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© Gerd Altmann auf PÖixabay© Gerd Altmann auf PÖixabayWer klagt, hofft: Die Feindpsalmen

Am Beispiel von Ps 58, eines Feindpsalms, sei noch einmal auf die Funktion dieses Betens verwiesen. Dieser Psalm wurde – ebenso wie Ps 83 und Ps 109 – nicht in das katholische Stundengebet übernommen „wegen gewisser psychologischer Schwierigkeiten, obwohl Fluchpsalmen sogar in der Frömmigkeitswelt des Neuen Testaments vorkommen (z. B. Offb 6,10) und in keiner Weise zum Verfluchen verleiten wollen.“

Da die Fluchpsalmen nicht wirklich verfluchten, sondern vielmehr Gott leidenschaftliche Klagen, Bitten und Wünsche vortrügen, bevorzugt Zenger die Bezeichnung „Feindpsalmen“. Im Zusammenhang mit erfahrener Gewalt stellten die Fluchteile eine Klage bzw. ein Schreien gegen Gewalt dar. Angesichts von Versuchen, die Fluchteile durch Ignoranz oder Korrektur, durch Zurückstufung als niedrigere Stufe der Offenbarung oder durch interpretatorische Umorientierung zu entleeren, plädiert er dafür, sie als Protest gegen die Gewalt von gewalttätigen Menschen, als Kampf gegen strukturelle Gewalt und als Schrei nach Recht und Gerechtigkeit, der dem Ohnmächtigen bleibt, zu verstehen. Als hermeneutischen Hintergrund der Feind- und „Rache“-Psalmen sieht er im eschatologischen Horizont Gott als den Richter der Geschichte, dessen Gerechtigkeit nicht als iustitia distributiva, sondern als iustitia salutifera zu verstehen ist. In diesem Kontext konfrontieren die Fluchteile in den Psalmen mit der Rätselhaftigkeit des Bösen. Entgegen einer Sakralisierung, Mythisierung oder Dämonisierung von Gewalt oder einer dualistischen Prädestination decken sie konkrete Gewaltmechanismen von Menschen und Institutionen auf. Sie stehen für ein dynamisches Weltbild und fordern Gott zur Chaosbekämpfung und zum Eintreten für seine Schöpfungsordnung heraus. Als Poesie stehen sie unter dem Vorbehalt von Bildgestalt und kompositioneller Technik, die in der Auslegung berücksichtigt werden müssen.


 

Chludov-Psalter, 9.Jh.Chludov-Psalter, 9.Jh.Chludow-Psalter: Die Wasser von Babylon, 9. Jahrhundert. Illustriert ist Ps 137,1-3 

Psalm 137: An den Wassern von Babylon

Hinweise zum Text

Der Psalm enthält unterschiedliche Gattungen. Er könnte zu den Zionsliedern gehören, hat hymnische Motive (VV 5-6) und Elemente eines Volksklageliedes. Ihn zu den Volksklageliedern zu rechnen, verbietet sich jedoch, denn er blickt ja bereits auf das Exil zurück („dort“). Zudem war es in der Gefangenschaft kaum möglich, die Babylonier öffentlich als „Verwüster“ zu beschimpfen, ohne sich in Gefahr zu bringen. Am ehesten noch dürfte der Sitz im Leben dieses Psalms in der Zeit nach der Rückkehr aus Babylon und im Angesicht der Trümmer Jerusalems zu suchen sein.

Die erwähnten Edomiter waren vermutlich nicht direkt an der Einnahme Jerusalems durch die Babylonier beteiligt, aber sie haben auch nicht zugunsten Jerusalems im Kampf gegen die Babylonier eingegriffen. Der Exilsprophet Ezechiel/Hesekiel jedenfalls wirft es ihnen vor: „ Weil ihr ewige Feindschaft hattet gegen die Israeliten und sie dem Schwert preisgegeben habt, als es ihnen übel ging“... (Ez 35,5). Als auch Jerusalem noch den Babyloniern unterlegen war und die Südgrenze Judas ungesichert war (Ez 35,10), siedelten dich die Edomiter in judäischem Gebiet an. Besonders bedrückend für Israel ist dabei die Tatsache, dass die Edomiter ein Brudervolk Israels sind. Die Bibel führt nämlich die Herkunft der Edomiter auf Esau, den Bruder Jakobs, zurück.

Hinweise aus der Perspektive Betroffener

Die VV.  7-9 von Ps 137 lauten: "Gedenke, HERR, den Söhnen Edoms den Tag Jerusalems, die sagten: Reißt nieder, bis auf den Grund reißt es nieder! 8 Tochter Babel, du der Verwüstung Geweihte: / Selig, wer dir vergilt deine Taten, die du uns getan hast! 9 Selig, wer ergreift und zerschlägt am Felsen deine Nachkommen!"

Darf man/dürfen Christ*innen wünschen, dass die Kinder des Feindes am Felsen zerschmettert werden? Dürfen Christ*innen selig preisen diejenigen, die sich Vergeltung für Gräueltaten wünschen? Dürfen Christ*innen den Feind mit dem Wort „Verwüster“, Gewalttätiger, Verheerender titulieren? Sagt nicht Jesus: „Ich aber sage euch: Wer mit seinem Bruder zürnt, der ist des Gerichts schuldig; wer aber zu seinem Bruder sagt: Racha! (aram., Narr, Tor, Hohlkopf) der ist des Rats schuldig; wer aber sagt: Du Narr! (Dummer, Stumpfsinniger, Gottloser - μωρέ ) der ist des höllischen Feuers schuldig“ (Mt 5,22). Dürfen Christen so beten?

Das katholische Kirchengesangbuch, Gotteslob, jedenfalls hat entschieden, dass Christen so nicht beten dürfen, denn es hat die VV 7-9 weggelassen. Lassen wir die Frage zunächst offen und schauen uns den Psalm von Anfang an an.

Die Psalmensänger können inzwischen wieder singen. Sie sind nicht mehr „dort“, in Babylon, in Gefangenschaft. Aber sie erinnern sich noch gut daran, wie es war, als sie „dort“ waren. Vielleicht befinden sie sich jetzt hier, in Jerusalem. Sie sind der Gefangenschaft entkommen – und was finden sie daheim vor? Ein zerstörtes Jerusalem, einen zertrümmerten Tempel. Ihr Heiligtum ist nicht mehr.

„Dort“, in Babylon, in Gefangenschaft konnten sie nicht singen, aber immerhin weinen. Und: Keiner von ihnen war „dort“, in Babylon, alleine, sie waren ein Wir, eine Gemeinschaft„ nicht ein einsames, ein vereinzeltes, ein Isoliertes Ich. Manche von ihnen, die den Anblick der Toten, der Ermordeten von Jerusalem - darunter ihre Geschwister und Eltern und ihre Kinder - nicht vergessen konnten, konnten vielleicht nicht einmal mehr weinen. Der Terror, dem sie vor ihrer Gefangenschaft ausgesetzt waren, ist unvergessen. Sie haben die Sprache und die Lieder verloren – und manche wohl auch die Tränen. Und die Babylonier, die Wärter ihrer Gefangenschaft, haben die Besiegten noch verspottet: „Singt uns doch eure Zionslieder, die klingen so schön! Auch wenn euer Gott schwächer als unserer ist. Wäre unser Gott nicht stärker, hätten wir euch dann besiegen können? Singt uns doch eure Lieder vom Zion!“

Ach ja, der Zion! Ach ja, Jerusalem! Die Stadt Gottes, die Stadt des Friedens, die zerstört ist. Ist es nicht einfacher, sich mit der Gefangenschaft abzufinden, wenn man sie akzeptiert? Ist es nicht einfacher, die Heimat zu vergessen und mit ihr all die Menschen, die umgebracht wurden? Ist es nicht einfacher, all die Hoffnungen, die mit dem Zion verbunden sind, aufzugeben? Die Versuchung, Jerusalem, den Ort Gottes, zu vergessen, ist groß. Jerusalem vergessen bedeutet zugleich, die Beziehung zu Gott verneinen. Gegen diese Versuchung setzen die Beter*innen einen Schwur: Ihnen soll geschehen, dass die rechte Hand sich vergisst, wenn sie Jerusalem vergessen. Die rechte Hand ist die Schwurhand. Sie wird an die Kehle – in Israel Sitz der Seele – gelegt. Wenn sie sich vergisst, dann drückt sie den Hals zu, der Schwörende erstickt, ihm klebt tatsächlich die Zunge am Gaumen. Die Beter*innen wollen mit ihrem Leben dafür einstehen, dass sie Jerusalem nicht vergessen, dass sie ihren Gott nicht vergessen und verlassen wollen. Ihren Gott zu vergessen wäre gleichbedeutend mit dem Verlust des Lebens, der Hoffnung, der Zukunft.

Der Blick der Beter*innen richtet sich dann auf diejenigen, die mindestens Mitschuld an der Heimatferne haben. Es sind die Edomiter, das Brudervolk, das den Babyloniern nicht in den Arm gefallen ist, das Israel, das Brudervolk verraten hat. Der Verrat ist bitter. Bevor der Blick auf die Edomiter fällt, fällt er jedoch auf Gott. Mit der Aufforderung „Gedenke JHWH!“ ( זְכֹ֤ר יְהוָ֨ה /zekor JHWH)) wird der Text erst zum Gebet und die folgenden Verse richten sich an Gott. Gott müssen die Ohren klingeln – wenn man so profan von Gott sprechen darf -, wenn er das Wort „Gedenke!“ hört. Es ist das Wort, das die Bibel u.a. benutzt, als Gott das Stöhnen der Israeliten in der ägyptischen Sklaverei hörte. Da „gedachte er seines Bundes“ (Ex 2,24). An diesen Bund, an die vergangene Rettung aus der Sklaverei erinnern die Beter*innen ihren Gott: זְכֹ֤ר יְהוָ֨ה (zekor JHWH). JHWH, denk doch an deinen Bund mit uns!

Und dann legen die Beter*innen ihre Not dar. Ihrem Gott wird der Verrat der Edomiter, die doch Israels Brüder sind, ihr Zuschauen und Nicht-Handeln, ihr Ausnützen der Schwäche Israels geklagt. Ihm wird geklagt über die Tochter Babel, die Verwüsterin, die Gewalttätige. Selig preisen die Beter*innen diejenigen, die Babylon antun, was die Babylonier Israel antaten. Selig gepriesen wird derjenige, der die Kinder nimmt und sie am Felsen zerschmettert. - Wer so betet, konfrontiert Gott mit dem Unerträglichen. Er erwartet Rettung und Hilfe von seinem Gott.

Noch einmal die Frage: Dürfen Christen so beten?

Ja, denn die Beter*innen sprechen ja zu Gott. Sie selbst tun den Babyloniern nicht an, was ihnen angetan wurde. Sie setzen ihr Vertrauen auf Gott. Gott soll es richten, nicht sie. Und Gott soll auch die Kinder der Tochter Babel am Felsen zerschmettern. Das bedeutet: Die Terrorherrschaft soll ein Ende haben, die Dynastie der Babylonier darf nicht weiter bestehen bleiben, sie darf nicht durch die Thronfolger, die „Kinder“, fortgesetzt werden. Gott soll dem Terror ein für allemal ein Ende machen.

Der Psalm spricht vom Leid und der Not der Besiegten und Deportierten. Er klagt die Täter an. Seine Klage hat einen Adressaten. Der Adressat ist JHWH, der doch versprochen hatte, dass Zion auf immer bestehe, dass Gott für immer auf dem Zion wohnt.

Wenn die Verse 7-9 weggelassen werden, klingt der Psalm gefälliger. Er ist entschärft, verliert seine Anstößigkeit, wird oberflächlich an eine vermeintlich christliche Norm angepasst - aber er verliert auch seinen Charakter als Gebet, denn erst in V. 7 wird Gott angesprochen: Gedenke, JHWH! Wer die Verse 7-9 weglässt, erlaubt den Beter*innen nicht, die ganze Not vor Gott zu bringen. Der Schrei der Ohnmächtigen wird einfach weggelassen. Da wird unterschätzt, wie entlastend es für Menschen, die Unsägliches erlitten haben, ist, wenn sie Gott ihren Wunsch nach Gerechtigkeit entgegenschreien und auch noch das Schlimmste erzählen, was sie erleben mussten: Dass die Babylonier die Kinder Jerusalems am Felsen zerschmetterten. Gott soll es richten - nicht sie.

Diesen Psalm können bis heute Menschen beten, die in Gefangenschaft leben, ausgebeutet werden – auch in unserem Land, auch mitten unter uns -, deren Vertrauen verraten wird, die einem Gewalttäter überlassen und ausgeliefert werden, für die sich niemand einsetzt, denen niemand hilft. Beten können den Psalm Menschen, die mit dem Rücken zur Wand leben, nicht ein noch aus wissen, die im Stich gelassen werden von den Menschen, die ihnen helfen sollten. Beten können ihn Menschen, die Gott ihre Not klagen wollen, die ihn an seine Rettungsversprechen erinnern wollen, die von Gott noch etwas erwarten – auch wenn die Gegenwart so aussieht, als gäbe es nichts mehr zu hoffen. (EK)

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