 1970, S. 382)

Da gehören sie hin, die Christinnen und Christen - zu Gott in Seinem/Ihrem Leiden. Gott leidet, wenn Menschen leiden gemacht werden. Wer bei Gott stehen will, kann dies nicht anders als dass er und sie den Menschen beisteht, die leiden gemacht werden. Jesus sagt es eindeutig: "Was ihr für eines meiner geringsten Geschwister getan habt, das habt ihr für mich getan." Keine von uns ist disqualifiziert für das Einander-Beistand-Geben dadurch, dass sie selbst das Leiden an Traumafolgen viel zu gut kennt und dass sie weiß und immer neu erfährt, was Solidaritätsverweigerung anrichtet. Mir scheint, dass wir eine gute Wahl treffen, wenn wir uns bei Gott in Seinem Leiden und damit auch beieinander verorten. Der Trost, den wir einander gewähren können, ist noch nicht aufgebraucht. Es ist nicht ausgeschlossen, dass gewährter Trost satt macht in hungriger Zeit.

Dass wir einander und anderen Menschen Trost schenken können, wünsche ich uns allen!
1.3.2006
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Mach dir nur ja keine Hoffnungen! Du wirst schon sehen...!" Einen solch drohenden Satz, eine solche Botschaft kennen viele von uns. Hoffnung war bedrohlich. Eine Hoffnung zu haben schien identisch mit ihrem Scheitern. Oft über viele Jahre und nicht selten in der prägenden Kindheit lernten wir, dass es sich besser bzw. überhaupt nur leben lässt, wenn wir keine Hoffnungen haben. Durch sie würde alles nur noch unerträglicher werden. Eines war sicher: Eine nicht-gehegte Hoffnung konnte schon nicht scheitern. Wenigstens diesen Schmerz konnten wir uns ersparen. Und wir waren gut beraten damit. Viele von uns ersparten sich die Hoffnungen und damit den Schmerz vergeblicher Hoffnungen. Hilfe war ohnehin nicht in Sicht. In solcher Situation ist Hoffnung nicht nur ein Luxus - sie ist ein Ballast. Hoffnungslosigkeit half beim Überleben und erlaubte die Konzentration aller Kraft auf das Überleben. Bis heute ist es immer wieder so, dass wir alle Kraft für das Überleben brauchen und keine Kraft für Hoffnungen haben. Dann ist es klug, wenn wir uns auf das Überleben konzentrieren.

ur: Überleben alleine ist auf Dauer zu wenig. Entschieden zu wenig. Vom Überleben alleine lässt sich noch nicht leben. Da braucht es mehr. Da braucht es eine Hoffnung und eine Sehnsucht. Und wenn WIR diese Hoffnung und Sehnsucht nicht aufbringen, müssen wir Ausschau halten nach jemandem, der oder die stellvertretend für uns Hoffnung hat. Welch ein Glück, wenn wir einen Menschen finden, dessen Hoffnung da anfängt, wo unsere verschüttet ist und manchmal wie erstickt erscheint! Jemanden, der oder die uns unverdrossen von den Hoffnungen erzählt, zu denen wir berechtigt sind! Wir müssen nur zuhören. Und sei es von Ferne.
Ijob ist so ein Mensch, dem es lohnt, zuzuhören. Mitten in seiner Asche sitzend, im Angesicht von vermeintlichen Freunden, die meinten, einen sadistischen Gott rechtfertigen zu müssen, sagt er zu seinem Gott: "Ach, dass du mich noch im Totenreich bergest, mich verstecktest, ... und dann meiner gedächtest!.... Dann wirst du rufen und ich werde dir antworten, nach dem Werk deiner Hände sehntest du dich!" (Ijob 14,13.15). Ijob leistet Widerstand - vermeintlichen Freunden, einem tyrannischen Gott, der eigenen Ungetröstetheit. Er findet sich nicht ab mit den Ereignissen, wie sie sind oder zu sein scheinen. Er hofft, dass Gott ihn birgt, ihn nicht vergisst - und ihn rufen würde. Und Ijob weiß auch, was er dann tun würde: Antworten. Was denn sonst! Wenn Gottes Sehnsucht nach den Menschen nicht ins Leere laufen soll, braucht sie eine Antwort. Unsere. Da wir es mit einem Gott zu tun haben, der geknickte Rohre nicht zerbricht und glimmende Dochte nicht auslöscht, darf unsere Antwort auch leise und ängstlich sein. Zu manchen Zeiten darf sie auch darin bestehen, dass wir die Antwort für später ankündigen. So lange wir die Stimme von Gottes Sehnsucht nach uns noch hören können, solange wir in Rufweite bleiben, ist noch nichts verloren.
In diesen Tagen der Karwoche und der Osterzeit feiern wir Gottes Sehnsucht nach den Menschen. Leben, Sterben und Auferweckung Jesu zeugen davon, dass Gott das Leben will und Gewalt und Tod nicht das letzte Wort lassen wird. Das ist ein Grund zur Freude: Schon einmal hat Gott einen Weg zu den Menschen gefunden. Die Geschichte vieler Menschen mit diesem Gott zeigt, dass es Ihm/Ihr immer neu gelingt, Seiner/Ihrer Sehnsucht einen Weg zu bahnen. Es könnte sein, dass zu manchen Zeiten Gottes Sehnsucht nach uns genügt und dass sie am Ende größer und stärker ist als unsere Hoffnungslosigkeit. Das werden wir abwarten müssen, darauf werden wir warten dürfen, davon dürfen wir uns überraschen lassen.
Dass wir uns Hoffnungen machen lassen können und dann schon sehen werden, das wünsche ich euch und mir!
Gründonnerstag 2006


"Broken bodies - broken dreams" - d.i. der Titel eines vom UN-Office for the Coordination of Humanitarien Affairs im Mai 2006 herausgegebenen Informationsbroschüre über Gewalt gegen Frauen. Die UNO schätzt, dass eine von drei Frauen in ihrem Leben geschlagen oder vergewaltigt wird. Rund 25% der Mädchen und acht Prozent der Jungen sind weltweit Opfer von Kindesmissbrauch. Für Deutschland liegt seit dem November 2005 die erste Studie zu Gewalt gegen Frauen vor. Rund 40% aller Frauen ab 16 Jahre machen danach Erfahrungen mit körperlicher, seelischer, sexueller Gewalt.

Wem der Körper durch Menschengewalt zerbrochen wurde, dem zerschellen auch die Träume. Das ist tatsächlich so. Dennoch bin ich überzeugt davon, dass es auf Dauer nicht bei den zersplitterten Träumen bleiben muss. Das Träumen kann (wieder) gelernt werden. Dazu braucht es die Solidarität Betroffener miteinander und die Solidarität Nichtbetroffener mit Gewaltüberlebenden.

Pfingsten ist genau das richtige Fest, um die Hoffnung auf die Wiederherstellung der Träume zu feiern. Pfingsten ist der Tag, an dem wir uns miteinander unserer Träume vergewissern. Träumen können wir nur, wenn wir uns keine Illusionen machen. Es setzt voraus, dass wir ziemlich genau sagen können, was uns fehlt - und wovon wir folglich träumen dürfen - und müssen. Bevor wir träumen können, müssen wir die Augen öffnen für das, was ist. Wir dürfen uns von niemandem Sand in die Augen streuen lassen, der da sagt, dass das, was wir an Gewalt erlebt haben und erleben, gar keine Gewalt war und ist. Mit Geduld, Stärke und gegenseitiger Ermutigung helfen wir einander zu lernen, der eigenen Wahrnehmung zu trauen. Nur so können wir der ubiquitären Umdeutung der Gewalt und dem ebenso ubiquitären Schweigen darüber den notwendigen Widerstand entgegensetzen. Miteinander können wir uns darüber beraten, was richtig und wichtig, falsch und unbedeutend ist; was gut und nützlich ist auf dem Weg zu einem Leben ohne Gewalt oder - wenn es dafür schon zu spät ist - zu einem Leben mit Gewaltfolgen, die durch Solidarität gemindert werden können.

Fulbert Steffensky schrieb: "Erinnerung an die Träume und Erinnerung an die Opfer - das schuldet die Kirche sich selber und einer traumlosen Gesellschaft." ("Das Haus, das die Träume verwaltet"). So können wir Pfingsten feiern als ein Fest der Erinnerung an die Gaben des Gottesgeistes - Weisheit, Verstand, Rat, Stärke, Erkenntnis, Frömmigkeit (d.i. das, was gut und nützlich ist, was also "frommt"), Gottesehrfurcht. Wir dürfen es feiern - als Vergewisserung, dass wir die Träume von einem Leben ohne Gewalt brauchen und dass der biblische Gott unseren Träumen die Orientierung zu einem Leben in Frieden für alle gibt. Wenn wir zusammen an dieser Orientierungshilfe festhalten, bin ich zuversichtlich, dass wir nicht in unrealistische Illusionen verfallen und keinen Aspekt unserer Erfahrungen übersehen müssen, aus lauter Sorge, uns könnten die Träume unterwegs zerplatzen. Im Gegenteil glaube ich, dass unsere Träume von einem guten Leben ihre Kraft dadurch erhalten, dass wir benennen, was der Verwirklichung der Träume im Weg steht.
Pfingsten 2006
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Liebe Weggefährtinnen! Liebe Freundinnen!

Wenn gewaltüberlebende Frauen mir schreiben, dann formulieren sie nicht selten so oder so ähnlich: "Als die ersten Erinnerungen nach langen Jahren auftauchten, verlor ich den Boden unter den Füßen. Der Himmel stürzte mir ein...." Diese Frauen drücken in kosmischen Bildern aus, was ihnen widerfahren ist: Nichts mehr ist sicher, nicht einmal der Boden unter den Füßen oder der Himmel über einer; es herrschen Chaos und meist kaum noch mitteilbare Angst. Zugleich formulieren diese Frauen, dass sie eine Hoffnung haben. Oft ist diese Hoffnung kaum noch spürbar und die bange Frage ist: Gibt es denn noch etwas, das ich vernünftigerweise hoffen darf?

Dennoch: Während uns Welt-, Menschen-, Kirchen- und Gottesbilder in Scherben gehen - wir stehen nach albtraumhaften Tagen und Nächten auf, schauen uns um und stellen fest: Es sieht so aus wie immer; passiert scheint nichts. Der Himmel ist noch da, die Erde nicht untergegangen. Es ist nur unsere innere Welt - die einzige, die wir haben - die zerbrochen ist. Für manche von uns zerbricht sie 365 Tage eines jeden Jahres und muss jeden Morgen neu zusammengesetzt werden.

Als ich in diesen Tagen das Evangelium las, das die KatholikInnen am 1. Advent lesen werden (Lk 21,25-28.34-36), fiel mir die Ähnlichkeit auf, die zwischen dem apokalyptischen Text des Lukas und so mancher Mail von uns liegt. Zuerst jedoch der Text in der Übersetzung der "Bibel in gerechter Sprache":
"Es werden Zeichen erscheinen an Sonne, Mond und Sternen; auf der Erde wird Angst der Völker herrschen, da sie wegen des Tobens und der Unruhe des Meeres in auswegloser Lage sein werden. Menschen werden den Atem anhalten vor Furcht und vorauseilender Angst darüber, was über den Erdkreis kommen wird. Denn die Kräfte des Himmels werden erbeben. Und dann werden sie den Sohn des Menschen auf einer Wolke kommen sehen, mit Kraft und großem Glanz. Wenn dies beginnt: Richtet euch auf und erhebt euren Kopf! Denn eure Befreiung ist nahe! .... Habt Acht auf euch, damit eure Herzen nicht durch Trunkenheit und Rausch und Lebensangst beschwert werden - denn jener Tag wird plötzlich vor euch stehen wie ein Fangeisen. Denn er wird kommen über die, die vor aller Welt thronen. Aber gebt keine Ruhe und bittet allezeit, dass ihr die Kraft haben werdet, allem, was geschehen mag, zu entgehen, und dass ihr vor den Menschen zu stehen kommt!"
Menschen, die jeden Tag neu die Welt zusammensetzen müssen, um den Tag zu bestehen, die brauchen Trost und Ermutigung. Beides finde ich in diesem Bibeltext:
  • Ermutigung, gepaart mit einer gehörigen Portion berechtigtem Zorn, lese ich in dem Satz, dass "jener Tag" über die kommen wird, die vor aller Welt thronen. Für mich steckt darin der Wunsch nach Gerechtigkeit und die Zusage: Es wird einmal Gerechtigkeit geben, auch für uns!
  • Trost lese ich in der Aufforderung: Richtet euch auf und erhebt euren Kopf! Denn eure Befreiung ist nahe!
  • Und noch etwas lese ich: Dass es gut und nötig und wichtig ist, keine Ruhe zu geben - und allezeit zu bitten.
Mir bleibt zu hoffen, dass wir einander weiterhin ermutigen und trösten und dass keine von uns vergisst, sich aufzurichten und den Kopf zu heben - denn unsere Befreiung ist nahe.



Liebe Frauen, liebe Leserinnen und Leser dieser Internetseite!

Weihnachten - für viele von uns ein schwieriges Fest. Manche können es gar nicht feiern, weil die allerorten propagierte Familienseligkeit für sie nicht zutrifft. Nicht wenige haben sich von ihrer Herkunftsfamilie trennen müssen, weil sie überleben wollten. Nicht wenige sind in diesen Tagen alleine und spüren dies schmerzlich. An sie vor allem denken wir, wenn wir daran erinnern, dass Weihnachten anderes meint als ein harmonisches Familienfest.
In der weihnachtlichen Lesung aus dem Buch des Propheten Jesaja ist von Recht und Gerechtigkeit die Rede: "Auf dem Thron Davids herrscht er über sein Reich; er festigt und stützt es durch Recht und Gerechtigkeit, jetzt und für alle Zeiten (9,1-6).
Alljährlich wird dieser Text gelesen und gehört. Aber wer - außer den von Gewalt Betroffenen selbst - steht auf und fordert Recht und Gerechtigkeit für sie ein? Wer nimmt die allfälligen Spaltungen auf sich, die das Einfordern von Gerechtigkeit mit sich bringt? Wer hält es aus, wenn er mit dem Schweigen der KollegInnen konfrontiert ist, geschnitten wird, offen oder hinter dem Rücken der Nestbeschmutzung bezichtigt wird, weil er Opfern von Gewalt zugewandt ist? Wer riskiert berufliche Nachteile und das Ende einer möglich gewesenen beruflichen Karriere in der Kirche?
Und weshalb ist Eintreten für die Wahrheit derer, die unter die Räuber gefallen sind, verbunden mit der Angst, kirchliche Karriere zu gefährden? Es gibt einige wenige Beispiele, wo Nichtbetroffene sich öffentlich auf die Seite Gewaltüberlebender stellten. Aber auch sie re-agierten auf Berichte oder persönliche Begegnungen mit Gewaltüberlebenden. Die Menge der Gläubigen und die Kirchenleitungen reagieren anders. Als G*w*ltüberlebende,  als evangelische Christin und als kirchliche  Mitarbeiterin, als katholische Christin verstehen wir an dieser Stelle die Kirchen nicht. Sind nicht das lange Schweigen, das Leugnen und Herunterspielen der geschehenen Gewalt und ihrer Auswirkungen, die Ausgrenzung der Betroffenen eine Fortsezung der Strukturen, in denen G*w*lt möglich war? Prävention geschieht nicht nur durch schnell gestrickte Fortbildungen, sondern vor allem durch Veränderungen in den Menschen und den Strukturen, in denen sie leben. Und die sie auch mit gestalten und verantworten.
Ist der Schrei nach Recht und Gerechtigkeit nicht eine große Chance? Ist er nicht immer schon die Kraft gewesen, die Gott auf unsere Welt geholt hat? Weihnachten berührt uns deshalb so, weil Gott als kleines schützenswertes hilfloses Kind in einen kalten feuchten Stall hineingeboren wird.  Und er kommt zu Menschen, die ihn beschützen und für ihn sorgen. Die auf die Stimme des Engels hören, die einem Stern am Himmel folgen und nicht inneren Dämonen wie Herodes. Wenn  wir ernst nehmen, dass Gott als schutzloses angewiesenes Kind in unsere Wirklichkeit kommt, dann können wir nur nach einer Kirche schreien, in der das Verlangen nach Gerechtigkeit und Recht aufbricht. Und wir können in denen unsere Familie sehen, die mit uns dahin unterwegs sind. 

Annette und E.
Weihnachten 2012