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 Ohne Sinn und ohne Zukunft? Mit Abraham auf dem Weg

(Gen 22,1-181)

 

 Caravaggio artist QS:P170,Q42207, Michelangelo Merisi da Caravaggio - The Sacrifice of Isaac - WGA04137, als gemeinfrei gekennzeichnet, Details auf Wikimedia Commons Caravaggio artist QS:P170,Q42207, Michelangelo Merisi da Caravaggio - The Sacrifice of Isaac - WGA04137, als gemeinfrei gekennzeichnet, Details auf Wikimedia Commons

 Caravaggio, „Opferung Isaaks“, gemalt um 1603

 

  Rembrandt artist QS:P170,Q5598, Rembrandt Harmensz. van Rijn 035, als gemeinfrei gekennzeichnet, Details auf Wikimedia Commons Rembrandt artist QS:P170,Q5598, Rembrandt Harmensz. van Rijn 035, als gemeinfrei gekennzeichnet, Details auf Wikimedia Commons

Rembrandt, Opferung Isaaks, gemalt um 1663

 

Hinweise zu den Bildern von Caravaggio und Rembrandt

Ein Vergleich der Darstellungen von Rembrandt und Caravaggio zeigt einen bedeutsamen Unterschied: Bei Rembrandt bedeckt Abraham das Gesicht seines Sohnes, Caravaggio jedoch lässt Isaak schreien. Es ist, als dringe der Schrei des Opfers bis zum Bildbetrachter.  Abraham hatte nach dem Befehl Gottes nichts mehr gehört und nichts gesagt. Nicht einmal mit seiner Frau Sara hatte er gesprochen.

 

Hinweise zum Text

Die Bindung Isaaks (Hebr. Akeda(h) עֲקֵידָה Bindung), wie sie im Judentum genannt wird, kennt verschiedene Auslegungen. Zunächst wurde diese Perikope als Ablösung des Kindesopfers durch ein Tieropfer verstanden. Inzwischen scheint deutlich zu sein, dass es in Israel kein Kindesopfer gegeben hat. Eine Ausnahme ist 2 Kön 3,27; da bringt König Mescha seinen erstgeborenen Sohn als Brandopfer auf der Mauer dar. Wenn Kindesopfer in Israel nicht üblich waren, brauchte es auch keinen Text, in dem der Ersatz eines Kindesopfers durch ein Tieropfer propagiert wird.

Eine andere Deutung will Abraham zeichnen als denjenigen, dem sich das Gottesbild verdunkelte. Er meint, er müsse Gott dieses entsetzliche Opfer bringen, um seinen Willen zu erfüllen. In diesem Verständnis zeigt die Geschichte das Bild eines Gottes, der den Tod fordert. Erst am Ende wird dieses Gottesbild geradegerückt, erst da zeigt sich Gott als einer, der das Leben will.

Eine weitere Deutung steht gegenwärtig zur Diskussion. Diese Deutung nimmt ernst, dass der Text frühestens in der Zeit des babylonischen Exils (ab 587 v. Chr.) oder in der Nach - Exilzeit entstanden ist. So gesehen, reflektiert er Katastrophenerfahrungen, wie sie bei der Zerstörung Jerusalems durch die Babylonier und im nachfolgenden Exil gemacht wurden. Die Erzählung von der Bindung Isaaks stellt die Theodizeefrage: Wie kann ein- und derselbe Gott sowohl das Böse als auch die Rettung verursachen? Das ist die Frage von Menschen bis heute, die in grausamen Lebenserfahrungen Gott als fernen, unbegreiflichen Gott erleben.

Hinzuweisen ist auf die unterschiedlichen Gottesbezeichnungen. Ha Elohim, "der Gott", bzw. Elohim, Gott, wird bis zur Wende der Erzählung benutzt, das Tetragramm JHWH wird erst ab V.11 verwendet. Elohim ist für den abgründig fremden Gott, der das Opfer des Sohnes fordert, reserviert. JHWH steht für den Gott, der rettet. Zwei gegensätzliche Erfahrungen werden so verknüpft: der verborgene Gott ist zugleich der rettende.

Einige Hinweise aus der Perspektive Betroffener

Es ist doch klar, dass Gott keine Menschenopfer will. Auch nicht die Opferung von Kindern. Aber bis heute muss das gesagt werden, weil bis heute Kinder geopfert werden: durch menschengemachten Hunger, vermeidbare Krankheiten, Kinderarbeit, Verwahrlo­sung, Gewalt, sexuellen Missbrauch. Geopfert für die selbstsüchtigen Interessen anderer Menschen. Mit Folgen, die oft für immer das Leben der Betroffenen massiv beeinträchti­gen und manchmal verunmöglichen.

In dem kargen Text werden nur äußere Handlungen berichtet: Abraham steht früh am Morgen auf, gürtet seinen Esel, nimmt zwei Knechte und Isaak, spaltet Holz - und geht.

Was Abraham in der Nacht der Entscheidung und auf diesem dreitägigen Weg mit seinem Sohn dachte, was er fühlte, was Isaak dachte und fühlte – nichts davon erfahren wir. Die Mutter, Sarai, kommt in der Erzählung erst gar nicht vor. Kein Wort hat Abraham mit ihr gesprochen. Diese Sprachlosigkeit prägt die gesamte Erzählung. Drei Tage lang geht Abraham schweigend neben seinem Sohn her. Erst am Ende des dreitägigen Weges spricht er. Und da sagt er nicht die Wahrheit. Den Jungknechten vermittelt er, dass alles in Ordnung ist: „Ich aber und der Knabe, wir wollen dorthin gehen und uns niederwerfen; dann wollen wir zu euch zurückkehren.“ (Gen 22, 5)Lügt er, wenn er von der gemeinsamen Rückkehr spricht? Oder hat er Hoffnung, dass Isaak überleben wird? Will er um jeden Preis den Anschein er­wecken, dass alles „ganz normal“ ist? Damit niemand merkt, wohin er geht und was er vorhat? Und welcher Kampf in ihm stattfindet?

Auch Isaak fragt erst am Ende des Weges seinen Vater: „Wo aber ist das Lamm für das Brandopfer?“ (V. 7) Abraham antwortet: „Gott wird sich das Lamm für das Brandopfer ausersehen.“ (V.8) Will er Isaak täuschen? Oder hat er Hoffnung? Und warum protestiert Isaak nicht?

Aber geht es überhaupt um Isaak? Er ist der Träger der Verheißung, die an Abraham er­gangen ist. Zu einem großen Volk will Gott den Abraham machen, so zahlreich wie die Sterne des Himmels. Und Gott schenkte Sara und Abraham den Isaak in einem Alter, in dem eine Schwangerschaft eigentlich nicht mehr möglich ist. Wenn Isaak nun stirbt, be­deutet das, dass Gott seine Verheißung zurücknimmt. Isaaks Tod wäre das Ende aller Hoffnung für Abraham. Wenn Isaak stirbt, wird es kein großes Volk geben. Dann stirbt auch in Abraham alle Hoffnung. Kann ein Mensch ohne jede Hoffnung leben?

Und: Muss Abraham damit rechnen, dass Gott sich selbst untreu wird? Dass Gott seine Verheißung zurücknimmt? Hat Abraham seinen Gott nicht bisher als treu und zuverlässig erfahren - wenn auch manchmal nach langem, langem Warten? Prägt nicht das lange War­ten sein ganzes bisheriges Leben? Hat er nicht alles auf die eine Karte gesetzt, auf seinen Gott? Hat er nicht auf Gottes Geheiß hin alles verlassen: sein Vaterland, seine Heimat, sei­ne Sippe? Ist er nicht in eine unbekannte, unberechenbare Zukunft gegangen? Auf ein Ver­sprechen Gottes hin?

Vielleicht fragt sich Abraham: Was ist das für ein Gott, der vernichtet statt zu retten? Aber ist genau das nicht die Erfahrung Israels im babylonischen Exil? Die Babylonier haben Jerusalem belagert, Blutbäder angerichtet, den Tempel - den Ort Gottes bei seinem Volk, das spirituelle Zentrum Israels! - dem Erdboden gleichgemacht? Geschahen nicht in Jerusalem unvorstellbare Gräueltaten durch die Babylonier? War es nicht so, dass es kaum eine Familie in Jerusalem gab, die keine Toten zu beklagen hatte? Wurden nicht viele nach Babylon in Gefangenschaft geführt - fern der Heimat, fern vom Wohnort ihres Gottes? Traumatisiert durch Krieg, Gewalt und Heimatlosigkeit? Fühlten sich die Menschen etwa nicht von Gott verlassen, von ihm verraten? Lebten sie nicht im Exil, Jahr um Jahr, ohne die Hoffnung auf Heimkehr?

Hatte Gott nicht auch da seine Verheißung zurückgenommen? Er hatte versprochen, auf ewig am Zion zu wohnen. Aber der Zion, der Ort Gottes, der Zufluchtsort der Juden vor den Feinden - der Zion selbst war zerstört. Die religiöse Heimat, den Jerusalemer Tempel, den Ort Gottes in der jüdischen Welt gab es nicht mehr. Waren die Juden nicht auch im Exil von Gott verlassen worden? Und die Daheimgebliebenen, hatten sie nicht mit der Zerstörung und der Besatzung leben müssen?

Aber kam dann nicht der Perser Kyros II. und entließ die Gefangenen nach Hause? Zeigte sich in ihm, dem fremden König, dem Erben der Unterdrücker, nicht der Gott Israels als rettender Gott? Und nicht etwa nur als der Gott des Volkes Israel, sondern als Gott der ganzen Welt. Hätte Israel das erkennen können, wenn es nicht erst durch die Erfahrung großer Schuld und tiefster Gottverlassenheit hindurchgegangen wäre?

War es den Exilierten in Babylon nicht möglich gewesen, Wichtiges ihres Glaubens festzuhalten, die Gebote, die Prophetenworte? Hatten sie nicht im Exil den verlorenen Ort Gottes durch die Zeit Gottes, den Sabbat, ersetzen können? Konnten sie nicht die Beschneidung als Zeichen ihrer Zusammengehörigkeit entdecken? Sie hatten doch erfahren, dass die bisherigen äußeren Zeichen der Nähe Gottes - der Tempel, das Land Israel, der Jerusalemer Kult - nicht zwingend notwendig sind! Sie hatten doch entdeckt, dass ihr Gott ein Gott ist, der mit ins Exil geht. Neue Hoffnung konnte wachsen, schließlich die Hoffnung auf einen Gottesknecht, der die Wunden verbinden würde.

Würde der Gott Abrahams sich am Ende der Erfahrung von der Gottverlassenheit Abrahams auch als rettender und heilender Gott erweisen? Sollte Abraham diesem fernen, fremden, völlig unverständlichen Gott die Treue halten – ja, auch gegen jede menschliche Planung und Vernunft?

Hat Abraham in diesen drei Tagen und Nächten – die im realen Leben auch Jahre der Hoffnungslosigkeit und Sinnlosigkeit sein können – seinen Gott mit dessen Verheißungen konfrontiert? Hat er ihn an seine Versprechen erinnert und sie eingeklagt?

Vielleicht ist diese so widerständige Erzählung eine biblische Bitte an uns heute: Auch in den Katastrophen eines gefährdeten Lebens nicht von diesem Gott zu lassen. Abraham ist den einsamen Weg seiner grenzenlosen Not schweigend gegangen. Es gibt eine Not, die sprachlos macht. Auch heute noch. Manche unter uns sehen im eigenen Leben diese Not, andere finden sie jeden Tag in der Zeitung.

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