Trauma-Infos

Rückblick 2016

Ein ereignisreiches Jahr. Es begann mit der Veröffentlichung des Buches "Damit der Boden wieder trägt. Seelsorge nach sexuellem Missbrauch", das von der Kritik - mit einer Ausnahme - gut aufgenommen wurde. Rückmeldungen von Betroffenen, SeelsorgerInnen, TheologInnen, Missbrauchsbeauftragten und Präventionsverantwortlichen zeigen, dass das Buch tatsächlich gefehlt hat.
Daraus entwickelte sich ein Gespräch mit der Frauenseelsorge der Deutschen Bischofskonferenz und einer Präventionsverantwortlichen, das auf dem Leipziger Katholikentag fortgeführt wurde, dort aber nicht endete.
Es folgten einige Veröffentlichungen - in Zusammenarbeit mit Betroffenen und/oder mit Dr. Haslbeck zusammen:

Seit dem Sommer treffen sich Listenfrauen in einem wöchentlichen Chat. Dort sprechen wir über einen der Lesetexte des jeweils kommenden Sonntags - abwechselnd ausgewählt aus der evangelischen Perikopen- und der katholischen Leseordnung. In diesen Gesprächen tauchen neue Fragen, aber auch neue Hoffnungs-Perspektiven auf.

Die Mailingliste ist mit 2763 Beiträgen nach wie vor sehr lebendig. Daneben gab es etwa 1542 Einzelkontakte per Mail mit Frauen (und einigen Männern), die nicht Mitglieder der Mailingliste sind.

Von Herzen danke ich den Frauen (und Männern), die sich in der Mailingliste treffen, die Anteil nehmen an der Arbeit, die zu Gesprächen bereit sind und sich vom Leben von Gewaltüberlebenden berühren lassen!

Mir selbst kam das Evangelium des Alten und Neuen Testamentes in einer vierwöchigen Studienreise nach Israel  im Sommer auf eigene Art noch einmal näher. Da kann ich den VeranstalterInnen, den Vorlesenden und den TeilnehmerInnen nur danken für viele Impulse, ausgesprochen kundige Exkursionen und Vorlesungen und viele ermutigende Gespräche!

Wie geht es weiter?
Die Antwort hat es in sich, obwohl sie im Grunde einfach ist: Nach wie vor sind Betroffene zu begleiten. Nach wie vor ist es nötig, kirchliche Missbrauchsfälle zu dokumentieren1, weil nur die "Wahrheit frei macht". Nach wie vor gilt es, in den Kirchen Verständnis für und Interesse an Gewaltüberlebenden zu erhalten oder zu wecken. Gewaltopfer und -überlebende werden noch immer sehr schnell vergessen - obwohl die Gewaltfolgen lange nach dem Ende der Gewalt die Betroffenen oft schmerzhaft und meist andauernd begleiten und die Zugehörigkeit zur Gemeinschaft der Menschen/Christen eine unabdingbare Voraussetzung dafür ist, dass Wunden heilen können.

Inzwischen gibt es TheologInnen2, die verstanden haben, dass das Evangelium aus der Perspektive der Opfer zu lesen ist. Diese Perspektive ist oft noch sehr ungewohnt, auch wenn sie uns z.B. in den Flüchtlingen täglich entgegenkommt. Mit der Opferperspektive sollten sich viele ForscherInnen der unterschiedlichen theologischen Fächer befassen. Aufgabe der Pastoraltheologie wird es weiterhin sein, SeelsorgerInnen für die seelsorgliche Begleitung von Missbrauchsopfern zu qualifizieren.

Unterschrift
23.12.2016

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1 Rückmeldung
2 um nur einige AutorInnen zu nennen:
vgl. Andreas Bedenbender: Frohe Botschaft am Abgrund: Das Markusevangelium und der Jüdische Krieg
vgl. Ruth Poser: Das Ezechielbuch als Trauma-Literatur
vgl. Gerlinde Baumann: Gottesbilder der Gewalt im Alten Testament verstehen
vgl. René Girard