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Was wir wollen

© pixabay, Bild von alegria2014 © pixabay, Bild von alegria2014 Auch nach 2010 sind die meisten Frauen und Männer, die Gewalt erlebt haben, unsichtbar. Die Scham, Opfer geworden zu sein, lässt sie ebenso verstummen wie das anhaltende gesellschaftliche und kirchliche Schweigetabu. Für die kirchliche und gesellschaftliche Öffentlichkeit ist das Wissen um Opfer von Gewalttaten – und damit natürlich auch das Wissen um Täter und Täterinnen – schwer zu ertragen. Dieses Wissen konfrontiert Menschen mit der Erkenntnis, dass das Leben, die Menschen, die Welt, Gott vielleicht nicht so zuverlässig und sicher sind, wie das für ein normales Leben anzunehmen notwendig ist. Es führt zur Erkenntis, dass jeder Mensch Opfer einer Gewalttat werden kann. Unsichtbarkeit und anhaltendes Schweigen kann weder uns helfen noch andere schützen. Unsichtbarkeit und Schweigen spielen den Tätern und Täterinnen in die Hände. Das darf – um Gottes willen – nicht sein.

In der Gewalt erleben sich Menschen von Gott und den Menschen verlassen und isoliert. Die Erfahrung des lebenserhaltenden Schutzes und der Fürsorge ist ihnen versagt. Vertrauen in sich, in andere Menschen und Gott wurde beschädigt oder zerbrach – oder konnte im Fall früher Gewalterfahrung erst gar nicht aufgebaut werden.

Auf dem Weg der Heilung müssen Betroffene feststellen, dass es in Therapien nur ausnahmsweise möglich ist, der Spur der spirituellen Verletzungen nachzugehen und Wege der Heilung auszuprobieren. Häufig fühlen sich TherapeutInnen für christlich–spirituelle Fragen nicht zuständig. Aber auch die christlichen Gemeinden fühlen sich nicht zuständig. In der gemeindlichen Liturgie und Praxis kommen Gewalterfahrungen der GottesdienstteilnehmerInnen und ihre langfristigen Folgen in der Regel nicht vor. Die Seelsorgenden wissen meist nichts über Traumatisierung und reagieren oft entsprechend hilflos. Sie haben Anteil an der allgemeinen Leugnung oder gar – manchmal theologisch legitimierten – Rechtfertigung von Gewalt. Auch in den Kirchen wird Gewalt noch immer als normaler und unvermeidlicher, oft nicht einmal wahrgenommener Bestandteil der Religion und der Kultur betrachtet – nicht etwa als Verbrechen und christlich gesprochen: Sünde. Erst seit 2010 beginnt sich dies ganz langsam zu verändern.

Betroffene sind noch kaum gewohnt, einander von ihrem Glauben und Unglauben zu erzählen; Hoffnungen und Verzweiflungen, Versagen, Vertrauensfähigkeit und Vertrauensunfähigkeit, Zweifel und bittere Fragen zu thematisieren. Diese schwierigen Erfahrungen können jedoch von ihrem Schrecken verlieren, wenn sie zur Sprache – und damit zur Welt – gebracht werden. Gemeinsam können wir lernen, auf die Begleitung Gottes auch dann zu vertrauen, wenn alles dagegen zu sprechen scheint.

Betroffene stellen Fragen

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  • Haben Gewalterfahrungen einen Sinn? Wie geht es mir mit der Aussöhnung mit meinem Schicksal? Wie gewinne ich meine verletzte Spiritualität (zurück)?
  • Können wir mit der Erkenntnis leben lernen, Opfer geworden zu sein?
  • Wo war Gott während des einmaligen, mehrmaligen oder langjährigen Erlebens von Gewalt?
  • Welche Gottesvorstellungen sind hilfreich? Ist der biblische Gott ein Gott der Täter und Täterinnen? Ist er der/die Verbündete im Kampf um das Leben Betroffener?
  • Wo finden wir Menschen, die unsere soziale Isolation und Ausgrenzung reduzieren helfen?
  • Wie können wir das Vertrauen in uns, in Menschen, in Gott wiedergewinnen oder erstmals aufbauen?
  • Wie gehen wir mit unserer Trauer über die Tragik dieses Lebens um?
  • Wie können wir einander trösten und stärken? Können wir auch die Freude über gelungene Schritte und gute Erfahrungen miteinander teilen?
  • Wie können wir in Solidarität mit anderen Opfern – Kindersoldaten, Holocaustüberlebenden, Kriegsopfern, Opfern von Sextourismus und Frauenhandel, von Flucht und Vertreibung … – (es gibt so viele) leben?
  • Unabhängig von der konkret erlebten Gewalt (Inzest, sexueller Missbrauch, psychische oder physische Gewalt, Vergewaltigung, Kombinationen der Gewaltformen) hat die menschliche Psyche nur begrenzte Möglichkeiten, Gewalt zu erleben, zu überleben, zu verarbeiten und sich künftig vor weiteren Verletzungen zu schützen. Jede Lebensgeschichte und ihre Bewältigung ist einmalig. Da die psychische Struktur des Erlebens – bei Frauen und Männern –  jedoch ähnlich ist, kann von gemeinsamen Erfahrungen gesprochen werden.
  • Wir müssen realisieren, dass jede/r Siebte (13,9 %) in Deutschland zwischen 0 und 14 Jahren sexualisierte Gewalt erlebt. Und auch jenseits des 14. Lebensjahres hört die Gewalt ja nicht auf. Es ist also davon auszugehen, dass auch in den sonntäglichen Gottesdiensten und in Veranstaltungen christlicher Gemeinden Missbrauchsopfer dabei sind.
  • Für früh traumatisierte Menschen sind Erfahrungen von schutzloser Gewaltaussetzung, Stigmatisierung, Verrat in nahen Beziehungen und Ohnmacht prägende, in die Persönlichkeit eingegrabene Strukturelemente.

Das Erleben von Glauben, Theologie und Kirche - Persönliche Anmerkungen

© pixabay, Bild von RodrigoLeite © pixabay, Bild von RodrigoLeite

Nun stelle ich thesenartig die langfristigen Folgen von Gewalterfahrungen von Menschen dar und skizziere, welche spezifischen Probleme mit Glauben, Bibel und Kirche traumatisierte Frauen und Männer haben bzw. haben können.

Die Erfahrung von Gewalt ist die tief eingegrabene und später generalisierte Erfahrung von absoluter Ohnmacht. Das Vertrauen in die eigene Fähigkeit, etwas/jemanden/eine Situation/sich selbst verändern zu können, ist geschwächt oder genommen. Zugleich haben Betroffene oft über lange Jahre hinweg erfahren, dass sie keine Hilfe finden. Zu oft wurden sie überhört, übergangen, übersehen. Zu oft mussten sie erleben, dass die Täter angesehen waren – und sie kein Ansehen hatten. Ihre Sprache – es ist die Sprache der Opfer, die kenntnisreich entschlüsselt werden muss – wurde nicht verstanden.

In der Kirche wird diese Ohnmachtserfahrung oft fortgesetzt. Kirchliche Opfer werden selten gehört, außerkirchliche Opfer sind noch kaum im Blick der Kirchen.

In der Gewalt erfuhren Minderjährige, aber auch schutzbedürftige Erwachsene, dass vertraute Menschen – im Falle der Eltern die höchsten irdischen Autoritäten – nicht vertrauenswürdig sind. Man muss sich vor ihnen schützen, um weitere Verletzungen zu vermeiden. Wo Betroffene Schutz und Hilfe erwarten dürften, erfahren sie Schutzlosigkeit und willkürliche Gewalt. „Es gibt nur einen Menschen, auf den ich mich verlassen kann – und das bin ich selbst.“ So könnte eine Folge von Gewalterfahrung umschrieben werden. Diese Haltung half, die Situation der Gewalt zu überleben. Diese Haltung wird hinfort aber in allen Beziehungen zur Falle, weil sie nicht erlaubt, Gefühle des Vertrautseins, der Abhängigkeit, des Angewiesenseins, der Hingabe zuzulassen.

Glaube spielt sich nicht im luftleeren Raum ab. Er ist Spiegelbild menschlicher Erfahrungen. Menschen, die lernen mussten, dass die ersten Vertrauenspersonen nicht vertrauenswürdig und sogar gefährlich waren, haben unendliche Schwierigkeiten, Gott als vertrauenswürdig zu erleben. Zugleich sind sie in ihrer Hingabefähigkeit eingeschränkt, weil Hingabe und Nähe immer schon mit Gewalt und Verletzung verbunden waren und immer wieder angstauslösend sind. Verschärft wird diese menschengemachte Un-Fähigkeit dadurch, dass die Gewalttäter oft Männer sind und Gott noch immer als „Mann“ gedacht und erlebt wird. Für kirchlich Betroffene spitzt sich diese Situation noch einmal zu: Gott ist ein Mann und steht – wie die kirchliche Hierarchie auch –  auf der Seite der (kirchlichen) Männer/Täter. Glauben heißt, dem Gott Israels und Jesu zu vertrauen. Traumatisierte Frauen und Männer  haben gelernt, dass Vertrauen gefährlich ist, verletzt und schändet. Es ist um jeden Preis zu vermeiden. Zugleich fühlen sich diese Menschen schuldig für ihre Vertrauensunfähigkeit.

Von Entführungs- und Folteropfern kennen wir das befremdende Phänomen: Die Opfer identifizieren sich mit dem Aggressor. Dies tun auch Kinder, die über längere Zeit willkürlicher Gewalt ausgesetzt sind. Der Aggressor muss um jeden Preis Recht haben, weil der Gedanke, dass die versorgende und Schutz gewährende Autorität Unrecht haben und tun könnte, für ein Kind unerträglich ist und sein Überleben gefährden würde. Das Kind definiert also auch die gewalttätige Autorität als gut.  Wenn nun eine gute Autorität Gewalt ausübt, jedoch per definitionem kein Unrecht tun kann, dann gibt es nur eine Möglichkeit: Die Gewalt ist gerechtfertigt, weil das Kind böse und schlecht ist und Schuld an der Gewalt hat. Dieses Gefühl der Schuld und Schlechtigkeit, gefolgt von dem Gefühl der Scham, wird in die Persönlichkeit des werdenden Erwachsenen eingegraben. Die Schutz gebende Autorität kann so gerettet werden – Selbstwertgefühl und Integrität des Opfers bleiben auf der Strecke. „Seelenmord“ ist ein für diese Erfahrung zutreffender Begriff.

In der Kirche wird das Gefühl der Schuld, der Schlechtigkeit und der nachfolgenden Scham zementiert. In der Bibel, in der Auslegungs- und Wirkungsgeschichte der Bibel, in der Geschichte der Kirche – überall stoßen Frauen darauf, dass sie Schuld haben. Sie haben Adam verführt, ihnen ist die Vertreibung aus dem Paradies anzulasten, sie sind das Einfallstor des Teufels…. Gott wird zu einem Gott, der auf der Seite der Mächtigen, der Männer, der Täter steht. Die Botschaft von einem befreienden, aus Knechtschaft herausführenden Gott gerät unter der Hand für traumatisierte Frauen und Männer zu einer Botschaft von einem Gott, der jedenfalls nicht auf der Seite der Schwachen steht. Klammheimlich und über lange, schreckliche Zeiten unerkannt wird diese Gottesvorstellung mitgeschleppt und kann im Untergrund ihr zerstörerisches Werk tun. Die reflektierten Gottesvorstellungen mögen die Sprache der Befreiung kennen – die körperlichen und seelischen Erfahrungen wissen nichts davon.

Im öffentlichen Diskurs ist es ebenso ausgemacht wie vor Gericht: Die Opfer sind selber Schuld. Das Gefühl der Zugehörigkeit zu anderen Menschen verschwindet, weil die Gewalterfahrung die Betroffenen mit dem Gefühl der Nichtzugehörigkeit, des Andersseins und dem Gefühl der Stigmatisierung zurücklässt. Sie erleben sich isoliert und fürchten ihre Stigmatisierung. Das Gefühl, Schuld zu haben, vergiftet jede Lebensäußerung. Wer Schuld auf sich geladen hat, hat keine Rechte und keine Berechtigung. Die ihnen zugewiesene Schuld an der Gewalt – sie ist von realer Schuld zu unterscheiden! – hindert sie daran, Gott oder Menschen wirklich nahe zu kommen. Nähe bedeutet dann immer schon, dass die Schuld des Opfers erkannt würde und sein ohnehin prekäres Gefühl der Existenzberechtigung noch fragiler würde. Nähe und Verbundenheit sind also zu meiden.

Kindliche Gewaltopfer wissen sehr genau, dass sie zu schweigen haben. Das Schweigen brechen zu lernen kann Jahre und Jahrzehnte dauern und ist höchst angstbesetzt. Wird das Schweigen gebrochen, dann müssen Hierarchien in Frage gestellt werden. Himmlische Legitimation irdischer patriarchaler Verhältnisse ist zu befragen. Auch vor einem Gottesbild, das einen gewalttätigen Gott zeigt (Opfertheologie, Jahwe als Kriegsherr, Jahwe als Vergewaltiger), kann nicht Halt gemacht werden. Die Angst ist eine doppelte: Zunächst die Angst vor dem Brechen eines gesellschaftlichen und kirchlichen Tabus – dann aber auch die Angst, die entsteht, wenn eigene vertraute und liebgewordene Denkgewohnheiten aufgegeben werden müssen.

Erika Kerstner

Was verstehen wir unter Christentum? Eine kurze Skizze

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