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 Ermutigung zum Gespräch

Was erwartet Verbündete?

Gesetzt den Fall Sie möchten aus der Position des unbeteiligten Zuschauers herauskommen, weil Sie für sich entschieden haben, dass die Haltung der Neutralität die Täter und die Ausbreitung der “Epidemie Gewalttätigkeit” unterstützt – was können Sie tun? Womit müssen Sie rechnen? Worauf haben Sie sich einzustellen? Ich kann Ihnen hier nur einige erste Überlegungen anbieten und lade Sie zum Mitdenken ein.

  •     Gewalt wahrnehmen: Täter haben eine gesellschaftlich gestützte Fähigkeit, die Wahrnehmung der Gewalt zu verhindern. Sie machen die Gewalt unsichtbar, definieren sie als Liebe, einen unbedeutenden Übergriff, eine folgenlose Tat oder gar eine Situation, deren Opfer sie wurden. Aus einem Verbrechen machen sie ein Kavaliersdelikt – diese Deutung beim Gegenüber augenzwinkernd einfordernd oder bereits voraussetzend. Mit Dreistigkeit gehen Täter weiter ihren gesellschaftlich anerkannten Tätigkeiten zum Wohle der Allgemeinheit nach – unterstützt von einer Seilschaft von HelferInnen, die sich oft ihrer Tätigkeit nicht bewusst ist. Da kann es schon einmal passieren, dass ein Täter vorgibt, durch seine unbestrittene seelisch-sexuelle Gewalttat  – die er in ihrer Qualität als Gewalttat jedoch leugnet – “gereift” zu sein. Es ist also zu lernen, Gewalt überhaupt als solche wahrzunehmen, sich der Definitionsmacht von Tätern zu entziehen und Situationen aus der Perspektive der Opfer zu betrachten. Es gilt, einen Blick auf sehr unterschiedliche Gewaltformen zu gewinnen – auf kriegerische ebenso wie auf sprachliche und strukturelle, auf körperliche, sexuelle und seelische Gewalt.
  • © A., Johanniskraut© A., JohanniskrautGefühle zulassen, ohne sich in ihnen zu verlieren: Die Wahrnehmung von Gewalt ist zumindest im Anfang oft von einer Achterbahnfahrt der Gefühle begleitet. Zorn, Empörung, Ohnmacht, Mitgefühl, Aktionismus, Hass auf Täter aber auch Aggression gegenüber Opfern (Warum haben die sich nicht gewehrt?!) können sehr belasten. Am schwierigsten auszuhalten sind vielleicht die Ohnmachtsgefühle, wenn Sie erkennen müssen, dass z.B. ein Kind keine Handlungsoption hatte, die seine Situation hätte verbessern können. Diese Ohnmacht ähnelt der Ohnmacht der Opfer. Sie ist tatsächlich schwer auszuhalten. Sie kann jedoch auch als Akt der Solidarität mit den Opfern gedeutet werden. Dann ist ihr eine Kraft immanent, die zum beharrlichen Widerstand befähigt. Auch und gerade wenn heftige und gegenläufige Gefühle im Gefolge der Beschäftigung mit Gewalt auftauchen, haben Sie ein
  •     Recht auf Abstand und Berücksichtigung der eigenen Belastbarkeit:  Die Wahrnehmung von Gewalt und die Konfrontation mit ihr kann Ihr Wohlbefinden und Ihr Sicherheitsgefühl beeinträchtigen. Dann ist es gut, sich klar zu machen, dass Sie auch wieder in den Zustand der Gelassenheit zurückfinden und bewährte Mittel der Selbstberuhigung anwenden dürfen. Nur weil ein anderer Mensch diese Möglichkeit nicht ohne Weiteres hat, ist sie Ihnen nicht verboten. Im Gegenteil: Verbündete benötigen Freude, damit sie Kraft und Ausdauer haben. Zugleich können Sie damit Überlebenden als Modell dafür dienen, dass Leid UND Freude zum Leben gehören. – Wichtig ist auch, dass Sie auf Ihre eigene Belastbarkeit achten. Sie können niemandem mehr helfen, wenn Sie sich selbst überlasten. Es ist gut, fürsorglich mit sich selbst umzugehen.
  •     Sich um Klärungen bemühen, auch wenn dies schmerzhaft sein kann: Vielleicht entdecken Sie bei sich Urteile über Aspekte von Gewalttaten, von denen Sie fürchten, sie widersprechen möglicherweise der “political correctness”. Vielleicht fürchten Sie, Betroffene zu verletzen, wenn Ihre Urteile und Vorurteile benannt werden. Dann bedenken Sie bitte, dass die unausgesprochenen Fragen, Urteile, Vor-Urteile, Vorbehalte… solange im Untergrund schwelen und das Gespräch vergiften, bis es versandet. Gewaltüberlebende haben im Dienste ihres Überlebens häufig gelernt, seismographisch untergründige Stimmungen und atmosphärische Störungen wahrzunehmen. Im Interesse der Fortdauer konstruktiver Zusammenarbeit ist es gut, die Unklarheiten auf den Tisch zu legen und gemeinsam zu beleuchten.
  •     Ihre eigene Stärke nutzen: Sie können durch aufmerksames und Anteil nehmendes Zuhören Leid reduzieren helfen. Aber Sie können das Leid der Opfer nicht tragen und sollten dies auch nicht wollen. Der Versuch würde Ihre Handlungsfähigkeit einschränken – eine Handlungsfähigkeit, die für die Opfer und zur Verhinderung weiterer Opfer dringend gebraucht wird. Es ist hilfreich, wenn Verbündete ihre eigene Rolle erkennen und sie nicht mit der Rolle der Opfer verwechseln.
  •     Mit äußeren Widerständen rechnen: Sie müssen davon ausgehen, dass Sie unterschiedlichsten Widerständen begegnen, wenn Sie “Gewalt” zum Thema machen oder gar zu erkennen geben, dass Sie mit Betroffenen zusammen arbeiten. Sie müssen gewärtig sein, dass auch Ihnen geschieht, was Opfer kennen: Sie werden isoliert. Der mit Abstand häufigste Widerstand geschieht in Form von Schweigen, das Sie an Ihrer Wahrnehmungsfähigkeit zweifeln lässt. Widerstand kann Ihnen jedoch auch als aggressive und beleidigende Abwehr begegnen, manchmal völlig unvorbereitet und ohne nachvollziehbare Argumente. Mit Verleugnen der Bedeutung des Themas, Verharmlosung der Folgen, Verkleinerung der Problemumfangs, Umkehrung der Problematik (Missbrauch mit dem Missbrauch), Beschuldigung der Opfer…. müssen Sie rechnen. Bedenken Sie, dass “Gewalt” in einem hochwirksamen Tabu-Bereich angesiedelt ist, der “nicht ungestraft” durchbrochen werden kann. Die widerständigen Reaktionen sind “normale” Reaktionen auf die drohende Erkenntnis, wie sehr unser Leben von Gewalt geprägt ist. Das Wissen darum kann Sie vor vorschneller Verurteilung anderer Menschen schützen, ohne Ihr klares Urteil trüben zu müssen.
  •     Mit inneren Widerständen rechnen: Erschrecken Sie nicht vor sich selbst, wenn Sie bei sich feststellen müssen, dass Sie des Themas Gewalt überdrüssig sind, es abwehren wollen, zur (vermeintlich gewaltfreien) Tagesordnung übergehen möchten. Vielleicht erkennen Sie, dass Sie insgeheim die Strategien derer übernehmen möchten, die über Gewalt schweigen, sie befürworten, verharmlosen, nicht wahrnehmen, Opfer beschuldigen…. Opfer kennen diese Reaktionen als “Identifikation mit dem Aggressor”. Bedenken Sie, dass das Überlaufen zur Täterseite ein Versuch ist, mit Ihrer Ohnmacht umzugehen. Es ist gut, diesen Versuch bei sich selbst wahrzunehmen, ohne sich dafür zu verurteilen. Bereits die Wahrnehmung kann verhindern, dass Sie tun, was Sie – auch – denken. Allerdings müssen solche Impulse ausgesprochen werden dürfen, damit sie nicht im Untergrund Unheil  anrichten.
  •     Der Versuchung zum Aktionismus widerstehen: Die geschärfte Wahrnehmung für Gewalt und das Mit-Fühlen mit Opfern, wenn Sie einmal die langfristigen Gewaltfolgen kennen, können dazu verführen, schnell und viel gegen Gewalt unternehmen zu wollen. Wenn Sie bedenken, dass Gewalt ein Phänomen ist, das die Menschheit schon immer begleitet hat, können Sie die Größe der Aufgabe ermessen. Dieses Wissen schützt Sie vor Selbstüberforderung und der dann meist schnell folgenden Resignation.
  •     Der Versuchung zur Geringschätzung der eigenen Möglichkeiten widerstehen: Es ist schon viel gewonnen, wenn Sie in Ihrer Lebenswelt nach Ihren Kräften für die Wahrnehmung von Gewalt sensiblisieren helfen – und das ist oft schwer genug. Einen sexistischen Witz in fröhlicher Runde als frauenfeindlich zu bezeichnen, setzt Standvermögen voraus. Die noch immer uneingelöste Forderung nach frauengerechter Sprache in Bibel und Gottesdienst zum tausendsten Mal in die Gesichter gelangweilter und des Themas überdrüssiger Menschen zu sprechen, ohne die eigene Freundlichkeit zu verlieren, erfordert Durchhaltevermögen. Zivilcourage wird benötigt, wenn in der Öffentlichkeit zum Schutz eines Menschen aufzustehen und einzugreifen ist. Phantasie und Beharrlichkeit ist gefragt, wenn Sie sich im beruflichen und nachbarschaftlichen Kontext für gewaltreduzierende Verhältnisse einsetzen. Es ist gut, wenn Sie aufmerksam und dankbar Ihre Handlungsmöglichkeiten wahrnehmen und würdigen können.
  •     Sich um spirituelle Verankerung und Freude bemühen: Ohne eine lebendige Verankerung in einem spirituellen Halt ist die Konfrontation mit der Gewalttätigkeit von Menschen m. E. nicht auszuhalten. Sie benötigen ein zuverlässiges Wertesystem, das Ihnen Orientierung und Richtschnur für eigene Entscheidungen ist. Eine gute Verankerung in einem tragfähigen Sinnsystem erlaubt Ihnen, die Frage nach dem Warum des Leids zu stellen, auch wenn Sie keine Antwort finden: Sie können die Antwort Gott überlassen, ohne in Hoffnungslosigkeit zu fallen. Mit dieser spirituellen Verankerung eröffnet sich Ihnen aber auch die Erfahrung, dass Lebensperspektiven sich verdichten und schwierige Fragen eine neue Radikalisierung und befriedigende Tiefe gewinnen. Am Ende und mittendrin können Freude und Zuversicht auftauchen, wo nur Elend zu sein scheint.

Ermutigung zum Gespräch zwischen Gewaltüberlebenden und Verbündeten

Es ist selbstverständlich, dass Nichtbetroffene und Gewaltüberlebende miteinander sprechen – solange Gewaltüberlebende nicht als solche kenntlich sind: Mit hoher Wahrscheinlichkeit haben Sie als Nichtbetroffene/r schon häufig mit Gewaltüberlebenden gesprochen oder tun dies täglich. Ihre Nachbarin, Ihre Arbeitskollegin, Ihre Chat-Partnerin, Ihre Sportkameradin, Ihre Cousine, vielleicht Ihre Schwester oder Ihre Mutter sprechen nicht darüber. Vielleicht haben die es Ihnen auch erzählt – und Sie haben es wieder “vergessen”, weil Ihnen die Vorstellung Schwierigkeiten macht, dass “die Andere” Schlimmes erlebt hat – Sie jedoch davongekommen sind.  Vielleicht fühlen Sie sich unbehaglich bei dem Gedanken, dass unsere Welt nicht für alle Menschen so sicher ist, wie das für Sie gilt. Sie könnten fürchten, dass Ihr grundlegendes Sicherheitsgefühl in der Vergangenheit und Gegenwart für die Zukunft gefährdet ist. Vielleicht haben Sie auch Sorge, dass das gewaltüberlebende Gegenüber die Fassung verliert, wenn Sie das Thema Gewalt berühren. Möglicherweise ist Ihnen unbehaglich bei dem Gedanken, dass es auch – am Ende gar in Ihrer Nähe – Täter und sogar Täterinnen geben muss. Wem ist dann noch zu trauen?

Es ist inzwischen möglich geworden, dass Gewaltüberlebende miteinander sprechen. Nach dem Überwinden einer ersten Hemmschwelle sind diese Gespräche “leicht”. Der Belastung, die ein Gespräch über eigene Erfahrungen mit einem schwierigen Thema mit sich bringt, steht ein hoher Gewinn gegenüber. Da werden tragfähige Erfahrungen gemacht; man wird verstanden, das schwer aushaltbare Gefühl der Isolation wird reduziert, Solidarität und die Einbindung in die Gemeinschaft von Menschen erlebt.

Es ist auch möglich geworden, dass Nichtbetroffene über oder für Gewaltüberlebende sprechen. Akademieveranstaltungen, Gottesdienste, gemeindliche Informationsabende greifen das Thema auf und versuchen, es einem größeren Kreis zugänglich zu machen. Gewaltüberlebende geben sich dabei aus guten Gründen nicht zu erkennen. Sie tun dies nur in der Gruppe der LeidensgenossInnen. Nichtbetroffene andererseits bleiben ebenfalls unter sich. Das erleichtert zwar jeweils das Gespräch, es belässt jedoch Gewaltüberlebende in der Unsichtbarkeit und verzichtet auf die notwendige Konfrontation von Kirche und Gesellschaft mit dem Vorhandensein von Gewalt. Gewalt, die nicht wahrgenommen wird, muss auch nicht bekämpft werden.

Wenn Gewaltüberlebende und Verbündete Gewalt eindämmen und Gewaltfolgen für die Opfer reduzieren helfen wollen, dann ist es nötig, dass beide auch miteinander ins Gespräch kommen.

Dieses Gespräch scheint jedoch sehr schwierig zu sein. Da gibt es auf beiden Seiten Ängste, die einander manchmal verblüffend ähneln:

  • Beide sind befangen, weil sie unsicher sind über die eigene Reaktion und die Reaktion des Gegenüber
  • Beide sind hilflos, weil sie fürchten, die Kontrolle über das Gespräch zu verlieren
  • Beide sind besorgt, das Gegenüber verletzen zu können – durch einen Mangel an Kenntnis und Sensibilität, durch Überforderung und Überlastung
  • Beide sind ängstlich darüber, wie viele ihrer – vielleicht als “unangepasst” erscheinenden –  Gefühle sie dem Gegenüber mitteilen können und welche davon
  • Beide sind unsicher, wie viel an Schwäche und Inkompetenz im Gespräch sichtbar werden darf und wie Gesprächspartner damit umgehen werden
© A., 121 Marienkäfer

In den letzten  Jahren habe ich das Gespräch mit Nichtbetroffenen gesucht. Dabei machte ich schwierige, aber auch gute Erfahrungen. Die überwältigend häufigste Reaktion auf Gesprächsversuche war Schweigen – auch von Gruppen, zu deren Zielen erklärtermaßen die Eindämmung von Gewalt und die Solidarität mit Opfern von Gewalt gehören. Und so legt sich mit dem andauernden Schweigen erneut wie eine Glasglocke das Gefühl über Gewaltüberlebende, tabu zu sein. Sie erfahren, dass ihr Wissen, ihre Erfahrung, ihr Nachdenken über Gewalt nicht gefragt sind. Nichtbetroffene erleben ihre Gesprächsunfähigkeit vielleicht als Versagen vor den Ansprüchen an sich selbst. Zweifellos: Die Konfrontation mit Gewalt IST schwierig. Sie kann nicht nur Opfer, sondern auch Verbündete an Grenzen des Erträglichen führen. Gewalt jedoch nicht wahrzunehmen, sich nicht mit ihrem Vorhandensein und ihren langfristigen Folgen zu konfrontieren, unterstützt aber die Täter und trägt nicht zur Eindämmung der Gewalt bei. Die Nichtwahrnehmung von Gewalt belässt die Opfer in der Unsichtbarkeit und riskiert, dass Gewalt sich weiter ausbreitet und Menschen zu Opfern macht – Opfer, die vielleicht verhindert werden könnten. Aus gelungenen Gesprächsversuchen ergeben sich erste Anhaltspunkte.

Wo liegen die Berührungsängste zwischen Gewaltüberlebenden und Verbündeten? Wie können sie überwunden werden?

Verbündete machen sich vielleicht Sorgen darüber, wie Gewaltüberlebende reagieren, wenn über Gewalt gesprochen wird. Sie fürchten möglicherweise, dass das Gegenüber die Fassung verliert. Da kann es hilfreich sein, dass Verbündete sich immer wieder klar darüber werden, dass der Status “gewaltüberlebend” nur eine von vielen anderen möglichen Beschreibungen eines Menschen ist. Das Wissen um die unterschiedlichen Rollen Gewaltüberlebender im Alltag kann Ängste Verbündeter vor Gewaltüberlebenden auf ein realistisches Maß reduzieren. Natürlich ist es richtig, dass Gewaltüberlebende mit speziellen Schwierigkeiten, die aus der Gewalterfahrung resultieren, zu kämpfen haben. Aber das ist ihre alltägliche Aufgabe, die sie in Familie, Nachbarschaft, Beruf….. auch meistern. Es ist also nicht sinnvoll, dass Verbündete eine Schonhaltung einnehmen, als wären Gewaltüberlebende nicht belastbar oder unfähig, sich mit anderen Menschen auseinanderzusetzen. Hilfreich ist ein normaler Umgang miteinander.  

Das Thema Gewalt kann alle, die sich damit konfrontieren, an Grenzen des Erträglichen führen. Gefühle, auch extreme und widersprüchliche, können auftauchen. Der Umgang mit diesen Gefühlen kann schwierig sein. Es hat sich bewährt, wenn GesprächsteilnehmerInnen aufmerksam ihre eigenen Gefühle wahrnehmen und sich auf sie verlassen. Darüber hinaus hat es sich als hilfreich erwiesen, wenn über diese Gefühle miteinander gesprochen wird. Das hilft, Missverständnisse und Verletzungen zu vermeiden.

Wenn Angst, Abwehr, Unsicherheit, Überforderung oder Befangenheit die vorherrschenden Gefühle sind, die ein eigentlich gesuchtes Gespräch verhindern, dann ist vielleicht zuallererst genau DARÜBER zu sprechen. Es könnte sich zeigen, dass diese Situation auch für die inhaltliche Arbeit am gemeinsamen Thema wichtig ist.

Es ist gut, am Anfang eines langfristig geplanten Gespräches Verabredungen darüber zu treffen, wie mit den Schutzbedürfnissen der GesprächsteilnehmerInnen bei Überforderung und Überlastung umgegangen werden soll. Hilfreich ist der Versuch, das Gespräch auch dann nicht abzubrechen – wenngleich sich Vertagungen bewährt haben -, wenn es schwierige Phasen gibt. Hilfreich ist auch, einander dies zuzusagen. Damit wird der Eindruck eines möglicherweise bedrohlich wirkenden Gesprächsabbruchs vermieden.

Beobachtungen im Gespräch zwischen Traumatisierten und Nichtbetroffenen zum Thema Gewalt lassen erkennen, dass Verbündete manchmal Sorgen haben, dass Gewaltüberlebende in einer Arbeitsgruppe therapeutische Unterstützung suchen könnten. Gewaltüberlebende, die mit Verbündeten zusammen in einem “Projekt Gewalteindämmung” a r b e i t e n, können jedoch sehr genau zwischen einer Arbeitsgruppe und einer therapeutischen Gruppe unterscheiden. Schon die Erfahrung, dass Menschen das Gespräch mit identifizierten Gewaltüberlebenden nicht verweigern, ist heilsam. Mehr und anderes ist in einer Arbeitsgruppe nicht zu leisten und wird von Gewaltüberlebenden auch nicht erwartet.

Manchmal fürchten Verbündete, dass Gewaltüberlebende ihnen zumuten könnten, ausführliche Erzählungen über Gewalterfahrungen anhören zu müssen. Gewaltüberlebende hingegen wissen, dass sie selbst sich die Konfrontation mit ihren Erfahrungen nur dosiert, häufig nur im Schutz von Therapien oder in der Verschwiegenheit eines Tagebuches zutrauen dürfen. Sie erzählen anderen Menschen daher in der Regel nur summarisch, mit wenigen Stichworten, unter Angabe einer “anerkannten Diagnose” von ihren Erfahrungen. Die Sorge Verbündeter, im Kontakt mit Überlebenden von unerträglichen Erzählungen überschwemmt zu werden, ist daher unbegründet. Gewaltüberlebende erzählen eher zu wenig als zu viel, wenn sie nicht das Schweigen über ihre Erfahrungen zu ihrem eigenen Schutz vorziehen. Schließlich: Wäre es denn so schlimm, wenn Verbündete und Überlebende weinen würden darüber, wie viel Gewalt es gibt und was sie anrichtet? Ich denke, es wäre eine durchaus angemessene Reaktion. Außerdem kann zugelassene Trauer eine Quelle der Kraft sein.

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