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Was gewinnen wir, wenn wir von Gewalt sprechen?

 

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  • Wer von Gewalt spricht, signalisiert Gewalttätern und Gewalttäterinnen, dass ihr Tun bemerkt wird und Folgen hat. Das Sprechen von Gewalt zeigt den Täter*innen, dass sie ihre Verbrechen nicht straflos fortsetzen dürfen. Wer von Gewalt spricht, befördert die Beendigung der Gewalt und stärkt die oft tief verunsicherte Wahrnehmung Betroffener, dass ihnen Unrecht geschieht.
  • Wer von Gewalt spricht, zeigt Betroffenen, dass sie unschuldig an der Gewalt sind. Damit wird der traumabedingten Selbstbeschuldigung der Betroffenen eine sie entlastende Wahrnehmung entgegengestellt.
  • Wer von Gewalt spricht, ermutigt die Opfer der Gewalt, ihrerseits von dem zu sprechen, was sie erlitten haben oder noch erleiden und was ihr Leben oft unwiderruflich beeinträchtigt und manchmal verunmöglicht.
  • Wer von Gewalt spricht, weist auf ein immerwährendes und allerorten vorfindliches Geschehen hin, unter dem viele Menschen leiden. Damit werden Erfahrungen, die viele Menschen machen, mitteilbar.
  • Wer von Gewalt und ihrer Vertuschung in Familien und Institutionen spricht, zeigt in der gottesdienstlichen Feier, dass des gewaltsamen Todes Jesu gedacht werden kann und zugleich dem Auftrag Jesu nachgegangen werden soll, sich jenen Menschen zuzuwenden, die unter die Räuber gefallen sind (Lk 10,25-37).
  • Wer von Gewalt spricht, konfrontiert das Evangelium mit dem durch Gewalt gefährdeten Leben von Menschen. Er/sie prüft, ob die gute Nachricht auch für Menschen taugt, die in Not sind und mit dem Rücken zur Wand stehen.
  • Wer von Gewalt spricht, stimmt ein in die Klage vieler Psalm-Beter*innen über Not, Leid und erlittenes Unrecht. Er/sie stellt sich in der Klage an die Seite Betroffener und lässt diese Menschen nicht alleine. Er/sie versucht, mit Betroffenen gemeinsam die Frage auszuhalten: "Wie lange soll ich schreien, und du willst nicht hören? Wie lange soll ich zu dir rufen: ‚Frevel!‘, und du willst nicht helfen? Warum lässt du mich Bosheit sehen und siehst dem Jammer zu? Raub und Frevel sind vor mir; es geht Gewalt vor Recht." (Hab 1,2)

Die Bibel erzählt von Gewalt

Betroffene von Gewalt sind immer schon mitten in der christlichen Gemeinde. Sie möchten gerne wahrgenommen werden und sich als dazugehörig erfahren,ohne unbedingt von sich zu sprechen. Der jährliche Gebetstag für Missbrauchsopfer, den die Deutsche katholische Bischofskonferenz um den 18. November in zeitlicher Nähe zum "Europäischen Tag zum Schutz von Kindern vor sexueller Ausbeutung und sexuellem Missbrauch" angesiedelt hat, kann Betroffenen signalisieren, dass auch sie im Blick sind. Für Betroffene ist es hilfreich, wenn sie nicht nur an diesem Tag in einem Gottesdienst erwähnt werden, sondern hin und wieder auch an dem ein oder anderen (Sonn-)Tag im Kirchenjahr das Signal erhielten: "Sie sind/du bist/ ihr seid der Rede wert:"

Betroffene, die in ihren oft christlichen Familien, im Nahbereich, in ihrer Kirche sexualisierte Gewalt erlebt haben, haben oft im Vorfeld der sexualisierten Gewalt geistlichen Missbrauch erlebt.

Ihnen wurde ihre Wahrnehmung vernebelt, sie wurden manipuliert, Böses wurde zum Guten erklärt. Fand der Missbrauch in kirchlichem Kontext statt, wurden nicht selten dezidiert christliche Vorstellungen in ihr Gegenteil verkehrt. So sollten sie Ausbeutung eines Menschen rechtfertigen. Da auch die Kirche, die die Frohe Botschaft gerade für die Belasteten verkünden will, Anteil am Missbrauch hat, besteht ihre Aufgabe darin, ihre hausgemachte Unglaubwürdigkeit auf sich selbst zu begrenzen und nicht auf das Evangelium auszuweiten. Hans-Joachim Sander beschreibt die Aufgabe so:

„Das geschieht nicht schon dadurch, dass man diese Differenz [zwischen Kirche und Evangelium] behauptet. Sie muss gelebt werden. Und das bedeutet: Das Evangelium wird zu einer Ressource, gegen die Kirche und den Verfehlungen ihres Führungspersonals vorzugehen, und die Kirche stellt diese Ressource auch noch selbst zur Verfügung.“1

Papst Franziskus sagte in der Slowakei zu Roma-Familien, was wohl auch für Betroffene sexualisierter Gewalt gilt:

"Ja, die Kirche ist ein Haus, sie ist euer Haus. Deshalb – ich möchte es euch von Herzen sagen –seid willkommen, fühlt euch immer zuhause in der Kirche und habt keine Angst, darin zu wohnen.Keiner halte euch oder jemand anders von der Kirche fern! "

Lange nachdem die Gewalt ein Ende fand, können Betroffene wieder - und manchmal erstmals - lernen, den christlichen Worten und den biblischen Texten Vertrauen entgegenzubringen. Das Misstrauen sitzt tief, der Vertrauensaufbau braucht Zeit – und vertrauenswürdige Menschen.

Der christliche Glaube bietet gerade Betroffenen von Machtmissbrauch Lebensperspektiven an, die sie ermutigen können, gegen innere und äußere Widerstände nach einem erfüllten Leben zu suchen, nach einem Leben, das Freude und Sinn vorhält. Dabei müssen sie das Leid nicht ausklammern – und dürfen es auch nicht, denn es gehört zu ihrem Leben dazu.

Biblische Texte können „dem Meer des sprachlosen Todes Land abgewinnen“. Das nennt Dorothee Sölle eine „Theologie, die diesen Namen verdiente.“2 Die christliche Befreiungsbotschaft kann sich als gute Nachricht gerade für Menschen erweisen, die durch Menschengewalt traumatisiert wurden.

Gewalt im Alten und Neuen Testament

Die Heiligen Schriften der Christen enthalten „Texte des Terrors“3. Sie verschweigen individuell und kollektiv erlittene Gewalt von Menschen nicht.Auch wenn viele der Gewalterzählungen historisch nicht festzumachen sind, so verdichten sich in diesen Texten doch reale Erfahrungen von Menschen.

Diesseits von Eden beginnt die Bibel mit einer Erzählung von Gewalt in der Familie, mit einem Brudermord. Der Flucht aus Ägypten geht die Erfahrung der Sklaverei, der Unterdrückung, der Ausbeutung, der Todesgefahr voraus.

Jiftach ist bereit, seine namenlose Tochter für sein Kriegsglück und sein Ansehen zu opfern.

Im Haus des Königs David gehört Gewalt zum Alltag. David missbraucht Batseba, die Frau des Urija und lässt Urija umbringen. Als seine Tochter Tamar von ihrem Halbbruder Amnon missbraucht wird, geht er mit Schweigen über das Verbrechen hinweg.

Von den damaligen Großmächten – Ägypter, Assyrer, Babylonier, Perser, Ptolemäer, Seleukiden, Griechen, Römer – wird Israel bis in die Zeit der Entstehung der Evangelien hinein - immer wieder mit kriegerischer Gewalt überzogen.

Die Propheten klagen die Gewalt an, die ihre Zeitgenoss*innen erleben müssen: Die Armen werden beraubt, ihr Gesicht zermalmt (Jes 1,4; 3,14–15) Richter enthalten den Schwachen das Recht vor (Jes 10,1–4). Das Blut der Unschuldigen klebt am Saum der Täter (Jer 2,33–35) Die Unrechttäter betrügen und schämen sich nicht (Jer 6,13–15). Jeder Bruder betrügt und jeder Nächste verleumdet (Jer 9,1–7); die Kleinen werden in den Staub getreten (Am 2,6–8); der Arme wird vor Gericht abgewiesen (Am 5,7.10–12). Die Anklage hat Folgen für die Propheten: So wurde Jeremia verfolgt, ins Gefängnis geworfen, schließlich von den Mördern Gedaljas mit nach Ägypten verschleppt, wo sich seine Spur verliert. (Jer 43,6). Jesus klagt über Jerusalem und beschreibt die Stadt: „Jerusalem, Jerusalem, du tötest die Propheten und steinigst die Boten, die zu dir gesandt sind“ (Lk 13,34).

Im Zentrum des Christentums steht Jesus, der das Schicksal der Propheten teilt: Er wird ein Opfer von Menschengewalt.

Gewalttexte der Bibel – ein Ärgernis4- oder eine Hilfe?

Bis heute gibt es Einwände dagegen, sich mit Gewalttexten der Bibel auseinanderzusetzen. Bereits Marcion (ca 90 – ca 160 n. Chr.) lehnte im 2. Jahrhundert das Alte Testament ab, weil es einen „bösen Gott“ vertrete, das Neue Testament hingegen spreche von einem guten Gott der Liebe. Bis heute gibt es die Vorstellung, im Alten Testament werde das Bild von einem „strafenden Richtergott“ gezeichnet, im Neuen Testament jedoch das Bild eines liebenden Gottes. Übersehen wird dabei, dass auch im Neuen Testament immer wieder von der Gewalttätigkeit von Menschen die Rede ist. Vor allem in der Johannes-Apokalypse (8,7 ff; 9, 13 ff) – einem Trostbuch für Bedrängte – werden Bilder von Gewalt geschildert. Im 2. Petrusbrief (Kap.2) setzt sich der Autor mit dem Thema Irrlehre und Orthodoxie auseinander und findet gewalttätige Vorstellungen für den Kampf gegen Irrlehrer. In der Apostelgeschichte sterben Hananias und Saphira wegen einer Lüge (Apg 5). Jesus selbst wird ein unschuldiges Opfer von Menschengewalt.

Dem Judentum also das Erbe der Gewalttexte zuzusprechen und den Christ*innen die Erlösung durch Jesus Christus als Lösung vorzubehalten, wird den Texten nicht gerecht. Diese Sichtweiseübersieht, dass Christentum auf dem Judentum ruht und verletzt zudem die Geschwisterlichkeit. Es verbietet sich, das Alte gegen das Neue Testament ausspielen zu wollen und es anitjudaistischauszulegen.

Im gesamten Kontext der Bibel dürfte einsichtig sein, dass biblische Gewalttexte die von Menschen ausgeübte und von anderen erlittene Gewalt zwar darstellen, dass sie aber nicht zu Gewalt auffordern.5

Gewalttexte konfrontieren uns mit unseren dunklen Seiten. Sie weisen uns darauf hin, dass Rachewünsche, Gewaltbereitschaft und die Fähigkeit zur Gewalttätigkeit zu uns Menschen dazugehören: So sind wir. Die Bibel hilft uns, auch die dunklen Seiten in uns wahrzunehmen und anzunehmen. Aus dieser Wahrnehmung und der Annahme unserer Möglichkeit, Gewalt auszuüben, kann die Bereitschaft wachsen, gewaltfrei leben zu wollen. Nicht das Aufdecken der Gewalt und menschlicher Gewalttätigkeit ist lebenshinderlich, ihr Verschweigen und Tabuisieren ist es.

Nun gibt es jedoch in der Bibel auch Vorstellungen von einem gewalttätigen Gott. Sie werden anhand menschlicher Erfahrungen entwickelt, aber auch immer wieder korrigiert.

Die Vorstellung von Gott als einem Gewalttäter transportiert immer auch die Hoffnung, dass Gott von der eigenen Gewalttätigkeit umkehrt. So sagt Gott nach der Sintflut: „Ich will die Erde wegen des Menschen nicht noch einmal verfluchen; denn das Trachten des Menschen ist böse von Jugend an. Ich will künftig nicht mehr alles Lebendige vernichten, wie ich es getan habe“ (Gen 8,21). In Hos 11,8-9 spricht Gott: „Ich will meinen glühenden Zorn nicht vollstrecken / und Efraim nicht noch einmal vernichten. Denn ich bin Gott, nicht ein Mann, / der Heilige in deiner Mitte. / Darum komme ich nicht in der Hitze des Zorns.“

Die vorgestellte Gewalttätigkeit Gottes stärkt die menschliche Hoffnung, dass Gott stark genug ist, Menschen aus der Gewalt anderer Menschen zu befreien. Dann sind sie nicht mehr den Feinden oder einem anonymen Schicksal ausgeliefert, sondern einem Gott, der sich anrufen lässt und um Erbarmen bitten lässt.

Gerlinde Baumann kommt in ihrer Untersuchung von Gottesbildern der Gewalt im Alten Testament zu folgender grundlegender Beobachtung, die helfen kann, gewalthaltige Bilder von Gott einzuordnen:

Die erlittene Gewalt bekommt mit Gott einen Täter. Solche Aussagen werden dort formuliert, wo Israel selbst oder Einzelne in Israel von unabwendbarer Gewalt betroffen sind. Es sind fast durchgängig die Opfer von Gewalt, die sich Gott als Gewalttäter denken – und nicht die Täter, die Gott als Verstärkung ihrer eigenen Bataillone wünschen. Die Ohnmächtigen sind es, die sich JHWH als Retter und Bewahrer wünschen, nicht die Mächtigen. Wenn Gewalt gegen Andere gewünscht wird, dann geschieht das in einer Weise, daß diese Anderen dem göttlichen Gericht überantwortet werden."6

Baumann weist darauf hin, dass Menschen Gott mit dem Erlittenen konfrontieren und ihn damit auch als "Kraftquelle für einen Wandel zum Guten"7 anrufen. Wer Gott als „Vergelter“ zu Hilfe ruft, vertraut Gott. Und wer – wie so viele Menschen – erfahren muss, dass Gott nicht handelt, obwohl er verzweifelt angerufen wird, lässt sich mit der Erfahrung konfrontieren, dass das Leben mit dem biblischen Gott eine Beziehung und ein Prozess ist, der Höhen und Tiefen, Erfüllungen und Enttäuschungen bereithält.

Schließlich erinnern biblische Texte daran, dass Menschen Gott nicht nur als Individuen, sondern auch als Kollektive ansprechen.

 


1 Hans-Joachim Sander: Anders glauben, nicht trotzdem. Sexueller Missbrauch der katholischen Kirche und die theologischen Folgen, Ostfildern 2021, S. 111

2 Dorothee Sölle: Leiden. Annehmen und widerstehen, 1973, S. 14

3 Phyllis Trible: Texts of Terror. Literary-Feminist Readings of Biblical Narratives, Philadel-phia 1984

4 Bibel heute, Heft 1/2017, 53. Jg. beschäftigt sich ausführlich mit dieser Sichtweise.

5 Tedd Tripp: Kinderherzen erziehen – bis heute im Buchhandel erhältlich – frisch vom Verlag, nicht antiquarisch; vgl. https://www.deutschlandfunk.de/erziehungsratgeber-gott-schlaegt-mit.886.de.html?dram:article_id=397086

6 Baumann, Gerlinde: Gottesbilder der Gewalt, Darmstadt 2006, S. 157 ff

7 Baumann, Gerlinde: Gottesbilder der Gewalt, Darmstadt 2006, S. 158

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