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Almut Hundertmark: Ansprache zu Lk 6, 27-38

Bild von PublicDomainPictures auf PixabayBild von PublicDomainPictures auf Pixabay7. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr C, 10.2.2019Almut Hundertmark, Pastoralreferentin

Die andere Wange hinhalten? Predigt zu Lk 6,27-38

10-02-2019 - 7. Sonntag im Jahreskreis Lesejahr C

Schrifttext: Lk 6, 27–38

Aus dem heiligen Evangelium nach Lukas.

In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern:
27 Euch, die ihr zuhört, sage ich:
Liebt eure Feinde;
tut denen Gutes, die euch hassen!
28 Segnet die, die euch verfluchen;
betet für die, die euch beschimpfen!
29 Dem, der dich auf die eine Wange schlägt,
halt auch die andere hin
und dem, der dir den Mantel wegnimmt,
lass auch das Hemd!
30 Gib jedem, der dich bittet;
und wenn dir jemand das Deine wegnimmt,
verlang es nicht zurück!
31 Und was ihr von anderen erwartet, das tut ebenso auch ihnen!
32 Wenn ihr die liebt, die euch lieben,
welchen Dank erwartet ihr dafür?
Auch die Sünder lieben die, von denen sie geliebt werden.
33 Und wenn ihr denen Gutes tut, die euch Gutes tun,
welchen Dank erwartet ihr dafür?
Das tun auch die Sünder.
34 Und wenn ihr denen Geld leiht,
von denen ihr es zurückzubekommen hofft,
welchen Dank erwartet ihr dafür?
Auch die Sünder leihen Sündern,
in der Hoffnung, es zurückzubekommen.
35 Ihr aber sollt eure Feinde lieben
und sollt Gutes tun und leihen,
wo ihr nichts  dafür erhoffen könnt.
Dann wird euer Lohn groß sein
und ihr werdet Söhne und Töchter des Höchsten sein;
denn auch er ist gütig gegen die Undankbaren und Bösen.
36 Seid barmherzig,
wie auch euer Vater barmherzig ist!
37 Richtet nicht,
dann werdet auch ihr nicht gerichtet werden!
Verurteilt nicht,
dann werdet auch ihr nicht verurteilt werden!
Erlasst einander die Schuld,
dann wird auch euch die Schuld erlassen werden!
38 Gebt,
dann wird auch euch gegeben werden!
Ein reiches, volles, gehäuftes, überfließendes Maß
wird man euch in den Schoß legen;
denn nach dem Maß, mit dem ihr messt,
wird auch euch zugemessen werden.
Frohe Botschaft unseres Herrn Jesus Christus.

Predigt

Schwestern und Brüder,

die Aufforderung Jesu auf Gewalt zu verzichten war immer umstritten. Die andere Wange hinhalten? Dem, der mich herabwürdigt und mir Unrecht tut, nicht mit Gegengewalt antworten. Aber auch nicht fliehen. Ihm wehrlos entgegentreten in der Hoffnung, damit die Gewaltspirale zu unterbrechen. Mit dem Risiko, dass die Gewalt sich wiederholt oder sogar steigert.

Kann solches Handeln von Menschen verlangt werden? Oder ist das „nur“ ein unerreichbares Ideal?
(Manche von Ihnen werden sich daran erinnern, wie lebhaft das in den 80er Jahren für das politische Handeln in der Nachrüstungsdebatte diskutiert wurde.)
Das Evangelium spricht die, die es hören, direkt und unmittelbar an. 18 mal die Befehlsform in 12 Versen: liebt eure Feinde, betet für die, die euch misshandeln, haltet  die andere Wange hin, gebt allen, die euch bitten, seid barmherzig…
 
Scheinbar eindeutige Aufforderungen. Aber: wir kennen ihren Zusammenhang nicht. In welcher Situation Jesus um das Jahr 30 am See Gennesareth zu seinen Hörerinnnen und Hörern gesprochen hat, wissen wir nicht. Was er ihnen damals tatsächlich  gesagt hat, auch nicht.
Die Menschen damals in Palästina standen von zwei Seiten unter Druck: einmal von den römischen Legionären, die willkürlich Frondienste verlangten und die Menschen auspressten. Zum anderen von jüdischen Gruppen, die die Menschen bedrängten, ihren bewaffneten Kampf gegen die Römer zu unterstützen.
Was im Lukasevangelium aufgeschrieben wurde, entstammt einer ganz anderen geschichtlichen Situation:  – mindestens 40 J sind vergangen seid Jesu Tod, vielleicht mehr. Der Tempel ist zerstört. Unser Text ist weit weg vom See Genezareth entstanden, vermutlich in Kleinasien, der heutigen Türkei.
Die Gläubigen dort standen ebenfalls vor der Frage, wie sie mit Gewalt umgehen sollten. In dieser Situation erinnert sich die Gemeinde an die Erzählungen von Jesus, an seine Aufforderung zum Gewaltverzicht und an sein Beispiel. Soviel sagen uns die BibelwissenschaftlerInnen, mehr aber auch nicht.
 
Wenn wir diesen Text heute hören, mitten in der Auseinandersetzung mit Machtmissbrauch und sexueller Gewalt, dann ist Vorsicht geboten. Die andere Wange hinhalten? Nicht nur den Mantel geben, sondern auch das Hemd?
Nicht auszuschließen, dass ein Täter auf die Idee kommt, mit diesen Worten sein Opfer zum Stillhalten aufzufordern.
Nicht auszuschließen, dass Betroffene glauben, es sei unchristlich, sich zu wehren oder Hilfe zu suchen, Jesus verlange von ihnen, das Unrecht weiter zu erdulden.
Welches Bild von Gott damit vermittelt würde - oder tatsächlich wurde, lässt sich ahnen.
 
Wie also sollen wir den Text des Evangeliums im Licht unserer aktuellen Situation verstehen und wie ihn in das Gesamt der Botschaft Jesu einordnen?
Mir fällt ein, dass Jesus in seiner eigenen Leidensgeschichte keineswegs nach der Anweisung unseres heutigen Sonntagsevangeliums handelt. Bei Johannes lesen wir, dass ein Knecht des Hohenpriesters Jesus beim Verhör ins Gesicht schlägt. Jesus hält nicht etwa die andere Wange hin, sondern er „(Jesus) entgegnete ihm: Wenn es nicht recht war, was ich gesagt habe, dann weise es nach; wenn es aber recht war, warum schlägst du mich?“
 
Die andere Wange hinzuhalten, ist also eine Möglichkeit zu handeln, aber nicht die einzige und sicher auch nicht immer die richtige.
Darum wäre es fatal, aus unserem Text eine Leidensanweisung an Gewaltopfer abzuleiten.
Die andere Wange hinzuhalten, das kann christlich gesehen kein Wert an sich sein. Es ist ein Versuch und dient einem Ziel: die Gewalt, die vom Täter ausgeht, zu stoppen.
Das können Gewaltopfer in ihrer Situation zumeist nicht. Oft sind sie wie gelähmt. Manche schaffen es hinterher, sich an andere zu wenden. Sie brauchen Gehör. Sie brauchen Menschen, die ihnen glauben und sie unterstützen. Menschen, die handeln können und das an ihrer Seite tun.
Die Gewalt der Missbrauchstäter ist Sünde gegen Mensch und Gott. Sie muss gestoppt werden! Das ist das Ziel.
Die erlittene Gewalt zu überleben, ihre Beendigung zu fordern und sich damit Gehör zu verschaffen: Gott sei Dank haben manche Opfer das geschafft.
Und wir alle sind mit unseren Kräften und Möglichkeiten gefordert: Hinschauen. Hinhören. Betroffene unterstützen. Mit Mut und Phantasie nach Wegen suchen, ihre Peiniger zu stoppen. Der Kirche ein anderes Gesicht geben.
Komm Schöpfer Geist, kehr bei uns ein. Amen.
 
Almut Hundertmark, Pastoralreferentin, Klinikseelsorgerin

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