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 Rezension Dr. theol. Barbara Zeitler

Die Autorinnen verfügen über ein hohes Maß an Fachkompetenz für Theologie, Kirche, Beratungsarbeit, Seelsorge mit Überlebenden, Sprache und Geduld für schwere Themen: Drei Frauen, die sich seit Jahrzehnten in der Praxis der Seelsorge mit Überlebenden von sexualisierter Gewalt engagieren; zwei katholisch, eine evangelisch; zwei Theologinnen, eine Sozialarbeiterin und Supervisorin; unterschiedliche Lebensalter; eine mit wissenschaftlicher Arbeit Vertraute, zwei erfahrene Praktikerinnen. Diese Kompetenzen sind dem Buch von der ersten bis zur letzten Seite anzumerken. Die Autorinnen ergänzen sich und verantworten alle Teile des Buches gemeinsam, wobei aus den jeweiligen Berufsbiografien und teils auch im Druckbild („Texte aus der Praxis“ deutlich wird, wer hier welche Schwerpunkte gesetzt hat. Das Buch füllt eine Lücke in der theologisch-seelsorglichen Literatur.© A., Diestelblüte© A., Diestelblüte

In den 70er und 80er Jahren des letzten Jahrhunderts griff die feministische Theologie sexuelle Gewalterfahrungen (v.a.) gegen Frauen aus verschiedenen Blickwinkeln auf, allerdings ohne wirklich Eingang in die Standardwerke der Seelsorgelehre zu finden. Nach den Anfang der 00er Jahre unüberhörbaren Veröffentlichungen zu sexualisierter Gewalt im Bereich von Kinchen sind eine Reihe von Texten entstanden, die sich mit dem Phänomen aus der Sicht von Kirche als Institution und aus theologisch-reflektierender Sicht beschäftigt haben. „Damit der Boden wieder trägt“ unterscheidet sich von dieser Literatur durch eine eindeutige Perspektive: Es geht um Seelsorge aus der Sicht der Opfer von sexualisierter Gewalt und um die Frage, wie sie in ihrem Überleben von Kirchgemeinden und in seelsorglichen Beziehungen ernst genommen und unterstützt werden können. Paradigmatisch für diese seelsorgliche Perspektive ist der Erzähler des Gleichnisses vom Barmherzigen Samariter: Der unter die Räuber Gefallene wird zum Nächsten, wenn er Hilfe bekommt. Das ist der Fokus, den das Gleichnis setzt. Welche Gründe die Räuber für ihr Tun hatten, ob die gesellschaftlichen oder kirchlichen Verhältnisse wesentlich sind für ihr Räuber-Dasein oder für die Weigerung von Priester und Levit, sich zu engagiern, interessiert den Erzähler nicht. In diesem Sinn der Fokussierung ist das Buch parteilich und ermutigt zu einer klaren Rollenbestimmung und Positionierung um Menschen, die Opfer geworden sind, Nächste werden zu lassen. Es nimmt in seinen Analysen und Wegbeschreibungen ausdrücklich die Opfer-Perspektive auf, ohne die Schwierigkeiten zu verschweigen, die sich mit dieser Positionierung verbinden können.

Wie ist das Buch aufgebaut?

Das erste Kapitel begründet das Anliegen des Buches, in dem es die Begrifflichkeit klärt und die gesellschaftliche, kirchliche und persönliche Situation aus der Sicht von Opfern sexuellen Missbrauchs belegt und beschreibt.

Das zweite Kapitel stellt biblische Grundhaltungen dar: Die „Theologie der Täter“, die nach Schuld und Erlösung fragt, aber auch die grundsätzliche Parteinahme für die Schwachen und Armen in der Erzählung vom Auszug aus Ägypten und im Handeln und der Reich-Gottes-Botschaft Jesu, die Psalmen als Sprachschule von Klage und Hoffnung auf Gerechtigkeit und die prophetischen Mahnungen zu Gerechtigkeit und Solidarität. Wie das Ezechielbuch und das Markusevangelium als Traumaliteratur verstanden werden können, wird anhand der exegetischen Arbeiten von Ruth Poser und Andreas Bedenbender gut verständlich referiert.

Ausführlich skizziert das dritte Kapitel in neun (!) Bereichen, warum der christliche Glaube für Missbrauchsopfer schwierig sein kann und bietet damit die Möglichkeit, aufmerksam zu werden, wie in Unterricht, Verkündigung und Seelsorge sensibel von Glauben gesprochen werden kann.

Das vierte Kapitel setzt die Sensibilisierung fort, indem es knapp, aber deutlich negative Erfahrungen von Missbrauchsopfern in der Seelsorge beschreibt. Welche zersetzenden und Glauben gefährdenden Auswirkungen sexualisierte Gewalt in Seelsorge und Kirche hat, umreißt das fünfte Kapitel. Die letzten beiden Kapitel stellen dann die besonderen Fähigkeiten und Möglichkeiten vor, die in der Seelsorge notwendig und hilfreich sind, wenn Menschen nach sexualisierter Gewalt begleitet werden. Dabei ist neben den grundlegenden Hinweisen auch immer wieder die Gemeinde als Ort der seelsorglichen und überlebensförderlichen Begegnung im Blick.

Eine knappe Zusammenfassung wesentlicher Gedanken, ein „Verzeichnis einiger unterstützender Bibeltexte“ (mit inhaltlichen Hinweisen versehen) und ein überschaubares, aber aussagekräftiges Literaurverzeichnis vervollständigen das praxisnahe Buch. Die Sprache ist gut verständlich und verzichtet weitgehend auf Fachbegriffe. Die eingebrachte Literatur wird verständlich dargelegt und ist durch sinnvoll gesetzte Fußnoten gut auffindbar. Entsprechend dem ausführlichen Inhaltsverzeichnis ist es gut möglich, sich auch für einzelne Fragen einzulesen. Gelegentliche Wiederholungen sind bei diesem ausschnitt-lesefreundlichen Aufbau nicht zu vermeiden. Trotz klarer Sprache und Aufbau ist das Lesen anstrengend. Der wesentliche Grund dafür sind die Gefühle, die beim Lesen und Einnehmen der Opferperspektive unweigerlich mitschwingen.

Für wen ist das Buch interessant und nützlich?

  1. Für Überlebende sexualisierter Gewalt, die mit christlichem Glauben und Kirche nicht abgeschlossen haben.
  2. Für Menschen, die in der kirchlichen Seelsorge oder Beratungsarbeit aktiv sind, ob haupt-, neben- oder ehrenamtlich, für Gemeindepfarrerinnen und –pfarrer, gleich welcher Konfession.
  3. Für alle, die als Christinnen und Christen aufmerksam sein möchten für die Not der Nächsten.

Dr. theol. Barbara Zeitler, Leipzig


 

Quelle: KONVENT DER EVANGELISCHEN THEOLOGINNEN IN BAYERN, September 201, S. 35 – 36

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