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Einige Hinweise für Prediger*innen, die biblische Texte opfersensibel auslegen wollen

Missbrauchsüberlebende sind überall anzutreffen, auch mitten in unseren Kirchengemeinden. Sie hören biblische Texte im Gottesdienst vor dem Hintergrund der eigenen Lebensgeschichte - wie andere Menschen auch. Dabei begegnen ihnen immer wieder Texte, die ihnen - tatsächlich oder vermeintlich - vermitteln, dass sie defizitär glaubende Christ*innen sind. Dies geschieht vor allem dann, wenn biblische Texte ohne jede Differenzierung, ohne Blick auf den Kontext, ohne Verortung in der Ursprungssituation, ohne Rücksicht auf den ursprünglichen Adressatenkreis autoritativ vorgetragen werden und pauschal und 1:1 in das konkrete Leben heutiger Menschen übertragen werden. Ganz so einfach ist es mit Texten aus den Gründungsdokumenten der Christen nicht - und wer Bibelwissenschaft studiert hat und seit dem Studium vertieft hat, weiß das auch.

Es wird nicht möglich sein, in Homilien alle Hürden des Textverständnisses für Missbrauchsbetroffene zu vermeiden. Es geht auch nicht darum, Missbrauchsüberlebenden die widerständige Auseinandersetzung mit biblischen Texten aus falsch verstandenem Mitleid zu ersparen. Das wäre eine Art, die Betroffenen nicht ernst zu nehmen. Aber es sollte möglich sein, aufmerksam für die Schwierigkeiten von Missbrauchsbetroffenen biblische Texte so auszulegen, dass auch sie die frohe Botschaft hören können. Denn ihnen und ihrem Leid gehört der erste Blick Jesu.

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Vergebung

Die biblischen Texte des Alten und Neuen Testamentes setzen sich immer wieder mit persönlicher und struktureller Gewalt auseinander. Diesseits von Eden beginnt die Gewalt mit einem Brudermord.

Die Ägypter versklaven die Hebräergruppe. Die Babylonier zerstören Jerusalem und den Tempel als spirituelles Zentrum des Judentums. Die Psalmen, das Gebetbuch der Juden und Christen, führen Klage über individuell und kollektiv erlittener Gewalt.[1] Die Propheten werden nicht müde, Gewalt und strukturelles Unrecht anzuprangern.[2]

In Jesus von Nazareth haben wir ein Opfer von Menschengewalt vor uns. Das Markusevangelium als ältestes Evangelium ist im Angesicht der Toten und Versklavten des jüdischen Krieges geschrieben.[3]

Kurz: Die Gründungsdokumente der Christ*innen sind voller Berichte von traumatogenen Ereignissen. Wo es Gewalt gibt, kommt die Frage nach Schuld und Vergebung auf. Sie wird in der Bibel vielfältig reflektiert. Auf einige biblische Texte weise ich Sie hin.

Vergebung im AT

In der hebräischen Bibel ist es zuerst und vor allem Gott, der vergibt. Ausgedrückt wird das mit dem Verb סלח  (gesprochen: salach).  Das einzig mögliche Subjekt zu diesem Verb ist Gott, denn nur Gott kann vergeben.[4]

Nehmen Sie die Geschichte des ägyptischen Josefs. Seine Brüder hatten ihn misshandelt und als Sklaven verkauft. Die Tat der Brüder hat das gesamte Leben Josefs unwiderruflich geprägt. Nach der Wiederbegegnung mit Josef und -bezeichnenderweise - nach dem Tod des Vaters haben die Brüder Sorge, dass Josef sich feindselig gegen sie stelle und ihnen alles Böse vergelte, das sie ihm angetan haben. Im Text der Einheitsübersetzung (2016) heißt es:

„15 Als Josefs Brüder sahen, dass ihr Vater tot war, sagten sie: Wenn sich Josef nun feindselig gegen uns stellt und uns tatsächlich alles Böse vergilt, das wir ihm getan haben. 16 Deshalb ließen sie Josef wissen: Dein Vater hat uns, bevor er starb, aufgetragen: 17 So sagt zu Josef:

Ach, vergib doch deinen Brüdern ihre Untat und Sünde, denn Schlimmes haben sie dir angetan. Nun also vergib doch die Untat der Knechte des Gottes deines Vaters!“(Gen 50, 15-17)

Schaut man den hebräischen Text an, so steht da etwas ganz anderes: שָׂא  נָא  פֶּשַׁע (gesprochen: sa na päscha) steht da. Das bedeutet eben nicht „Nun also vergib doch die Untat!“, sondern: „Trage doch die Sünde!“[5] Und genau das ist ja geschehen: Josef hat tatsächlich die Folgen der bösen Taten seiner Brüder getragen. Er hatte keine Wahl. Als die Brüder Josef anbieten, zur Buße seine Knechte zu werden, antwortet ihnen Josef: „Fürchtet euch nicht! Stehe ich denn an Gottes Stelle?“ D.h. sie brauchen sich nicht vor Josefs Vergeltung zu fürchten. Aber verzeihen wird er ihnen auch nicht, denn um Verzeihung hatten sie nicht gebeten und Verzeihung ist Sache Gottes und Josef macht deutlich, dass er nicht Gott ist.

Vergebung im NT

Jesus verzeiht nicht – er bittet seinen Vater, den Mördern zu vergeben

Werfen wir einen Blick ins Neue Testament, auf Jesus. „Sterbend am Kreuz vergibt Jesus selbst seinen Mördern (s. Lukas 23,34).“ So ist es immer wieder in Predigten zu hören und so steht es auch im Pfarrbrief-Service der deutschen Bistümer. Das dort dazu angebotene Bild zeigt, wie ein Mensch an seine Nicht-Vergebung gekettet ist und zugleich selbst den Schlüssel zur Befreiung von diesen Ketten in der Hand hält. Der Schlüssel zur Befreiung heißt „Vergebung“. Der Text des Pfarrbriefservices der dt. Bistümer verspricht weiter: „Vergebung befreit und ermöglicht einen neuen Anfang.“ Die Überschrift „Mach dich frei - vergib!“ macht klar, dass es um die Befreiung dessen geht, dem Unrecht geschah. Vergebung ist hier die Tat des Opfers. Allein von ihm hängt es ab, dass es frei wird.

Wer jedoch den Text bei Lk 23,34 liest, liest etwas ganz anderes: Da steht nämlich gar nicht, dass Jesus seinen Mördern vergibt. Da steht: „Jesus aber betete: Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!“ Damit steht Jesus in der Tradition seines Volkes: Es ist die Sache Gottes zu vergeben. Jesus übergibt die Vergebung an Gott.

Da, wo Menschengewalt also ein ganzes Leben beeinträchtigt und prägt wie beim ägyptischen Josef oder ein Leben vernichtet wie das von Jesus von Nazareth - da ist Vergebung die Sache Gottes.

Sie sehen an den Übersetzungen und Interpretationen, wie übermächtig der Wunsch nach Vergebung des Opfers ist – gegen jeden Textbefund und bis in unsere Tage hinein. Dies begegnet uns auch in den Vergebungsaufforderungen an Missbrauchsbetroffene. Nicht die Täter und ihre Helfer werden zu Umkehr, Reue, Bekenntnis und Wiedergutmachung aufgefordert -  die Opfer werden zur Vergebung aufgerufen.

Matthäus 18 - Gemeindekapitel

Damit könnte ich den Blick in die Bibel beenden und sagen: Es ist klar, dass Christen, deren Leben gravierend beeinträchtigt oder nicht mehr lebbar gemacht wurde - erkennbar auch an der signifikant höheren Selbstmordrate unter Missbrauchsopfern -, Gott die Vergebung überlassen müssen. Und das tun die allermeisten Betroffenen auch: Sie nehmen keine Rache, irdische Gerechtigkeit erfahren sie selten[6]; wenn sie Christen sind, übergeben sie die Gerechtigkeit und die Vergebung an Gott.

Aber da gibt es ja noch andere Bibeltexte, die von Vergebung sprechen. Im 18. Kapitel des Matthäusevangeliums wird das Leben der jungen christlichen Gemeinden behandelt. Und da es schon damals Konflikte in den Gemeinden gab, geht es auch zentral um das Thema Vergebung. 

Das gesamte Kapitel über das Leben in der christlichen Gemeinde leitet Matthäus ein mit der Frage der Jünger: „Wer ist denn im Himmelreich der Größte?“ Das ist die Machtfrage. Als Antwort stellt Jesus ein Kind in die Mitte: „Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder (Παιδίον), werdet ihr nicht in das Himmelreich hineinkommen. … Wer ein solches Kind (Παιδίον) in meinem Namen aufnimmt, der nimmt mich auf.“ (VV. 3-4). Es geht hier also tatsächlich um Kinder.

Der folgende Abschnitt Mt 18, 6-7 ist vermutlich ein echtes Jesuswort.

6 Wer einem von diesen Kleinen (τῶν μικρῶν), die an mich glauben [=die mir vertrauen] (πίστις bzw. πιστεύω), Ärgernis gibt, für den wäre es besser, wenn ihm ein (Esels-)Mühlstein um den Hals gehängt und er in der Tiefe des Meeres versenkt würde. 7 Wehe der Welt wegen der Ärgernisse! Es muss zwar Ärgernisse geben; doch wehe dem Menschen, durch den das Ärgernis kommt!“(Mt 18, 6-7)

Nebenbei: Dies ist kein Plädoyer für die Todesstrafe, wie gelegentlich gesagt wird. In den Kommentaren zu diesem Jesuswort steht normalerweise, dass mit den Kleinen die Jünger Jesu gemeint seien, die durch Leute außerhalb der christlichen Gemeinde zum Abfall vom Glauben verführt würden.

Ein Vergleich der Einheitsübersetzungen 1980 und 2016

 

Einheitsübersetzung 1980: Warnung vor der Verführung  und der Versuchung von Jüngern

 

6 Wer einen von diesen Kleinen, die an mich glauben, zum Bösen verführt, für den wäre es besser, wenn er mit einem Mühlstein um den Hals im tiefen Meer versenkt würde. 7 Wehe der Welt mit ihrer Verführung! Es muss zwar Verführung geben; doch wehe dem Menschen, der sie [die Verführung] verschuldet!

Mt 18, 6-7

Einheitsübersetzung 2016: Warnung vor der Verführung zum Bösen

 

6 Wer einem von diesen Kleinen, die an mich glauben, Ärgernis gibt, für den wäre es besser, wenn ihm ein Mühlstein um den Hals gehängt und er in der Tiefe des Meeres versenkt würde. 7 Wehe der Welt wegen der Ärgernisse! Es muss zwar Ärgernisse geben; doch wehe dem Menschen, durch den das Ärgernis kommt!         

     Mt 18, 6-7

Die Einheitsübersetzung von 1980 spricht in der redaktionellen Überschrift von der „Warnung vor der Verführung  und der Versuchung von Jüngern“ und übersetzt „Ärgernis geben“ mit „Verführung zum Bösen“. „Verführung zum Bösen“ suggeriert eine irgendwie schuldhafte Beteiligung des Verführten.

In der neuen Einheitsübersetzung ist diese „Verführung zum Bösen“ nicht mehr im Bibeltext zu finden, jedoch immer noch in der redaktionellen Überschrift. Die Bibel selbst kennt keine Überschriften. Überschriften werden von den Übersetzern zur besseren Lesbarkeit eingefügt. Ohne „Blaming the victim“ scheint auch die Einheitsübersetzung von 2016 nicht auszukommen. 

Immerhin verwendet sie nun statt „zum Bösen verführen“ den Begriff „Ärgernis geben“. Im Griechischen steht dafür das Verb "σκανδαλίζειν" /skandalizein  bzw. das Nomen σκάνδάλων/skandalon. Von daher stammt unser Wort Skandal. Ein σκάνδάλων  ist ursprünglich ein Fallholz, das z.B. bei der Jagd einem Tier zwischen die Beine geworfen wird, damit es hinkt, strauchelt und verletzt oder halbtot liegenbleibt. Das Verb „skandalizein /Ärgernis geben“ bedeutet also: Jemanden zu Fall bringen. Im jüdischen und biblischen Sprachgebrauch werden die Begriffe  σκανδαλίζειν  bzw. σκάνδάλων häufig im sexuellen Sinn benutzt. Gemeint sein kann also auch sexueller Missbrauch (Ansgar Wucherpfennig). Im Deutschen schimmert diese Bedeutung noch im Begriff des „gefallenen Mädchens“ durch. Zur Zeit des Matthäusevangeliums wurden Kinder zu Fall gebracht durch sexuellen Missbrauch (vgl. 1 Kor 6, 8-10), Vernachlässigung, grausame Erziehungsmaßnahmen, Kinderarbeit und Anleitung zu Bettelei und Kriminalität. Solches Leid von Kindern kennen wir bis heute.

Wer ist nun mit den Kleinen bei Matthäus gemeint? Sind die „Kleingläubigen“ unter den Jüngern gemeint, wie manche interpretieren? Im griechischen Text des 18. Kapitels im Matthäusevangelium werden zwei Begriffe für die Kleinen bzw. die Kinder verwendet: μικρος/mikros und „παιδίον“/paidion [7]. Der erste Begriff  bedeutet klein von Gestalt, aber auch unbedeutend, marginalisiert. Der zweite  meint ein kleines Kind, einen zu erziehenden Menschen. Heute sprechen wir von „Minderjährigen“. Es geht also tatsächlich um Kinder und, nicht um die kleingläubigen Jesusanhänger - für Kleingläubige verwendet Matthäus ein anderes Wort (ὀλιγόπιστοι).

Matthäus fügt dem „Ärgernis geben“, d.h. dem zu-Fall- Bringen von Kindern einen Weheruf an: „Wehe (οὐαὶ) der Welt, … wehe dem  Menschen, durch den der Skandal verursacht ist.“ Der Neutestamentler Ansgar Wucherpfennig vermutet, dass Matthäus mit dem Weheruf die christliche Diaspora im Blick hat. In Palästina war sexueller Kindesmissbrauch eindeutig verboten, auch wenn er dort vorkam (im 1. Kor 6, 8-10).  Die ersten Christengemeinden jedoch, die in der griechisch-hellenistischen Welt lebten, waren mit einer Umgebung konfrontiert, in der sexuelle Beziehungen zwischen Männern und jugendlichen Jungen üblich waren und zwischen Lehrern und Schülern sogar eine anerkannte Erziehungsmaßnahme darstellten. Matthäus will verhindern, dass die jungen Christengemeinden in der hellenistischen Diaspora aus ihrer Umgebung ein Verhalten übernehmen, das Kinder schädigt.

Weherufe gehören ursprünglich in den Kontext einer Totenklage. Wenn Jesus also hier einen Weheruf  verwendet, dann vermittelt er, dass ein Mensch, der Kinder zu Fall bringen will, besser tot wäre. Eindringlicher kann eine Warnung nicht ausgesprochen werden.

An den Weheruf schließt Matthäus einen Rat an, der die Dringlichkeit wiederholt: „Wenn dir deine Hand oder dein Fuß Ärgernis gibt, dann hau sie ab und wirf sie weg.“ (18, 8-9) Auch hier wird wieder im Griechischen das Wort „skandalizein“ gebraucht. Wenn Mt von „deiner“ Hand und „deinem“ Fuß spricht, wendet er sich direkt an seine christlichen Hörer*innen. Das „Ärgernis“  kommt also gerade nicht von außen, sondern von den Christen selbst, aus dem Inneren der Gemeinde. Mit anderen Worten: Auch unter den Mitgliedern der matthäischen Gemeinden wird es Kindesmissbrauch oder mindestens die Versuchung, Kinder sexuell zu missbrauchen, gegeben haben.

Noch einmal sagt Jesus, dass diese Kleinen (V. 10, μικρος) nicht verachtet werden dürfen, denn ihre Engel im Himmel sehen stets das Angesicht des himmlischen Vaters Jesu. Mt. weiß also, dass Kinder des besonderen Schutzes bedürfen und er setzt den himmlischen Vater als Garanten dieses Schutzes ein. Der Hinweis auf den himmlischen Vater Jesu macht als Argument natürlich nur dann Sinn, wenn die Adressaten dieses Hinweises  Christen sind, also gerade nicht Menschen aus der nicht-christlichen Umgebung.

Im Anschluss an die Warnung, die Kinder nicht zu Fall zu bringen, steht das Gleichnis vom verlorenen Schaf (Mt 18, 10-14). Der Hirte geht dem einen verlorenen Schaf nach. In diesem Gleichnis geht es in der Version des Lukas um Sünder und ihre Umkehr (Lk 15,3-7). Bei Matthäus jedoch „ist die Geschichte eines verlorenen Schafes die Geschichte eines verlorenen Kindes“, denn Matthäus betont noch einmal: „Es ist nicht der Wille eures himmlischen Vaters, dass eines dieser Kleinen verloren gehe.“ (V. 14: μικρος).

Matthäus stellt uns im gleichen Kapitel eine weitere Szene vor Augen. Da heißt es: „Wenn dein Bruder sündigt [gegen dich], dann geh zu ihm und weise ihn unter vier Augen zurecht. Hört er auf dich, so hast du deinen Bruder zurückgewonnen. Hört er aber nicht auf dich, dann nimm einen oder zwei Männer mit …. Hört er auch auf sie nicht, dann sag es der Gemeinde. Hört er aber auch auf die Gemeinde nicht, dann sei er für dich wie ein Heide oder ein Zöllner.“ (Mt 18,15-17). Wir erfahren nicht, um welche Sünde es sich handelt. Sie muss jedoch so gravierend sein, dass sie am Ende vergeblicher Versuche, den Sünder zur Umkehr zu bewegen, einen Ausschluss aus der Gemeinde nach sich zieht. Es gab also in den Adressatengemeinden von Matthäus reuelose Sünder, die der Gemeinde außerdem öffentlich bekannt waren. Matthäus spricht vom Ausschluss dieser Sünder aus der Gemeinde, von Vergebung sagt er kein Wort. Allerdings sollen Ausgeschlossene wie Heiden oder Zöllner angesehen werden, also wie Menschen, die sich noch zu Jesus bekehren können. Sie werden also nicht fallengelassen.

Mit reuelosen Tätern haben es auch Missbrauchsopfer zu tun. Außerkirchliche und kirchliche Missbrauchstäter zeigen zu 90-91 % keine Reue (MHG-Studie, S. 166). Sie leugnen, reden das Verbrechen klein, bagatellisieren, sehen sich selbst als Opfer oder beschuldigen das Opfer. Damit müssen Missbrauchsopfer leben.

Nun fordert Jesus (Mt 18,22) im weiteren Text des Gemeindekapitels, dass Christen bis zu siebzigmal siebenmal verzeihen sollen, also unendlich oft. Wendet man dieses Jesuswort auf sexuellen Missbrauch an, dann wäre es geradezu eine Einladung an Missbrauchstäter weiterzumachen, denn die Opfer müssen ja verzeihen! Jesus wäre von einem Täter-Unterstützer nicht zu unterscheiden. Dass Jesus sich auf die Seite der Täter schlägt und vom Opfer immer wieder Vergebung eines Verbrechens erwartet, ist kaum anzunehmen. Wahrscheinlicher ist, dass bei dieser Aufforderung zur grenzenlosen Vergebung an ein alltägliches Konfliktszenario in den jungen Christengemeinden gedacht ist - wie etwa eine Lüge, Beleidigung oder Verleumdung [8], nicht jedoch an ein Verbrechen.

Noch einmal die Frage angesichts des Gemeindekapitels bei Matthäus: Müssen Missbrauchsopfer den Tätern vergeben? Matthäus differenziert:

  • Wo es um alltägliche Konflikte geht, wird Vergebung erwartet, auch von Missbrauchsopfern.
  • Wenn es um Vergehen geht, die anhalten und schwer genug sind, einen Ausschluss aus der Gemeinde zu begründen, spricht Matthäus nicht von Vergebung.
  • Wenn Mitglieder der christlichen Gemeinde in der Gefahr sind, Kinder in ihrer Vertrauensfähigkeit zu Fall zu bringen, steht kein Wort von Vergebung - vielmehr eine Totenklage Jesu über diejenigen, die Kinder missbrauchen wollen.
  • Und: Im Gleichnis vom verlorenen Schaf, das bei Matthäus das Gleichnis der verlorenen Kinder ist, sieht Jesus die christliche Gemeinde in der Pflicht, den verlorenen Kindern nachzugehen.

Was also ist beim Sprechen von Vergebung zu beachten?

Mit dem Vergebungsthema ist differenziert umzugehen[9]:

  • Bei Verbrechen ist Vergebung die Sache Gottes, nicht des Opfers (Josef, Gen 50; Jesus am Kreuz)
  • Interpersonale Vergebung kennt Bedingungen

Wenn es um gravierende Taten geht, spricht Mt nicht mehr von Vergebung. In Mt 5, 23-24 heißt es gar: Wenn du deine Opfergabe zum Altar bringst und dir dabei einfällt, dass dein Bruder etwas gegen dich hat, so lass deine Gabe dort vor dem Altar liegen; geh und versöhne dich zuerst mit deinem Bruder, dann komm und opfere deine Gabe!“

Wer schuldig geworden ist, muss sich um Versöhnung bemühen. Der Täter muss sich zuerst um Versöhnung bemühen. Es ist nicht das Opfer, das zuerst vergeben muss.

  • Vergebung und Gerechtigkeit gehören zusammen

Im Kontext der Gesamtheit des biblischen Zeugnisses sind Gerechtigkeit und Vergebung nicht voneinander zu lösen. Zwischenmenschlich muss möglichst Gerechtigkeit hergestellt werden, bevor über Vergebung nachgedacht werden kann.

  • Sprechen von Vergebung darf keine zusätzliche Last für Betroffene sein

Einem durch Gewalt traumatisierten Menschen, der beim besten Willen nicht vergeben kann, worunter er oft bis ans Lebensende leidet, würde zur Gewalt und zu den anhaltenden Gewaltfolgen eine weitere Bürde aufgeladen – er würde zu allem Leid hinzu dann auch noch von Gottes Vergebung ausgeschlossen werden. Von einer ‚frohen Botschaft’ für die Geknechteten bliebe nichts mehr übrig.

Es ist also wichtig, immer die konkrete Situation, in die hinein ein Text gesprochen wird, zu beachten. Wenn wir den Kontext einer biblischen Aussage nicht berücksichtigen, sind wir in der Gefahr, Schwächen einerseits, Verbrechen andererseits unterschiedslos in einen Topf zu werfen.[26] Das wird weder den biblischen Texten gerecht noch den Opfern sexualisierter Gewalt.

 

Weitere Hürden Missbrauchsüberlebender bei der Bibellektüre

  • Allgemeine Sündenbekenntnisse: Betroffene sehen sich selbst aufgrund ihres geringen und oft zerrütteten Selbstwertgefühls durchgängig als Sünder und unterscheiden dann selbst oft gar nicht zwischen alltäglichen Schwächen und Fehlern einerseits und Taten, die das Leben gefährden, andererseits.
  • Drohreden, Strafandrohungen, Endzeit- und Gerichtsreden: Weil Betroffenen in der Gewalt Grundvertrauen und ein grundlegendes Gespür für ihren Wert und ihre Würde genommen wurde und weil sie in der Gewalt im Dienste des Überlebens die Schuld auf sich genommen haben, neigen sie in der Folge dazu, sich selbst eher als Unrecht-Täter*innen sehen denn als Unschuldige. Ihnen ist unmittelbar klar, dass sie zur Spreu gehören (Mt 3,12; Mt 24, 40f.) und dass sie sicher nicht unter die Auserwählten (Mk 13) gerechnet werden.
  • Für Betroffene schwierig sind Aufforderungen zum Vertrauen und Glauben: Weil Betroffene Schwierigkeiten mit Vertrauen haben, sehen sie sich selbst als defizitär Glaubende und neigen dazu, sich für ihre Unfähigkeit zu Vertrauen zu verurteilen - obwohl nicht sie diese Unfähigkeit zu verantworten haben (Ps 1,7).
  • Die Aufforderung, das eigene Leid hinzunehmen, wird gelesen als Verbot, gegen Unrecht und Gewalt zu kämpfen (Kol 1,24).
  • Nachfolgeaufforderungen, die mit Selbstverleugnung verknüpft sind oder die Forderung, sein Kreuz auf sich zu nehmen, werden verstanden als Ertragen-Müssen des Missbrauchs (Mk 8,34; Lk 9,23-24).
  • Hinweise, einander anzunehmen, werden oft als Zustimmen-Müssen zu Gewalt gehört (Röm 15,7).
  • Wenn aufgefordert wird, nicht übereinander zu klagen, hören Betroffene ein neues Schweigegebot (Jak 5,9).
  • Die Aufforderung, die Eltern zu ehren (Eph 6,1-3), erleben viele Betroffene als Druck und Belastung und sich selbst als defizitär Glaubende, weil sie zum Beispiel keinen Respekt mehr vor einem missbrauchenden Vater und einer den Täter schützenden Mutter aufbringen können und wollen.
  • Manche haben große Schwierigkeiten mit einem personalen Gottesbild: Wer durch Menschen massiv verletzt wurde, kann oft von einem personalen Gott nichts Gutes mehr erwarten (Ps 27,8).
  • Ein männliches Gottesbild kann bedrohlich sein - aber oft ist ein Gottesbild mit weiblicher Seite auch nicht hilfreicher. Durch die katholische Bibelübersetzung von 2016, die den Gottesnamen mit groß geschriebenem „HERR“ wiedergibt, wird das männliche Gottesbild verstärkt.
  • Viele Betroffene hören und lesen Bibeltexte oft zu ihren Ungunsten, weil sie sich als minderwertig ansehen. Dies kann auch bei Texten geschehen, die eine andere Absicht haben.

Viele christliche Missbrauchsbetroffene wünschen sich in der Auseinandersetzung mit biblischen Terxten ein genaues Hinschauen auf die Texte einerseits, das Leben und die spezifischen Glaubensschwierigkeiten Betroffener andererseits, damit Evangelium auch für sie frohe Botschaft sein kann - tröstlich und herausfordernd zugleich.

 

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[1] Umso mehr ist zu bedauern, dass ausgerechnet die Klage-und Fluchpsalmen aus dem Gotteslob herausgenommen wurden. Sie könnten Betroffenen Worte für Erlittenes geben.

[2] Die zehn Gebote schlagen mit dem 5. Gebot, dem ultimativen Gewaltverbot „Du sollst nicht morden“ einen Pflock ein und zählen dann auf, was zur ultimativen Gewalt, einem Mord hinführt; nämlich menschenfeindlicher Umgang mit Sexualität (6. Gebot, Du sollst nicht ehebrechen; 9. Gebot: Du sollst nicht begehren deines Nächsten Frau), mit der Wahrheit (8. Gebot: Du sollst nicht falsch gegen deinen Nächsten aussagen) und mit Besitz (7. Gebot: Du sollst nicht stehlen; 10. Gebot: Du sollst nicht begehren deines Nächsten Gut).

[3] Vgl. Andreas Bedenbender: Frohe Botschaft am Abgrund: Das Markusevangelium und der Jüdische Krieg, 2013

[4] https://www.dei-verbum.de/vergib-uns-unsere-missbrauchstaten/, Dr. Till Magnus Steiner, Alttestamentler

[5] Magnus Steiner, https://www.dei-verbum.de/vergib-uns-unsere-missbrauchstaten/

[6] UNICEF ging für 2003 von Deutschland von 80 000 bis 150 000 Tätern aus, von denen nur 20 % der (80 000 mutmaßlichen!) Täter angezeigt wurden, 2,5 % wurden verurteilt. D.h. 97,5 % aller Missbrauchstäter bleiben ungestraft. Vgl. Bintig, Arnfried: Arbeit mit Sexualstraftätern: Ein Beitrag zur Opferprävention, S.2,  http://www.f01.fh-koeln.de/imperia/md/content/personen/a.bintig/manuscript5.pdf, Abruf am  2.8.2015

[7] Μικρος wird in den VV. 6,10 und 14 verwendet. Παιδίον wird in den Versen 2,4 und 5 verwendet.

[8] vgl. Gnilka: Das Matthäus-Evangelium, S. 145 denkt an Beleidigung, Verleumdung, Lüge

[9] vgl. Andreas Stahl: Traumasensible Seelsorge. Grundlinien für die Arbeit mit Gewaltbetroffenen, Stuttgart 2019, S. 240 -245

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