Kirche und Missbrauch
Ursula Wirtz, Züricher Psychotherapeutin, arbeitet seit Jahrzehnten mit Überlebenden sexueller Gewalt. Im folgenden Beitrag setzt sie sich mit den Folgen der angezweifelten Glaubwürdigkeit für die Betroffenen auseinander. Auch wenn im Zentrum von Wirtz Aufmerksamkeit der sexuelle Missbrauch steht, gelten ihre Aussagen für alle traumatisierenden Erfahrungen von körperlicher, seelischer und sexueller Gewalt. Wenn sie sich mit sexuellem Mißbrauch in Therapien beschäftigt, gelten ihre Aussagen auch für andere "geschützte Räume", wie Hilfesuchende sie bei Polizei und in der Seelsorge z.B. erwarten dürfen.
Wirtz hielt das Referat auf einer Tagung im Jahr 1990. Leider sind ihre Beobachtungen noch immer aktuell und gültig.

Quelle: Tagungsbericht: Wieso glaubt mir niemand?! Fachtagung zum Problemfeld "Gewalt gegen Frauen und Mädchen" vom 10./11.Oktober 1990 in der Stadthalle Sindelfingen, Hrsg. Frauenbeauftragte des Landkreises Böblingen Annegret Böhm, in Zusammenarbeit mit der Pressestelle des Landratsamtes 7030 Böblingen, Postfach 1640, S. 54-60.
Homepage Frauenbeauftragte des Landkreises Böblingen: http://www.frauenbeauftragte.boeblingen.de/


Die angezweifelte Glaubwürdigkeit
Folgen für die Betroffenen. Dr.Ursula Wirtz, Psychotherapeutin, Zürich
Angoraziegen
Wir beschäftigen uns hier auf dieser Tagung mit dem Thema der "Glaubwürdigkeit" von Opfern sexueller Gewalt. Es scheint mir sinnvoll, die Bedeutung von "glaub-würdig" etwas genauer zu betrachten.

"Glauben" hat mit "vertrauen" zu tun, mit "für wahr halten". Wenn wir jemandem glauben, sind wir von dieser Person überzeugt, wir können uns auf sie verlassen, wir begegnen ihr mit Respekt und Akzeptanz. Der germanische Ursprung des Wortes "galaubjan" macht das besonders deutlich. Dort bedeutet es nämlich: für lieb halten, gutheissen.
"Würdig" ist von Würde abgeleitet und das bedeutet Achtung, Ehre, Wertgefühl. Wenn wir die Frage zulassen, ob sexuell traumatisierte Mädchen und Frauen "glaubwürdig" sind, dann zweifeln wir letztlich, ob diese Menschen es wert sind, daß ihnen geglaubt wird. Die bloße Frage nach der Glaubwürdigkeit sexuell verletzter Menschen ist entwürdigend und entwertend. Jede sexuelle Ausbeutung eines Kindes oder einer Frau bedeutet eine zentrale Verletzung der menschlichen Würde. Die Opfer fühlen sich in ihrer Identität, ihrem Ehrgefühl und Selbstwerterleben tief verwundet. Mit unserem Zweifel an ihrer Glaubwürdigkeit, mit unserer Unsicherheit, ob wir die Betroffenen für wert und würdig befinden können, ihnen Vertrauen und Glauben zu schenken, demütigen wir die Opfer und entwürdigen sie erneut.

Gleichzeitig wirft solches Fragen ein bezeichnendes Licht auf unser ganz persönliches Verhältnis zur ethischen Dimension der Menschenwürde. Es sollte unser unwürdig sein, Opfern sexueller Gewalt alles das zu nehmen, worauf jeder Mensch einen natürlichen Anspruch hat: Achtung, Respekt, Würde.

Bevor wir uns darüber Gedanken machen können, welche Auswirkungen es für Betroffene hat, wenn ihnen nicht geglaubt wird, müssen wir uns vergegenwärtigen, was die Erfahrung sexueller Gewalt für ein Kind oder eine Frau bedeutet. Wir müssen uns an den Folgen orientieren, um besser zu verstehen, wie re-traumatisierend die angezweifelte Glaubwürdigkeit für die Betroffenen ist.

Sexuelle Gewalt verletzt die körperliche und seelische Integrität eines Menschen. Wenn die Gewalterfahrungen zu einem sehr frühen Zeitpunkt erfolgen, kann die sexuelle Ausbeutung eine tiefgreifende Identitätsstörung bewirken. Wenn ein so massiv in der Identität verletztes Kind auf einen Menschen trifft, der die Glaubwürdigkeit des Erfahrenen in Zweifel zieht, wird jede weitere Entwicklung eines Identitätsgefühls blockiert.

Für die Entwicklung einer gesunden Ichstärke ist es ganz wichtig, daß die Kinder gehört und gesehen werden. Identität kann sich nur bilden, wenn das Kind Anerkennung bekommt, wenn es akzeptiert wird, sich bestätigt fühlen kann. Kinder, die in ihrem Identitätsgefühl durch den sexuellen Mißbrauch verletzt worden sind, brauchen noch dringender das Erlebnis, gespiegelt zu werden, damit sie sich ihrer Existenz wieder versichern können. Wer ihre Glaubwürdigkeit in Frage stellt, stellt auch die ganze Person in Frage, denn für ein Kind kann die sexuelle Ausbeutung existenzbestimmend sein. Sexuelle Gewalterfahrungen sind für das Ich total verunsichernd, können zu einem teilweisen Ich-Verlust führen, sodaß nicht mehr unterschieden kann kann zwischen Ich und Nicht-Ich, zwischen Tag und Traum, zwischen wahr und falsch. Wird den Kindern nicht geglaubt, verstärkt sich diese Spaltung und kann zu einem fortschreitenden gefährlichen Wirklichkeitsverlust führen, zur Unfähigkeit, mit der Welt in Beziehung zu treten.

Aber auch die sexuellen Gewalterfahrungen von erwachsenen Frauen sind traumatisch, das heißt sie stellen einen Angriff auf ihre Persönlichkeitsorganisation dar, der es ihnen unmöglich macht, das Erlebnis in gewohnter Weise zu verarbeiten. Das psychische Gleichgewicht ist erschüttert, auf das Ich ist kein Verlaß mehr, weil es nicht in vertrauter Weise reagieren kann. Das macht extrem hilflos. Ohnmacht und Hilflosigkeit sind Schlüsselwörter um zu verstehen, warum der Zweifel an der Glaubwürdigkeit so zerstörerische Auswirkungen für die Betroffenen hat. Die sexuellen Grenzüberschreitungen bei Mädchen und Frauen haben nicht nur das Körperselbst verletzt und das Recht auf Selbstbestimmung und Autonomie, sie haben auch ein so hoffnungsloses Gefühl von Ausgeliefertsein erzeugt, eine grenzenlose Ohnmacht, die in der Überzeugung gipfelt, als Mensch keine Wirkung zuhaben, keinen Einfluß nehmen zu können, was mit einem geschieht. Dieses Gefühl restloser Entmachtung wird in all den Situationen aufs Schmerzlichste bestätigt, wo ein Opfer sexueller Gewalt den verzweifelten Versuch unternimmt, durch das Sprechen über die erfahrene sexuelle Gewalt verändernd in das Leben einzugreifen und draußen Hilfe zu suchen, weil die eigenen Bewältigungsstrategien zum Überleben nicht ausreichen. Das Verweigern der Umwelt, für wahr zu halten, was geschehen ist, stößt die Opfer in eine Leere zurück, aus der es kein Entrinnen mehr gibt.

So ist auch eine Verhaltensentwicklung zu verstehen, die durch totale Entfremdung und Dissoziation gekennzeichnet ist. Gefühle werden eingefrorene, die seelische Totenstarre setzt ein und der Faden zur Welt reißt. Es ist darum nicht verwunderlich, daß in den psychiatrischen Kliniken unter den chronischen psychotischen Menschen viele Frauen sind, die sexuelle Gewalt erlebt haben, ohne daß diese Erfahrung validiert worden ist. Wenn wir die traumatische Erfahrung von sexueller Gewalt als prägendes psychopathogenetisches Lebensereignis nicht akzeptieren, wenn wir den Opfern keinen Glauben schenken, dann bleibt uns eine große Zahl psychosomatischer und psychiatrischer Verhaltenssymptome unerklärlich. Damit bleibt uns aber auch ein einfühlender verstehender Zugang zu den Betroffenen versperrt.

Letztlich stoßen wir mit unserer ungläubigen Haltung die Opfer in die totale Isolation, in einen Rückzug auf sich selbst, der gefährliche, selbstzerstörerische Dimensionen annehmen kann. Wir wiederholen und verfestigen damit eine Situation, die den Betroffenen schmerzlichst vertraut ist. Wir reißen einen Graben auf zwischen uns und den Opfern.

Diesen Bruch zwischen sich und den anderen haben die Opfer sexueller Gewalt durch die Dynamik der Stigmatisierung bitter gespürt. Durch die Grenzüberschreitung massiv verletzt, erfahren sie jetzt auch noch die gesellschaftliche Ausgrenzung, indem ihnen fraglose Unterstützung verweigert wird. Das verstärkt den ohnehin schon bestehenden Zwang zur Geheimhaltung, das Schweigegebot.

Mädchen und Frauen leiden aber nicht nur unter dem Tabu, über das Geschehene nicht sprechen zu können, sie verzweifeln auch an der Erfahrung, selber tabu zu werden. Unrein fühlen sie sich, beschmutzt und entwürdigt und genau dieses Erleben wird verstärkt, wenn die Umwelt den Betroffenen zumutet, beweisen zu müssen, daß sie nicht phantasiert oder gelogen haben. Der inquisitorische Umgang mit Opfern sexueller Gewalt ist gleichfalls traumatisierend und wiederholt und intensiviert das Gefühl von Verkehrtsein, von Scham und Schuld. DIe bohrenden Fragen nach dem Warum - "Warum bist Du nicht weggelaufen", "warum hast Du Dich nicht gewehrt", "warum hast Du nicht geschrieen", - rühren an die eigenen Selbstzweifel und die Unterstellung, den sexuellen Mißbrauch oder die Vergewaltigung letztlich irgendwie gewollt und selbst herbeigeführt zu haben, läßt das urvertraute Muster der Verantwortlichkeit und Schuldübernahme sofort anspringen. Unsere Haltung den Betroffenen gegenüber verstärkt also nicht nur die ohnehin schon bestehenden emotionalen Zustände von Ohnmacht, Scham und Schuld, sondern sie ist auch für eine vertiefte Verzerrung der Selbstwahrnehmung verantwortlich, für das Selbstbild, schlecht, schmutzig, verkehrt und verrückt zu sein.

Die soziale Isolierung als Folge solcher massiven Selbstverunsicherung wird durch eine Einstellung Betroffenen gegenüber gefördert, die ihre Aussagen grundsätzlich in Frage stellt. Was sich hier zwischen Betroffenen und Helfenden abspielt, hat mit Vertrauensverlust zu tun, mit Verrat. So wie die Mädchen auf Schutz und Geborgenheit angewiesen waren und stattdessen manipuliert und ausgebeutet worden sind, genauso sehen sich die Hilfesuchenden in ihrem Vertrauen getäuscht und in ihrer Verletzlichkeit mißbraucht, wenn die Helferinnen und Helfer die seelische Not der Opfer in Frage stellen. Die Folgeschäden solcher sekundär traumatisierenden Interaktionen haben aber nicht nur langfristige Auswirkungen auf das Sozialverhalten der Betroffenen im Sinne konflikthafter, ambivalenter Beziehungen oder regressivem Rückzug auf sich selbst, sondern das ganze Weltbild wird durch diesen Wertezusammmenbruch erschüttert.

Erwachsene Frauen, die als Kind in der Familie das Opfer sexueller Gewalt wurden, fühlen sich von Gott und der Welt verlassen. Der persönliche Verrat, den sie durch den Vater erfahren haben, wird oft auch als Verrat am Glauben erlebt. Wenn sie in der Situation der Beratung oder Therapie noch einmal erleben müssen, daß sie menschlich keine Antwort finden, daß kein erstehendes Du ihnen gegenübersitzt, das für wahr hält, was erlebt wurde, mit dem gemeinsam auch die Frage nach dem Sinn des Geschehens aufgeworfen werden kann, bleibt auch die spirituelle Dimension verletzt.

Diese desillusionierende Erfahrung haben besonders Frauen gemacht, die in der Therapie Opfer sexueller Übergriffe wurden und sich dann auf die Odyssee gemacht haben, einen Menschen, eine Fachperson zu finden, die ihnen glaubte, daß sie dort, wo sie am verletzlichsten und ausgeliefertesten waren, sexuelle AUsbeutung erfuhren. Ich möchte am Beispiel des sexuellen Mißbrauchs in der Therapie deutlich machen, wie gerade Frauen nicht nur als Kinder, nicht nur als Opfer von Vergewaltigungen im öffentlichen Bereich, sondern auch im sogenannten geschützten Raum der Therapie Opfer von Männergewalt werden und in einem zweiten Schritt bei dem Versuch einer Bewältigung durch die Reaktionen und den Zweifel der Umwelt überwältigt werden. Gerade am Beispiel sexueller Gewalt in Psychotherapien wird eklatant deutlich, wie Frauen notwendige Unterstützung und Verarbeitungshilfen versagt bleiben und wie die helfende Profession, die öffentliche Meinung und die Gerichtsbarkeit dazu beitragen, daß Gewalt gegen Frauen immer noch tabuisiert und bagatellisiert wird.

Gewiß sind wir uns auf dieser Tagung alle einig, daß sexuelle Gewalt gegen Mädchen und Frauen die Machtverhältnisse zwischen den Geschlechtern widerspiegelt und etwas über den Zustand unserer Gesellschaft aussagt. Zu den gewaltbegünstigenden Strukturen gehört sicherlich die Isoliertheit und Privatheit von Heim und Familie, die unterschiedliche Macht- und Privilegienverteilung, die ökonomischen Zwänge und Diskriminierungen sozialer Art neben den Geschlechtsrollenstereotypen und den geschlechtsspezifischen Sozialisierungsprozessen beim Umgang mit Gewalt.

In der therapeutischen Situation, in der Intimität und Isoliertheit der analytischen Dyade werden diese gesellschaftlichen Strukturen, das Thema von Macht und Gewalt, zwischen den Geschlechtern widergespiegelt. Wiederholt wird aber auch die ganze Palette von Abwehrmechanismen, mit der Professionelle Frauen begegnen, die vom sexuellen Mißbrauch durch ihre Therapeuten berichten.

Zuerst einmal Ungläubigkeit, weil doch nicht sein kann, was nicht sein darf. Dann Vermeiden, Ausweichen. Welcher Fachkollege, welche Therapeutin will sich einmischen in den Clinch dieser intimen analytischen Beziehung? Angst, Stellung beziehen zu müssen, Angst vor den Zweifeln an der eigenen Profession, Angst auch, von der Innung als Nestbeschmutzerin verleumdet zu werden, mag dazu führen, daß ein genaues Betrachten analytischer Verstrickungen gemieden wird wie ein Tabu. Manche Therapeuten bagatellisieren die sexuelle Ausbeutung, vielleicht nicht so extrem wie in Herrenmagazinen Kindesmißbrauch heruntergespielt wurde ("Inzest macht die Kinder froh und Erwachsene ebenso"), aber doch auch mit Argumenten, daß es doch nicht so schlimm gewesen sein könne, schließlich sei doch der Kollege ein sehr sensibler Mann und habe sich die sexuelle Begegnung nicht mit Gewalt erzwungen. Noch einen Schritt weiter gehen jene, die das Geschehene rationalisieren und darauf verweisen, daß hier doch nur ein Therapeut den heilenden Zugang zur Sexualität habe eröffnen wollen, daß der Sex ganz sicher als Therapeutikum zu verstehen sei. Und natürlich fehlt auch nicht jene klassische Umkehrung des Gewaltverhältnisses, die den Frauen die Schuld zuweist, den Therapeuten verführt zu haben und letztlich das Täter-Opfer-Schema auf den Kopf stellt, die Helfer zu den armen Teufeln macht und die Frauen zu den bösen Täterinnen.

Dieser massive Empathiedefekt, den Frauen erfahren müssen, wenn sie Hilfe für eine Therapiekatastrophe suchen, ist strukturell ähnlich für Kinder, die sexuell ausgebeutet und Frauen, die vergewaltigt wurden. Auf der Suche nach "Kundigen", die verstehen, nach Fachpersonen, die glauben, was erzählt wird, die das eigene Erleben vorurteilsfrei betrachten können, wird Ignoranz erfahren und Frustration. Die Auswirkungen dieser Abwehrmechanismen auf die Frauen, die sich als Zweifel an der Glaubwürdigkeit verdichten, führen zu einem Beschwerdebild, das als Therapeuten-Sex-Syndrom in die Fachliteratur eingegangen ist.

Damit ist eine schwere gesundheitliche und seelische Schädigung gemeint, die durch den Verlust der Liebes- und Vertrauensfähigkeit gekennzeichnet ist, eine Erschütterung im Selbstwertgefühl mit schweren depressiven Verstimmungen, die bis zum Selbstmord führen können. Der Zwang zur Geheimhaltung der Tatsache, daß der Therapeut seine Macht und Rolle mißbraucht hat und sich als "Geliebter" näherte, entfremdet immer mehr von einem sozialen Netz, das tragen könnte.
Die Isolation wächst und damit auch die archaischen Gefühle von Trauer und Wut, Scham und Schuld. Die Ambivalenz dem Therapeuten gegenüber, die Konfusion durch den häufig zu beobachtenden Rollentausch bewirkt oft den Verlust des Vertrauens in die eigene Urteils- und Wahrnehmungsfähigkeit.
Liebesverrat und Betrug auf der Suche nach dem, was heil macht, haben diese Frauen erfahren. Sie haben die schmerzliche, vernichtende Erfahrung zulassen müssen, daß sie als Frau und Mensch nicht gesehen wurden, daß es gar nicht um Individuation und Selbstwerdung ging. Die angezweifelte Glaubwürdigkeit bedeutet ein ähnliches Nicht-gesehen Werden.

"Warum glaubt mir denn niemand" - die Verzweiflung, mit der die Betroffenen diese Frage stellen, ist verständlich. Ob Mädchen oder Frauen, wir sehen doch die Symptome, wir spüren doch die Not. Warum verweigern wir jenen die Einfühlung, die sie so bitter nötig haben?

Ich habe in meinem Buch "Seelenmord, Inzest und Therapie" auf eine Parallele des Umgangs mit Opfern von Gewalt verwiesen, die mich immer sehr betroffen gemacht hat. DIe entwürdigende, demütigende Praxis dem Opfer die Opferrolle streitig zu machen und die Glaubwürdigkeit in Frage zu stellen, hat noch eine Dimension, die mit dem Geschlechterverhältnis allein nicht zu erklären ist. Der Umgang mit Menschen, die an schweren seelischen Folgeschäden litten, nachdem sie den Todeslagern und dem nationalsozialistischen Terror entkommen waren, zeigt ähnliche Strukturen. Die nach dem Wiedergutmachungsgesetzen einsetzende Gutachterpraxis, bei der es darum ging, den Verfolgten einen ANspruch auf Entschädigung zuzugestehen, wenn sie "nicht unerheblich geschädigt" worden waren, erinnert in ihrer anfänglichen Einfühlungsverweigerung an die Untersuchungsmethoden und Befragungstechniken, die uns aus der gerichtlichen Praxis bei Opfern sexueller Gewalt bekannt sind. Was sich damals abspielte und heute immer noch, besonders Mädchen und Frauen gegenüber abspielt, ist eine erneute Traumatisierung und Stigmatisierung. Wieder sehen sich die Betroffenen der Willkür eines Menschen ausgesetzt, einem Gutachter ausgeliefert, der die seelischen Störungen als nicht entschädigungspflichtige Renten- oder Tendenzneurose abwertet. Ähnlich werden auch jene Frauen behandelt, die versuchen in einem Prozeß nachzuweisen, daß ihr Therapeut sie ausgebeutet hat und das seelische und körperliche Beschwerdebild in einem Kausalzusammenhang mit der fehlbaren Haltung des Therapeuten steht. Statt Respekt zu erfahren und als Mensch ernst genommen zu werden, erfolgt Pathologisierung. Die Untersuchungsverfahren haben den Charakter einer Beurteilung von Objekten, denen nicht zu trauen ist.
Die Verdrängung und das Nicht-wahr-haben-wollen traumatischer Realitäten ist aber nicht nur in der Justiz wirksam. Abwehrreaktionen und Distanzierung vom Geschehenen ist in uns allen wirksam, gerade auch in den helfenden Berufen.

Der Zweifel an der Glaubwürdigkeit kann auch als eine Berührungsangst mit dem Thema sexueller Gewalt verstanden werden. Starke Gefühlsreaktionen, Ungläubigkeit und Abwehr ist überall dort zu erwarten, wo Fachleute sich mit den Folgen sexueller Gewalt auseinanderzusetzen haben. Die Konfrontation mit der eigenen Hilflosigkeit bedeutet immer auch einen Angriff auf das eigene Wertesystem und eine Bedrohung der persönlichen Glaubensüberzeugungen. Es ist für uns alle schwer auszuhalten, daß es Grenzerfahrungen gibt, ob im Konzentrationslager oder bei sexueller Gewalt, die zu einem totalen Zusammenbruch der seelischen Struktur führen. Die Hoffnungslosigkeit der Opfer, deren Zeuge wir als Helfende oft werden, stellt unseren Glauben an unsere beraterischen oder therapeutischen Fähigkeiten und auch den Glauben an die Selbstregulation der Psyche empfindlich in Frage. Mit dem Zweifel an der Glaubwürdigkeit halten wir uns die Gefühle vom Leibe. Das In-Frage-Stellen der Opfer schützt uns davor, unser Wertesystem, unsere Gesellschaft, unser Geschlecht in Frage zu stellen. Damit vermeiden wir, uns mit der Abgründigkeit menschlichen Seins auseinanderzusetzen, wir verschließen die Augen und Ohren, um nicht handeln zu müssen und geraten damit kollektiv in die gleiche Rolle, in der sich viele Mütter befinden, die an das Vorkommen sexueller Gewalt in ihrer Familie nicht glauben können.

Wenn wir uns vergegenwärtigen, daß wir mit dem Anzweifeln der Glaubwürdigkeit den Menschen und die Thematik auf Distanz halten, dann wird auch deutlich, wie ein sinnvoller, helfender Umgang mit betroffenen Mädchen und Frauen aussehen muß. Wir müssen uns betreffen lassen von dem, was wir hören, wir müssen uns öffnen für das Ungeheurliche. Wenn wir mit den Betroffenen wirklich in Beziehung treten, wenn wir sie in ihrem Menschsein ernstnehmen, sie wertschätzen und ihnen ihre Würde nicht absprechen, dann glauben wir ihnen auch. Wir dürfen Betroffene nicht auf einen Opferstatus festschreiben, der sie nicht als ganze Person akzeptiert und nur rudimentär wahrnimmt. Grundsätzlich gilt für die Arbeit mit Opfern von Gewalt, daß wir eine Haltung des Daseins, des Zuhörens, Mutmachens und der Wertschätzung brauchen, um informiert und kompetent helfen zu können.

Voraussetzung für eine solche Haltung den Opfern sexueller Gewalt gegenüber ist die persönliche Arbeit an der eigenen Betroffenheit, das In-Frage-Stellen persönlicher Vorurteile, Werte und Normen, die Bereitschaft und Offenheit zur Konfrontation mit dieser Problematik. Erst wenn wir die eigene Sprachlosigkeit diesem Tabuthema gegenüber überwunden haben, können wir auch den Betroffenen aus ihrem Schweigen und Verstummen heraushelfen. Dazu brauchen wir Wissen und Fachkompetenz, Aufklärung über Risikofaktoren und Folgen sexueller Gewalt, Einsicht in die strukturellen Zusammenhänge von Gewaltverhältnissen und institutionellen Rückhalt. Wir müssen auch bereit sein, unsere berufsideologischen Grundüberzeugungen zu hinterfragen, um interdisziplinäre Handlungskonzepte zu entwickeln, die Mädchen und Frauen vor sexueller Gewalt schützen und Möglichkeiten der Aufarbeitung von Gewalterfahrungen bieten.

Abschließen möchte ich meine Ausführungen mit den Worten einer Frau, die Opfer sexueller Gewalt war. Sie vermag Ihnen... einen tieferen und berührenderen Einblick in das geben, was die angezweifelte Glaubwürdigkeit für die Betroffene bedeutet.

"Wenn die Angst im Dunkeln verhallt
und der Schrei nach Hilfe ungehört bleibt,
dann ist der Raum nur noch
mit verzweifelter Leere erfüllt.
Und das Leben wird im Gefängnis des Todes erstickt.

Wenn die im Tal des Todes verirrten Menschen
als Irre bezeichnet werden,
gibt es keine Rückkehr ins Leben.

Wo, ohne hinzuhören, verurteilt wird,
gibt es keine Hoffnung mehr,
und die Sprache verliert ihren Sinn.

Wo keine Hoffnung und keine Sprache mehr ist,
da reißt der Faden des Seins.
Da gibt es einen Bruch mit Raum und Zeit
und das Ver-rücktsein wird zur Realität.
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