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Was können christliche Gemeinden tun?

Zwölf Jahre nach dem sog. "Krisenjahr" der katholischen Kirche, fast vier Jahre nach der MHG-Studie und Tage nach der Veröffentlichung des WSW-Gutachtens für das Erzbistum München und Freising im Januar 2022 gibt es immer wieder Nachrichten aus katholischen Kirchengemeinden, die ihre Solidarität mit kirchlichen Missbrauchsopfern zum Ausdruck bringen: Sie schweigen, sie beten mit Betroffenen und für sie, sammeln Unterschriften, fordern Bischöfe zu Aufklärung und Ehrlichkeit auf, verhüllen Kreuze in Kirchen, legen befristet ihre Priesterkleider ab ... Zugleich erlebe ich, dass manche Mitchrist*innen und Gemeinden hilflos sind und sich fragen: Ist die Sorge um Missbrauchsbetroffene nicht Sache der Bischöfe? Was können wir denn schon tun? In anderen Gemeinden beginnt das Bewusstsein zu wachsen, dass nicht nur kirchlich, sondern auch außerkirchlich Betroffene - z.b. Menschen, die in ihren christlichen Familien missbraucht wurden - längst mitten in den Gemeinden dabei sind. Auch da fragen sich Gemeindemitglieder: Kann ich, können wir etwas tun? Die schlichte Antwort ist "Ja".

Wer sind die Betroffenen und wo sind sie in unseren Gemeindeversammlungen?

Wenn Ihr Verwandten- und Bekanntenkreis etwa 100 Personen umfasst, kennen Sie 9 Frauen und 5 Männer, die als Kinder missbraucht wurden. 
In einer Seelsorgeeinheit von 10.000 Katholik*innen, von denen 5,9 % zum Sonntagsgottesdienst gehen, sind statistisch 82 Betroffene von Kindesmissbrauch darunter, 61 weibliche und 21 männliche Missbrauchsopfer. Sonntag für Sonntag. Und mit 14 Jahren hört die Gewalt ja nicht auf. Jede vierte bis 3. Frau erlebt als Jugendliche oder Erwachsene oder auch als alte Frau sexualisierte Gewalt. Es gibt also kaum eine Gruppierung in der christlichen Gemeinde, in der kein Gewaltopfer dabei ist. Selbst im Einzelgespräch kann Ihr Gegenüber von Gewalt betroffen sein. Wenn Ihr Verwandten- und Bekanntenkreis etwa 100 Personen umfasst, kennen Sie 9 Frauen und 5 Männer, die als Kinder missbraucht wurden. In einer Seelsorgeeinheit von 10.000 Katholik*innen, von denen 5,9 % zum Sonntagsgottesdienst gehen, sind statistisch 82 Betroffene von Kindesmissbrauch darunter, 61 weibliche und 21 männliche Missbrauchsopfer. Sonntag für Sonntag. Und mit 14 Jahren hört die Gewalt ja nicht auf. Jede vierte bis 3. Frau erlebt als Jugendliche oder Erwachsene oder auch als alte Frau sexualisierte Gewalt. Es gibt also kaum eine Gruppierung in der christlichen Gemeinde, in der kein Gewaltopfer dabei ist. Selbst im Einzelgespräch kann Ihr Gegenüber von Gewalt betroffen sein.

Oft ist Gemeindemitgliedern nicht klar, dass Missbrauchsbetroffene immer schon mitten in den Gemeinden sind. Zwischen 0 und 14 Jahren erleben 13,9 % der Minderjährigen sexualisierte Gewalt. Mit 14 Jahren endet die Gewalt nicht. Jede dritte Frau ab 16 Jahre erlebt im Laufe ihres Lebens Gewalt: körperliche, seelische, sexualisierte Gewalt, auch geistlichen Machtmissbrauch. Nicht nur Frauen, auch Männer werden Opfer von Gewalt. Es gibt kaum eine Gruppe, in der sich nicht ein Gewaltopfer befindet. Natürlich sind auch in christlichen Gemeinden Gewaltbetroffene dabei. Sie geben sich in der Regel nicht zu erkennen, weil sie sich schämen, sich schuldig fühlen und viele - berechtigte - Ängste haben.

In den Gemeinden ist das Bewusstsein in den letzten zwölf Jahren gewachsen, dass minderjährige Mädchen und Jungen sexualisierte Gewalt durch Kleriker erlebten. Dass auch Familien - auch christliche Familien - keine gewaltfreien Orte sind, wird erst langsam wahrgenommen. In den Kirchengemeinden sind also Menschen, die in unterschiedlichen Kontexten sexualisierte Gewalt erlebten: in der Kirche, in ihrer Familie, im Nahbereich, in Vereinen....

Zugehörigkeit als Lebensthema Betroffener

Missbrauchsopfer fragen: Wo gehöre ich dazu? Wo finde ich Heimat? In der sexualisierten Gewalt haben sie erlebt, dass niemand rettete, auch Gott nicht.

„Die Zerstörung von Beziehungen ist kein Sekundäreffekt des Traumas, wie man ursprünglich glaubte. Traumatische Ereignisse wirken sich nicht nur direkt auf die psychischen Strukturen aus, sondern ebenso auf Bindungen und Wertvorstellungen, die den einzelnen mit der Gemeinschaft verknüpfen…. Traumatisierte fühlen sich extrem verlassen, allein und ausgestoßen aus dem lebenserhaltenden Rahmen von menschlicher und göttlicher Fürsorge und Schutz. Nach den traumatischen Ereignissen beherrscht das Gefühl der Entfremdung und Nichtzugehörigkeit jede Beziehung, von engen familiären Bindungen bis zu eher abstrakten Bindungen an gesellschaftliche und religiöse Gemeinschaften.“  (Herman, Judith: Die Narben der Gewalt.Traumatische Erfahrungen verstehen und überwinden, München 1998, S. 77-78)

Umso bedeutsamer ist, dass Betroffene sich in einer Gemeinschaft beheimaten können. In sozialer Isolation können manchmal lebenslänglich anhaltende Traumafolgen nicht gelindert werden. Es braucht Gemeinschaften, die um die Anwesenheit von Opfern wissen und bereit und in der Lage sind, Betroffenen Heimat anzubieten. Für christliche Betroffene braucht es Menschen in Kirchengemeinden vor Ort, die offene Ohren und mitfühlende Herzen haben.

Der australische Erzbischof Mark Coleridge sprach auf dem Anti-Missbrauchsgipfel im Vatikan im Februar 2019 von einer „kopernikanischen Revolution“, die nötig sei in der Kirche. Er sagte: 

"Für uns ist die kopernikanische Revolution die Entdeckung, dass Missbrauchsopfer sich nicht um die Kirche drehen, sondern die Kirche um sie. Wenn wir das entdecken, beginnen wir, mit deren Augen zu sehen und mit deren Ohren zu hören. Und wenn wir das dann tun, beginnen Kirche und Welt sehr anders auszusehen. Das ist die notwendige Bekehrung, die wahre Revolution und die große Gnade, die der Kirche eine neue Phase der Mission eröffnen kann."

Vielleicht muss die Kirche sich nicht gerade um Missbrauchsopfer drehen, aber Kirche und Christ*innen können lernen, die Perspektive von Missbrauchsopfern einzuüben. Diese Perspektive hilft auch anderen Menschengruppen, die unter die Räuber gefallen sind, diskriminiert werden und bei Christ*innen Heimat und Schutz suchen: Flüchtlinge, Obdachlose, alleinerziehende Mütter und Väter, langfristig Arbeitslose, queere Mensche, Menschen mit Behinderungen, Alleinlebende....

Solidarität einüben

 Kirchengemeinden und Mitchrist*innen können sich entscheiden, die Zuschauer-Rolle zu verlassen. Wolfgang Sofsky (Sofsky, Wolfgang: Traktat über die Gewalt, S. 106) beschreibt die Zuschauer folgendermaßen:

„Da ist der Unbeteiligte. Er geht zügig am Ort des Geschehens vorüber, wirft allenfalls einen Blick zur Seite. Der Unbeteiligte schaut nicht hin; er sieht zu, daß er weiterkommt. Er will nichts bemerken, was ihn selbst betreffen könnte. Er tut nicht mit, und er versucht, sich innerlich herauszuhalten. Dies ist nicht mit Unkenntnis zu verwechseln. Der Unbeteiligte ist keineswegs ahnungslos. Er weiß so viel, wie er wissen will. Was er nicht weiß, das will er nicht wissen. Das aber heißt, daß er sehr wohl genug weiß, um zu wissen, daß er nicht mehr wissen will. Dafür trifft der Unbeteiligte mancherlei Vorkehrungen. Seine innere Distanz, seine moralische Teilnahmslosigkeit versteht sich keineswegs von selbst. Sie benötigt Maßnahmen des Reizschutzes, der Wahrnehmungsabwehr. Er tut etwas dafür, daß ihn die Gewalt nichts angeht. Er rüstet sich auf, entrüstet sich, hält sich den Anblick vom Leib, wehrt den unwillkürlichen Impuls ab, auf das hinzusehen, was sich nicht übersehen läßt. Was wie dumpfe Gleichgültigkeit erscheinen mag, ist mithin nicht die Voraussetzung, sie ist das Ergebnis einer überaus aktiven Passivität. Auch das Nichtstun, das Vorübereilen, das Wegsehen sind Handlungen. Sich taub zu stellen, sich selbst mit Blindheit zu schlagen, ist eine Aktivität. Je mehr die Gewalt sich aufdrängt, desto mühevoller diese Abwehr, bis der Schutzschild so abgedichtet ist, daß nichts, aber auch gar nichts mehr in sein Blickfeld geraten kann.“

Solidarität zu üben ist die Entscheidung, die Rolle der Unbeteiligten zu verlassen. Solidarisch zu sein ist ein Lernprozess. Mit fremden und eigenen Widerständen ist zu rechnen. Vor-Urteile müssen hinterfragt werden. Ängste sind zu überwinden. Dieser Prozess braucht Mut und Ausdauer und einen sehr langen Atem. Ein "Lohn" bleibt oft lange Zeit aus. Aber eine Gewissheit dürfen solidarische Menschen haben: Gott geht mit ihnen diesen Weg - sie gehen ihn nicht alleine.

Empfindlich für das Leid anderer werden

Christliche Gemeinden und Mitchrist*innen, die die Position der Zuschauenden verlassen wollen, machen die Erfahrung, dass

„Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, … auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi sind. Und es gibt nichts wahrhaft Menschliches, das nicht in ihren Herzen seinen Widerhall fände. Ist doch ihre eigene Gemeinschaft aus Menschen gebildet, die, in Christus geeint, vom Heiligen Geist auf ihrer Pilgerschaft zum Reich des Vaters geleitet werden und eine Heilsbotschaft empfangen haben, die allen auszurichten ist. Darum erfährt diese Gemeinschaft sich mit der Menschheit und ihrer Geschichte wirklich engstens verbunden.“ (Gaudium et Spes, 1)

Wer seinen Glauben mit dem Leid von Menschen - auch von Missbrauchsbetroffenen - konfrontiert, stellt sich die Frage, wie denn noch und überhaupt von Gott gesprochen werden kann im Angesicht von Leidenden in Gottes Welt. Dabei kann es nicht um versöhnliche, glättende Aussagen gehen, die das Leid von Menschen kleinreden, um Gott groß machen zu können. Nach Auschwitz gibt es diesen Weg unwiderruflich nicht mehr. Wer von Gott sprechen oder stammeln will, kann nicht an der "Landschaft aus Schreien" (Nelly Sachs) vorbeigehen. Die Fragen der Leidenden sind gemeinsam mit ihnen vor Gott zu bringen. Missbrauchsbetroffene, die Halt im christlichen Glauben suchen, sind ihrerseits fähig, banale und lebensferne Gottesvorstellungen in Frage zu stellen und nach tragenden Perspektiven zu suchen. Sie helfen, die offenen Fragen an Gott wach zu halten.

Eine Atmosphäre des Willkommen-Seins Betroffener anbieten

Wer sexualisierte Gewalt erlebt hat, bleibt mit dem Gefühl zurück, von allen Menschen getrennt zu sein, nirgends mehr dazuzugehören und heimatlos zu sein. Die innere Verbindung zu anderen Menschen ist gekappt. Immer wieder berichten Betroffene, dass für sie das Gefühl, nirgends mehr dazuzugehören, nirgends daheim sein zu können, zu den am meisten bedrückenden Traumafolgen gehört. Jörg Fegert, Ulmer Psychotherapeut, berät seit Jahren die Katholische Kirche im Umgang mit Missbrauchsfällen. Er sagt:

"Seelisches Leid ist häufig mit sozialer Isolation, mit beeinträchtigten und belasteten Partnerbeziehungen verbunden. Betroffene als dazugehörig zu betrachten, sie im Dazugehören zu unterstützen, ist aus meiner Sicht die zentrale Aufgabe."

Betroffene von Gewalt - körperlicher, psychischer, sexualisierter, spiritueller Gewalt - im Dazugehören zu unterstützen, ist auch Aufgabe der christlichen Gemeinde und der Christ*innen. Sie müssen nicht auf Bischöfe und andere Kirchenverantwortliche warten - sie können heute damit beginnen.

Vertrauensaufbau braucht Geduld und anhaltendes Bemühen

 Eine Frau schrieb:

Vertrauen, das ist mein großes Problem. Ich kann mich ganz schwer auf Leute einlassen. Ich mache da immer so Testphasen mit den Menschen, die mir näher kommen. Das kann schon mal zwei bis drei Jahre dauern." (Betroffene, 42 J.)

So oder so ähnlich berichten es betroffene Frauen und Männer. Sie „testen“ die Menschen ihrer Umgebung. Ihr Vertrauen wurde in der Gewalt missbraucht und es dauert lange, bis es neu aufgebaut werden kann. Betroffene brauchen Geduld, bis sie Vertrauen schöpfen können. Auch Gemeinden und Christ*innen brauchen Geduld, wenn sie Betroffenen signalisieren, dass diese im Blick sind. Erschwerend kommt hinzu, dass kirchlich und außerkirchlich Betroffene den Kirchenleitungen oft gar nichts mehr glauben können. Diesen Vertrauensverlust gilt es auszuhalten, ohne auf eigenes Bemühen um Betroffene zu verzichten. Es ist gut, wenn Mitchrist*innen sich auf einen langen Prozess des Vertrauensaufbaus einstellen. In dieser Zeit werden sie vielleicht keinerlei Rückmeldung auf ihr Bemühen, Betroffene zu beheimaten, erhalten. Ich kann Ihnen jedoch versichern, dass Ihr Bemühen sehr aufmerksam von Betroffenen wahrgenommen wird. Sie warten darauf. Sie brauchen immer wieder Signale, dass ihr Leben der Rede wert ist. Erst wenn Betroffene spüren, dass es ihrem Gegenüber oder Menschen in ihrer Gemeinde ernst ist, werden sie sich zu erkennen geben - wenn sie das wollen.

Was tun?

  • Unverzichtbar und motivierend: Die Gründungsurkunde der Christ*innen aus der Opferperspektive lesen

Für nicht wenige Mitchrist*innen ist die Bibel ein fremdes, befremdliches und oft unverständliches Buch. Das muss nicht erstaunen. Es dauerte ein Jahrtausend, bis dieses Buch geschrieben war. Zwischen ihm und uns liegen 2000 Jahre. Es entstand in einem uns unvertrauten Kulturkreis. Es bedarf der Übersetzung in unsere Zeit und unsere unterschiedlichen Situationen, um es für uns heute zum Sprechen zu bringen. Es braucht Wissen um die Zeit und Situation der Autor*innen und der ursprünglichen Adressat*innen. Zugleich ist es ein Buch, das vielfältige Erfahrungen unterschiedlichster Menschen und Menschengruppen mit Gewalt, Unterdrückung und Ausbeutung zur Sprache bringt.

Im Zentrum des Christentums steht Jesus von Nazaret, ein Opfer von Menschengewalt. Gerade - aber nicht nur - im Alten Testament werden Gewalterfahrungen von Menschen beschrieben - sie werden aufgedeckt, nicht zugedeckt. Das Alte Testament ist voll mit Erzählungen von Gewalt, von Flucht und Vertreibung, Krieg, kollektiver Unterdrückung und individueller Ausbeutung. Es macht auch nicht Halt vor der Beschreibung sexualisierter Gewalt. Daher wird vor allem dem Alten Testament oft vorgeworfen, es sei ein gewalttätiges Buch. Das ist ein Missverständnis: Nicht das Erzählen von Gewalt ist gewalttätig - es sind die Menschen, von deren Gewalttätigkeit berichtet wird. Die Gewalt wird aufgedeckt, nicht zugedeckt.

Der Theologe Frank Crüsemann formulierte pointiert: "Es bestätigt sich dabei aufs Neue, dass Gott, wie ihn die Bibel zeichnet, gerade und vielleicht überhaupt nur aus der Perspektive der Unterdrückten, der Opfer von Gewalt sachgemäß erfahren werden kann." Hier finden Sie einige Anregungen. Wenn Sie beginnen, biblische Texte aus der Perspektive derer, die unter die Räuber gefallen sind, zu lesen, können diese Texte lebendig werden und ins Gespräch mit dem Leben heutiger Menschen - auch mit Ihrem Leben - kommen. 

  • Sich über Trauma und Traumafolgen informieren

Seit den 80er Jahren gerät in den Blick, was Vergewaltigung und Kindesmissbrauch im Leben mit anhaltenden Traumafolgen anrichtet. Es gibt aus Kirche und Gesellschaft viele Berichte Betroffener. Dennoch fehlt noch immer Wissen um Trauma und Traumafolgen. Sie könnten in Gemeinden oder im Dekanat Fortbildungen dazu anbieten und öffentlich dazu einladen. Fachleute z.B. von Beratungsstellen haben viel Erfahrung mit den Anliegen Betroffener. Betroffene werden aufmerken, wenn sie von solchen Informationsveranstaltungen hören.

  • Opferbeschuldigungen widerstehen

Noch Anfang 2022 hat der frühere Offizial des Erzbistums Köln, Assenmacher, vor Gericht ausgesagt, Missbrauchsvorwürfe könnten heutzutage auch einfach mithilfe einer Internetrecherche zusammengeschrieben werden. Es gebe wohl auch Menschen, die auf diese "Tour" zu Geld gekommen seien – also zu kirchlichen Anerkennungszahlungen für Missbrauchsbetroffene. "Wenn man mit Geld winkt, muss man auch immer damit rechnen, dass die falschen Leute sich melden", so der Kirchenrechtler. Damit kolportiert er die Ansicht, Missbrauchsbetroffene seien gar keine Opfer, sondern Lügner und zudem geldgierig. So offen werden Opferbeschuldigungen kaum noch öffentlich ausgesprochen, aber sie sind natürlich nach wie vor im Untergrund virulent. Gut vorstellbar ist, dass Betroffene sich in einem solch opferfeindlichen Kontext sicher nicht zu erkennen geben.

  •  Betroffenen eine Stimme geben

Für Missbrauchsüberlebende ist es schwierig, sich selbst als Betroffene zu outen. Es ist entsetzlich schwer, außerhalb einer Therapie von der eigenen Geschichte zu sprechen. Betroffene fürchten, dass sie auf die Rolle eines Opfers festgelegt werden, wenn sie sich zu erkennen geben. Sie fürchten isoliert zu werden oder beschuldigt zu werden, irgendwie an dem Verbrechen beteiligt gewesen zu sein. Sie fürchten aufgefordert zu werden, doch dem Täter zu vergeben. Da braucht es Menschen, die Betroffenen eine Stimme geben. Voraussetzung ist, dass Betroffenen die entscheidende Frage gestellt wird: „Was willst du, das ich dir tun soll?“ Was brauchst du? Was brauchen Sie? Geschieht dies nicht, besteht die Gefahr, Betroffene erneut zu bevormunden – und sie und ihre Bedürfnisse zu verfehlen. Im guten Fall können Sie Betroffene gewinnen, die Sie beraten und auf die unterschiedlichen Bedürfnisse Betroffener aufmerksam machen. Kennen Sie keine Betroffenen - zumindest nicht bewusst -, so lesen Sie die vielen Berichte, die Betroffene inzwischen gegeben haben.

  •  Thematische Gottesdienste anbieten

Gemeinden können durch Gottesdienste signalisieren, dass sie die Perspektive Betroffener einüben. Der Gebetstag für Missbrauchsopfer um den 18.11. herum, den der Papst vor vier Jahren eingerichtet hat, kann ein Anlass sein, das Leben Betroffener zu thematisieren. Auch das Durchschauen der katholischen Perikopenordnung eines Lesejahrs oder der evangelischen Predigttexte kann Anregungen geben, während des Kirchenjahres die Perspektive Betroffener besonders in den Blick zu nehmen. Auch im Kontext eines weltlichen Gedenktags kann in Zusammenarbeit mit zivilgesellschaftlichen Akteur*innen – am Internationalen Frauentag, am Weltkindertag, am Internationalen Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen - ein (Klage-)Gottesdienst gestaltet werden.

  • Finanzielle Unterstützung anbieten

Viele Betroffene leben in prekärer finanzieller Situation, die eine Folge eines beeinträchtigten Lebens nach Missbrauch ist. Vielleicht entsteht ein Solidaritätsfonds, in den Engagierte - auch Pfarrer - einzahlen und damit das Zeichen setzen: Wir lassen uns unsere Solidarität etwas kosten.

Einige praktische Hinweise

  • Es ist gut, den Weg auf Betroffene zu nicht alleine zu gehen. Suchen Sie in Ihrem Bezirk ein paar Interessierte, möglichst Frauen und Männer. Vielleicht kennen Sie auch Betroffene, die bereit sind, mitzugehen und Sie zu beraten.
  • Betroffene fragen immer wieder nach Seelsorgenden, die sich mit den Glaubensschwierigkeiten Betroffener auskennen. Fragen Sie Ihren Bischof nach einer Ausbildung für Seelsorgende und Geistliche Begleiter*innen! Es kann ja nicht so bleiben, dass die Kirche in ihrer ureigenen Kernkompetenz – der Seelsorge – weitgehend unsichtbar bleibt. Da gibt es Seelsorge von A-Z, von Akademiker bis Zirkusseelsorge – aber kaum Seelsorge für Missbrauchsopfer.
  • Legen Sie in Gemeinden ein Faltblatt mit Adressen von regionalen Beratungsstellen aus.
  • Vielleicht können Sie selbst z.B. in einem Dekanat Ansprechpartner* in für Betroffene sein. Zeigen Sie dabei Gesicht und geben Sie Ihre direkten Kontaktdaten an. Da kann im Laufe der Zeit u.U. eine Gruppe Betroffener entstehen. Für eine solche Gruppe ist Anonymität wichtig, d.h. es ist gut, einen zentralen, überregionalen Ort zu finden.
  • Sprechen Sie Bibelkreise an, ob sie nicht mal das Thema „Wie spricht die Bibel von Gewalt?“ anpacken wollen. Holen Sie sich bei Bedarf Fachleute/Theolog*innen dazu. Machen Sie eine öffentliche Fortbildungsreihe mit Fachleuten dazu.
  • Schauen Sie, dass im Gottesdienst immer mal wieder Klagepsalmen gebetet werden, dass da immer mal wieder im Alltag eine Fürbitte für Betroffene und deren Begleiter*innen gebetet wird, denn auch das Leid Betroffener ist alltäglich.
  • Vielleicht finden Sie einen Prediger, der bereit ist, seine (demnächst vielleicht auch: ihre) Predigt auch im Blick auf Gewaltüberlebende zu schreiben.

Ich kann Sie nur ermutigen, pro-aktiv auf Betroffene zuzugehen. Leicht ist es nicht immer. Rechnen Sie mit offenem oder heimlichen Widerstand in Ihrer Umgebung. Stellen Sie sich auf längere Zeit ein, in der Sie keinen „Erfolg“ Ihrer Mühe sehen. Einfach ist es nicht immer – aber ich kann Ihnen versichern, dass es eine große Freude ist, miterleben zu dürfen, wie Menschen neu Vertrauen schöpfen können.

EK Juni 2016, letzte Änderung 1.2.2022

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