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2011 Rückblick auf die Gewaltarbeit

 „Zur Kenntnis genommen und bearbeitet“

 Warum trotz aller Bemühungen der Kirchenleitungen und der Missbrauchsbeauftragten noch immer und weiterhin Opfer auf der Strecke bleiben

Erika Kerstner

 „Unter den Opfern waren auch solche, deren Missbrauch nicht innerhalb der Erzdiözese [N.N.] stattgefunden hat. ‚Wir haben das trotzdem aufgenommen und bearbeitet, weil es für Opfer sehr schwierig ist, Wir sind nicht zuständig gesagt zu bekommen.‘“[1] So war es in diesen Tagen der Presse zu entnehmen. Ein anderer Kirchenverantwortlicher sagte der Presse, worum es ging: „Die eigene Erfahrung [des Opfers] sollte ausgesprochen und zur Kenntnis genommen werden.“[2]

Mal abgesehen davon, dass mir bekannt ist, dass diese Diözese „das“ – das nicht genauer benennbar scheint – in einem Fall nur insofern „aufgenommen und bearbeitet“ hat, dass die Nicht-Zuständigkeit festgestellt wurde, so gibt bereits die Wortwahl des zuständigen Missbrauchsbeauftragten das Problem zu erkennen. Das Problem besteht darin, dass „das“ „aufgenommen und bearbeitet“ wird. Einen Missbrauch aufnehmen und bearbeiten, ist ein Vorgang, den ein Bürokrat vornimmt. Er dokumentiert einen „Fall“, macht ihn aktenkundig, erfragt Namen, Orte, Zeugen und Handlungen, möglichst lückenlos und genau, gibt den Vorgang in eine noch zu erstellende Statistik ein, stellt die eigene Nicht-Zuständigkeit fest – und das ist dann auch schon die o.a. Bearbeitung,  – und damit ist der Fall für das Bistum dann abgeschlossen. Weder kommen der bürokratisch Handelnde noch das Opfer noch der Täter bei diesem Vorgang in den Blick.

Nach meiner Beobachtung gibt es eine Differenz in der Wahrnehmung dessen, was geschieht. Verantwortliche in der Kirche (Bischöfe, Missbrauchsbeauftragte…) haben den Eindruck, alles zu tun, um Opfern zu helfen. Opfer sexualisierter Gewalt durch katholische Priester und Ordensleute hingegen erleben, dass sie mit ihrem Wunsch nach Gehör bei den Verantwortlichen in der katholischen Kirche ins Leere laufen. Sie fühlen sich nicht verstanden, gar missachtet und noch einmal im Stich gelassen.

Bevor ich mich der Frage nach den Gründen zuwende, benenne ich zwei weitere Opfergruppen, für die nicht zutrifft, dass sie sich von den Verantwortlichen im Stich gelassen fühlen.

  • Zu ihnen gehören Opfer sexualisierter Gewalt durch katholische Priester und Ordensmänner[3], die nach einer mehr oder weniger langen Zeit erneuter hoher innerer Unruhe in den Jahren 2010 und 2011 entschieden, sich nicht bei der Kirche zu melden. Außer einer sie erneut quälenden Prozedur erwarten sie nichts (mehr) von der Kirche. Ihre Enttäuschungen mit VertreterInnen der Kirche haben sie längst hinter sich. Sie glauben nicht, dass ihnen dort ein Stück Gerechtigkeit widerfahren könnte. Und sie sind froh, halbwegs ihren Frieden gefunden zu haben und mit den andauernden Gewaltfolgen zurechtzukommen.
  • Andere Opfer haben sich bei den für sie zuständigen Kirchenleuten, bei den Missbrauchsbeauftragten oder der Hotline, gemeldet. Diese Opfergruppe erwartete von der Kirche lediglich, dass „ihr Fall“ zu den Akten genommen wird. Die Betroffenen meldeten also den „Fall“, nannten den Täternamen – manchmal auch mehrere -, gaben den Zeitraum zu Protokoll, erhielten die ihnen bekannte Bestätigung der Verjährung und waren zufrieden. Sie hatten keine weiteren Erwartungen an die Verantwortlichen in der Kirche. Sie konnten auch nicht enttäuscht werden.

Die Kommunikation zwischen Kirchenverantwortlichen und Opfern fand im ersten Fall erst gar nicht statt. Im zweiten Fall waren die Opfer zufrieden mit der Kommunikation, weil das Angebot der Kirche und ihre Erwartungen zusammenpassten. Anders sieht es in jener dritten Gruppe von Opfern aus. Diese Menschen hatten Erwartungen an die Verantwortlichen in der Kirche, mit denen sie versuchten Kontakt aufzunehmen. Sie wollten nicht nur einen „Fall“ melden, der zu den Akten genommen werden sollte. Sie wollten von den kirchlichen Gesprächspartnern als Menschen mit einer – ihrer – Leidensgeschichte wahrgenommen werden. Vermutlich trafen Opfer durchaus  auch auf hörfähige und hörbereite Ansprechpartner und konnten ihr Anliegen so vorbringen, dass sie sich verstanden wussten. Andere jedoch liefen mit diesem Wunsch ins Leere.  Und nur von ihnen ist hier die Rede. Da, wo es überhaupt zu einer Kommunikation kam – und nicht einmal sie gelang bisher allen Opfern -, da fühlten die Opfer sich alleine gelassen. Ihre Hoffnungen wurden enttäuscht, neue Wunden wurden geschlagen.

Was ist geschehen? Hat nicht die katholische Kirche die bisherigen Leitlinien verschärft? Gibt es nicht überall Ansprechpartner für Missbrauchsopfer? Wird nicht die Prävention von sexuellem Missbrauch gefördert? Lesen, sehen und hören wir nicht nahezu täglich, dass sich in der katholischen Kirche nun alles geändert hat? Dass sie opferfreundlich geworden ist und eine Kultur des Hinschauens praktiziert?

Es ist also zu fragen, ob es verborgen hinter Aktionismus eine neue Abwehr von Kirchenverantwortlichen gegenüber Opfern gibt. Ich konzentriere mich auf drei Abwehrstrategien, die ich derzeit in der katholischen Kirche beobachte. Sie sind im Wesentlichen bekannt, werden allerdings durch ein paar neue Varianten bereichert.

1. Abwehr durch Verleugnung und Schuld-Verschiebung

Kirchenleute nehmen die angeschuldigten Täter als „ihresgleichen“ wahr. Die Täter sind Kollegen. Vielleicht gibt es persönliche Beziehungen zum Täter: Man war gemeinsam im Priesterseminar, hat miteinander gearbeitet…. Und man kann sich gar nicht vorstellen, dass der Kollege ‚das alles‘ getan haben könnte – wie der Missbrauchsbeauftragte eines Bistums der Presse über einen von einem staatlichen Gericht verurteilten Kollegen sagte.[4]

Kirchenleitungen beschuldigen die Medien[5], [6] oder sie sprechen von einem „mutmaßlichen Opfer“[7], obwohl längst erwiesen ist, dass es sich um ein wirkliches Opfer handelt.

Sie versuchen, die Reihen wieder fest zu schließen. So hat Kardinal Hoyos die Praxis des Vertuschens und Nicht-Anzeigens von Tätern verteidigt. „Das wäre doch so gewesen, als ob man jemanden zwänge, vor Gericht gegen ein Familienmitglied auszusagen“, sagte er.[8]Dass andere „Familienmitglieder“ im Stich gelassen und Verbrechern überlassen wurden, thematisierte der Kardinal nicht.

Man beschuldigt andere, bevorzugt Minderheiten in einer marginalen Rolle, wie es Kardinal Bertone in Chile tat: „Viele Psychologen und Psychiater haben bewiesen, dass es keine Beziehung zwischen Zölibat und Pädophilie gibt”, sagte er. Und fuhr fort, dass andere gezeigt hätten, dass es “eine Beziehung zwischen Homosexualität und Pädophilie gibt”.[9] Wahlweise können auch die Juden beschuldigt werden, wie dies der emeritierte Bischof Giacomo Babine, Grosseto, vorschlug.[10]

Es ist möglich, Opfer, die auf einer Bestrafung von Tätern bestehen, als „rachsüchtig“ zu diffamieren, wie es der Vorsitzende der Belgischen Bischofskonferenz tat.[11]

Man kann die Rollen von Opfern und Tätern aber auch einfach umkehren. So hat der Abt von Mehrerau den Opfern seiner Mitbrüder Versöhnung angeboten. „Es liegt nicht in meiner Macht, das Unrecht der Vergangenheit ungeschehen zu machen, aber ich kann allen Opfern die Hand reichen und ihnen Gespräch, Offenheit und Versöhnung anbieten.”[12]

In der Presse wurde das Argument, dass es außerhalb der Kirche viel mehr sexuellen Missbrauch gäbe, permanent wiederholt.[13]

2. Abstumpfung

Im Gefolge der Aufdeckung so vieler Missbräuche in der katholischen Kirche scheint es bei Verantwortlichen in der Amtskirche zu einer Abstumpfung zu kommen. “Ich entschuldige mich noch einmal im Namen der Erzdiözese bei den Opfern und bitte um Verzeihung.”[14] So formulierte ein ranghoher Bischof und so formulierten allerorten Bischöfe, Dekane und Pfarrer. In diesen inflationär ausgesprochenen Entschuldigungen fiel den sie Aussprechenden gar nicht mehr auf:

  • dass es nicht möglich ist, sich selbst zu ent-schuldigen. Wenn jemand die Schuld vergeben kann, dann sind dies zuerst das Opfer – und Gott
  • dass all die vielen Entschuldigungen immer nur in Mikrofone und in Filmkameras, in die Öffentlichkeit hinein also, gesprochen wurden. Die wirklichen Adressaten der „Entschuldigungen“ – die Opfer – kamen gar nicht vor. Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass sie nicht vorkamen, weil sie verzichtbar waren.

Anlässlich der Beerdigung eines priesterlichen Missbrauchstäters formulierte ein Mitbruder:  „Er hat darunter gelitten, weil Vergebung ihm letztlich nicht genügend gegeben worden ist.“[15] Kardinal Lehmann warnt davor, die Begehrlichkeit – der Opfer natürlich – nach Geld zu übersehen.[16] Ein Missbrauchsopfer, das lange Zeit nicht gehört wurde, demonstrierte auf dem Platz vor einer klösterlichen Wallfahrtskirche. Ihm wurde von einem Mitarbeiter der Wallfahrtskirche beschieden, das kirchliche Terrain zu verlassen: „Diese Ereignisse schmerzen jeden Christen. Im Sinne der Botschaft der Liebe von Jesus Christus geht man aber anders mit solchen Dingen um als mit einer Aktion, die einfach nur Ärger hervorruft, vor allem Ärger bei unserem Herrn Jesus Christus.“[17]

Die Beispiele wären zu vermehren. Sind solche Äußerungen anders zu erklären als mit einer massiven Abstumpfung von Menschen gegenüber dem Leid anderer Menschen? Offensichtlich hat sich bei einer erheblichen Anzahl von Kirchenmännern – zumindest bei jenen, die medial gegenwärtig sind – seit den Aufdeckungen von Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche in Deutschland nicht viel geändert. Viele Reaktionen kann ich nur als „seelenlos“ beschreiben – und das bei Leuten, die die Sorge um die Seele von Menschen als ihr Kerngeschäft beschreiben.

3. Begegnungen mit den Opfern

Nun aber gibt es doch Begegnungen zwischen (einigen wenigen) Bischöfen bzw. Missbrauchsbeauftragten der Bischöfe einerseits und den Opfern von Priestern andererseits! Die Strukturen für diese Treffen sind geschaffen, die Wege vorgesehen, die Ansprechpartner bekannt und – meistens jedenfalls[18] – erreichbar. Die Leitlinien regeln viele dieser Vorgänge. Wie also kann es geschehen, dass es noch immer Opfer gibt, die unzufrieden sind? Wird nicht  – so die Wahrnehmung der Verantwortlichen in der Kirche – wirklich alles getan, um den Opfern entgegen zu kommen? Hat Kirche nicht aus dem bisherigen Vertuschen der Verbrechen gelernt? Liegt die Schuld bei den Opfern? Sind diese etwa – undankbar? Maßlos? Nie zufrieden? Was ist es, das ihnen fehlt? Wer mit Opfern spricht, erfährt: „Ich wollte eine ehrlich empfundene  Anerkennung meines erlittenen Schmerzes.“ Diesem Opfer blieb sie versagt – und es ist nicht das einzige, von dem ich das weiß. Ich kann nur Vermutungen über die Ursachen anstelle.

  • Persönliche Situation der kirchlichen Mitarbeiter: Kränkungen sind zu verarbeiten, Ängste zu beherrschen

Kirchliche Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen mussten in diesem Jahr viele Kränkungen hinnehmen. Außerhalb der Kirche fanden sie wenig Anerkennung ihres eigenen Leides. Sie mussten zur Kenntnis nehmen, dass Kollegen Täter waren und andere Kollegen und Vorgesetzte die Täter geschützt haben. Sie mussten – wenn sie es nicht verleugnen wollten – erleben, dass die Kirche, die sie lieben, an entscheidender Stelle bitter versagt hat. Die Institution, in der sie arbeiten und die nicht selten identisch ist mit ihrem gesamten Lebens-Raum, auf die sie ihre Existenz gebaut haben, der sie ihr (Berufs-)Leben und ihre Seele anvertrauten, diese Institution beherbergte und schützte Verbrecher und ließ Kinder und Jugendliche ohne Schutz.  Diese Erkenntnis muss jedem Kirchenmann und jeder Kirchenfrau den Boden unter den Füßen wegreißen. Vielleicht sind eigene Missbrauchserfahrungen wieder bedrückend und bedrängend präsent geworden.[19] Vielleicht ist dem ein oder anderen bewusst geworden, dass auch er einen Täter kennt oder gar zu seinen Freunden zählt. Vielleicht ist dem einen oder anderen siedend heiß eingefallen, dass auch er sich eines distanzlosen Verhaltens gegenüber Abhängigen und/oder Kindern und Jugendlichen schuldig gemacht hat. Vielleicht hat der eine oder andere – womöglich in exponierter Position und medial ständig gegenwärtig – sich erinnert, dass er und wie er selbst einmal einen Täter schützte und sich durch sein Schweigen mitschuldig machte. Vielleicht gibt es den ein oder anderen, der in diesen Monaten in der ständigen Angst lebt, dass auch sein eigenes Verbrechen an die Öffentlichkeit kommen könnte und der sich auf die Aufdeckung vorbereitet, indem er nur noch fester an seine Unschuld glaubt, die er bei Bedarf andere glauben machen will.

  • Erwartungen der Institution und Anforderungen der Medien an kirchliche Mitarbeiter

Wir haben es also mit unterschiedlichsten persönlichen Reaktionen auf die Aufdeckungswelle zu tun. In all diesen irritierenden und verstörenden „Befindlichkeiten“ muss auch noch die Presse bedient werden. Die  gesamte Arbeit scheint nur noch den Fokus „Missbrauch“ zu haben. Ob den Kollegen zu trauen ist, ist unsicher, da damit zu rechnen ist, dass jeder 20. Priester ein Missbrauchstäter ist. Die Erwartungen der Vorgesetzten sind klar: Es darf nichts zugegeben werden, was nicht schon nachweisbar ist; eventuelle Versäumnisse eines Personalverantwortlichen, der Täter-Kollegen versetzte und vor der Justiz schützte, dürfen auf keinen Fall eingestanden werden. Strategien der Öffentlichkeitsarbeit sind zu besprechen; gefährliche Nachfragen von Presseleuten sind zu entschärfen, bei Bedarf auch zu vernebeln. Aber wie? Es folgen Beratungen, viele Beratungen, die das Ansehen der Kirche und der Bischöfe und Bischofskonferenzvorsitzenden schützen sollen. Es ist viel zu tun.

  • Erwartungen der Opfer

In diesem Spannungsfeld als beamteter Kirchenmitarbeiter, der die Institution zu schützen hat und als Mensch, der vielleicht noch auf der Suche nach der eigenen Position in dieser undurchsichtigen und chaotischen Kirchensituation ist, treffen Menschen, die von Priestern missbraucht wurden, auf den Kirchenmitarbeiter. Die Opfer glauben den Presseverlautbarungen der Kirche, die immer wieder betonen, dass die erste Sorge der Kirche ihnen, den Opfern, gelte. Aber nun haben die Opfer im kirchlichen Gesprächspartner jemanden vor sich, der die Erwartungen des Bischofs, der Vorgesetzten und der Kollegen zu erfüllen hat, eigene Verunsicherungen aushalten muss und überdies Mitglied einer tief gekränkten Institution ist.

Diesen Erwartungen ist am ehesten gerecht zu werden, wenn das Opfer abgeschreckt wird. Das geht in manchen Fällen. Im Vorfeld ausreichend abschreckend kann ja bereits die “Kommission” wirken, wenn ihr ein Mitarbeiter des Bischofs und drei Rechtsanwälte angehören. Auch die persönliche Nichterreichbarkeit des Missbrauchsbeauftragten ist hilfreich.  Wenn nun aber das Opfer dem kirchlichen Ansprechpartner gegenübersitzt, kann dieser sich in seine Rolle retten. Es ist die Rolle dessen, der das Opfer befragt, die Daten aufnimmt, katalogisiert, kategorisiert, protokolliert, registriert, rubriziert, zur Kenntnis nimmt, erfasst und bearbeitet. All das muss getan werden.  Nur eines darf nicht geschehen: Dass der kirchliche Ansprechpartner Mitleid empfindet.  Würde er Mitleid empfinden, dann müsste er sich entscheiden, ob er seinen Beruf wie bisher ausüben will, abgesichert durch Privilegien einer geliebten Kirche, eingebettet in ein stabiles kollegiales Miteinander oder jedenfalls in seiner Loyalität gegenüber der Kirche nicht in Frage gestellt.
Das Opfer sucht Gehör und Verständnis und ein Stück Gerechtigkeit. Es erwartet vom kirchlichen Gesprächspartner eine klare Stellungnahme zu seinen, des Opfers, Gunsten. Es will seine Geschichte von Leid und Kampf einem Menschen mit offenem Ohr und offenem Herzen erzählen. Es wünscht Parteilichkeit für sein oft langes und oft verschwiegenes Leiden. Wer dem Opfer wirklich zuhört und sich dessen Leid zu Leibe rücken lässt, der wird zu ermessen beginnen, was sexualisierte Gewalt bei dem kleinen Jungen und dem kleinen Mädchen von damals angerichtet hat – nicht selten lebenslänglich. Wer erlaubt, dass ihm das Leid der Opfer nahe kommt, dem geraten Gewissheiten abhanden – Gewissheiten darüber, dass die Welt im Großen und Ganzen irgendwie gerecht ist; dass die Kirche eine solidarische Gemeinschaft ist, die Familie ein Hort der Geborgenheit…. Wem das Leid eines Opfers nahe kommt, für den verschärfen sich die Unsicherheiten, mit denen er seit geraumer Zeit leben muss, noch einmal. Er spürt, dass er sich entscheiden muss. Er muss sich entscheiden, ob er mitfühlend und solidarisch mit dem Opfer sein will. Wer mit dem Opfer wirklich solidarisch ist, der gerät in Konflikt mit Vorgesetzten und Kollegen. Er riskiert den Verlust von Privilegien. Er macht sich Täter und täterschützende Kollegen und Vorgesetzte zu Feinden. Er isoliert sich in seinem Arbeitsfeld und begibt sich in der Institution in eine Außenseiterposition – er riskiert, aus den geschlossenen Reihen ausgestoßen zu werden – als einer, der mit Nestbeschmutzern zusammen arbeitet und mit ihnen solidarisch ist. Seine Loyalität mit der Kirche wird angezweifelt. Nichts weniger als das steht auf dem Spiel.[20]

Es gibt also viele Gründe, warum Gewaltopfer von Priestern und Ordensleuten tatsächlich erleben, was sie beschreiben: Dass sie keine ehrlich empfundene Anerkennung ihres erlittenen Schmerzes durch Verantwortliche in der katholischen Kirche erfahren.[21] Sie wäre nötig, damit Opfer ein wenig leichter mit den Gewaltfolgen leben könnten.

4. Ausblick

Es ist noch immer ein schrecklich weiter Weg „der Kirche“ zu den Opfern sexualisierter, körperlicher und seelischer Gewalt durch Kirchenmänner. Aber mir scheint, es führt kein Weg an der Umkehr der Verantwortlichen in der Kirche zu den Opfern – die ebenfalls „Kirche“ sind, wenn sie es denn (noch) sein wollen – vorbei. Ich habe den Eindruck, dass mit viel Aktionismus – Presseberichte am laufenden Band, Entschuldigungen haufenweise, nicht endende Absichtserklärungen, die Änderungen versprechen – vergessen gemacht werden soll, dass nach wie vor Verantwortliche in der Kirche die Opfer beschuldigen, sie nicht ernst nehmen, ihnen nicht zuhören und ihnen verwehren, was diese Menschen brauchen: Ein Gegenüber, das an der Geschichte und dem Leid, aber auch den Stärken der Opfer interessiert ist. Ein Gegenüber, das mitfühlen kann und will und ohne Seitenblicke auf die Erwartungen Dritter – des Bischofs, der Kollegen, der Täter, der Täterschützer…- sich ehrlich und offen dem Gewaltopfer zuwendet.

Gewaltopfer haben oft ein sehr genaues Gefühl für Atmosphärisches. Sie haben dieses Sensorium ausbilden müssen, weil sie Gefahren möglichst frühzeitig wahrnehmen mussten. Sie registrieren Unehrlichkeit mit hoher Treffsicherheit. Sie wissen, wann ihr Gegenüber nur einer formalen Pflicht nachkommt – und wann das Gegenüber es ehrlich meint.

Es sieht so aus, dass der vielbeschworene Satz “Die Fürsorge der Kirche gilt zuerst dem Opfer” den guten Willen zum Ausdruck bringt. Aber offensichtlich genügt der gute Wille alleine nicht, wenn die Interessen Dritter Vorrang vor dem Interesse der Opfer haben. Solange das so ist, werden Opfer noch auf die ehrlich empfundene Anerkennung ihres erlittenen Schmerzes warten müssen.

Erst wenn die Kirchenleitungen sich wirklich zu den Opfern bekehren und ihre eigenen Interessen und die vermeintlichen Interessen der Institution hintanstellen, erst dann kann die Kirche an Glaubwürdigkeit gewinnen. Es wird sich auch ohne Pressemitteilungen herumsprechen, dass Christen und Christinnen ganz neu auf das Evangelium hören und deswegen den Menschen nahe sind – und unter ihnen in erster Linie denen, die unter die Räuber gefallen sind. Kirchenleitungen täten gut daran, die auch schmerzlichen Rückmeldungen von Gewaltopfern als einen unabdingbar nötigen Beitrag zur Erneuerung einer unglaubwürdig gewordenen Kirche anzunehmen.

31.12.2011


 

[1] http://www.badische-zeitung.de/suedwest-1/bistum-nennt-missbrauchszahlen-110-anzeigen–36872715.html, abgerufen am 29.10.2010

[2] http://www.pnp.de/nachrichten/artikel.php?cid=29-29743630&Ressort=bay&Ausgabe=a&BNR=0, abgerufen am 29.10.2010

[3] Ich weiß von nicht wenigen Frauen, die Opfer sexualisierter Gewalt durch Priester/Ordensleute wurden und sich nicht bei der Kirche gemeldet haben.

[4] „Ich kann das alles gar nicht glauben.“ Das sagte ein Missbrauchsbeauftragter eines Bistums über einen Kollegen, der in Marokko wegen Kindesmissbrauchs verurteilt wurde. Quelle: http://www.pnp.de/nachrichten/artikel.php?cid=29-27346197&Ressort=onli&Ausgabe=a&BNR=0, abgerufen am 29.10.2010

[5] „Man hat mit raffinierten Methoden versucht, ein Medienecho zu generieren.“ Das sagte der Pressesprecher eines Bistums. Quelle: http://www.stuttgarter-zeitung.de/stz/page/2565555_0_9223_-das-erzbistum-freiburg-zeigt-sich-erleichtert.html, Stuttgarter Zeitung vom 22.7.2010, abgerufen am 30.10.2010

[6] http://gestern.nordbayern.de/artikel.asp?art=1193527&kat=27&man=5

[7]http://www.erzbistum-freiburg.de/html/aktuell/aktuell_u.html?&m=19718&artikel=6461&cataktuell=955&,  abgerufen am 30.10.2010

[8] http://storico.radiovaticana.org/ted/storico/2010-04/374605_kolumbien_hoyos_verteidigt_bisherige_praxis.html.

[9] http://www.sueddeutsche.de/politik/kirche-vatikan-paedophilie-hat-mit-homosexualitaet-zu-tun-1.13293 vom 13.4.2010, abgerufen am 30.10.2010

[10] http://www.pontifex.roma.it/index.php/interviste/religiosi/3973-massoni-ed-ebrei-contro-il-papa-sbagliato-chiedere-perdono-di-che-cosa-gli-ebrei-da-sempre-nemici-della-chiesa-e-deicidi-omosessuali-misericordia-ma-gli-animali-sono-piu-ordinati-di-loro-caso-claps-sconsacrata-la-chiesa, vom April 2010, abgerufen am 30.10.2010

[11] http://brf.be/nachrichten/national/146334/ vom 27.10.2010, abgerufen am 30.10.2010

[12] http://www.mehrerau.at/collegium/pdf/Erklaerung_Abt_Anselm_III.pdf, 12.3.2010, abgerufen am 30.10.2010

[13] Ob dieses Argument so stimmt, sei einmal dahingestellt.

[14] http://www.rp-online.de/panorama/deutschland/Zollitsch-weist-Vertuschungsvorwurf-zurueck_aid_834705.html, vom 20.3.2010, abgerufen am 30.10.2010

[15] http://www.eckiger-tisch.de/2010/07/22/l-stuper-gestorben/#comments, vom 28.7.2010, abgerufen am 30.10.2010

[16] http://storico.radiovaticana.org/ted/storico/2010-04/375539_d_kardinal_lehmann_gegen_generelle_finanzielle_entschadigung.html

[17] http://www.suedkurier.de/region/bodenseekreis-oberschwaben/ueberlingen/Missbrauchsopfer-muss-Kirchplatz-verlassen;art372495,4261694. Dass in einem Fall, in dem einem Opfer erneute Lasten aufgebürdet werden, auch noch Jesus Christus „entzogen“ wird, ist kaum erträglich.

[18] Mir ist eine Diözese bekannt, in der es in 4 Monaten drei Menschen im gleichen Anliegen nicht möglich war, mit dem Ansprechpartner für Missbrauchsopfer einen Kontakt herzustellen.

[19] Wir wissen nicht, wie viele Priester aus Loyalität ihrer Kirche gegenüber verschweigen, dass sie selbst im Konvikt, in der kirchlichen Jugendarbeit und/oder im Priesterseminar missbraucht wurden.

[20] Es ist eher unwahrscheinlich, wenn auch nicht ausgeschlossen, dass bisherige Täterschützer im Handumdrehen zu Menschen werden, die die Welt und die Kirche aus der Perspektive der Opfer sehen lernen.

[21] 31.10.2010 In Rom findet heute ein Fackelzug von Missbrauchsopfern von katholischen Priestern und Ordensleuten statt. Am Reformationstag wolle man zeigen, dass das Kapitel noch lange nicht abgeschlossen sei, sagten die Organisatoren. Sie wollen eine, wie sie sagen, ehrliche Entschuldigung. Irgendwann werden die Entschuldigungen kommen, die auch aus dem Herzen kommen. Eine finanzielle Entschädigung könne nur ein Teil sein, das sei aber unzureichend. Der Vatikan reagierte auf den Fackelzug: Er verbot, dass er auf dem Petersplatz ende. Quelle: http://oe1.orf.at/artikel/260657

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