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 Gebete von Carola Moosbach

Carola Moosbach wird zu Recht Gottesdichterin genannt. Dorothee Sölle sagte in ihrer Laudatio anlässlich der Verleihung des Preises des FrauenKirchenKalenders für Gottespoetinnen im Jahr 2000:

“Dieses Erzählen von Gott, dieses ‘Gott loben, ohne zu lügen’, das können wir von Carola Moosbach lernen.” Und Dorothee Sölle sagte, die Bitte von Carola Moosbach “Gott fehle mir” habe sie sehr berührt. “Es könnte ein erster Schritt für viele Menschen sein, Gott wenigstens zu vermissen.”

Der Autorin herzlichen Dank für die Abdruckrechte!


Gottesfinsternis  (Zum Karfreitag)

Da brach jeder Halt weg
und schien auch kein Sinn mehr
da schloss sich die Angst
wie ein Schmerz um die Seele
da war auch kein Trost mehr
die anderen lachten
und Du ganz alleine im Dunkeln

Da hab ich Dich schreien gehört
Bruder
da hab ich Dich weinen gehört
Schwester
da hab ich Dir glauben gelernt
Gott Schwester Bruder
dass Du auch mein Weinen und Schreien hörst

Carola Moosbach
Lobet die Eine, Matthias-Grünewald-Verlag, Mainz 2000


Anschübe

Weil du mich niemals aufgibst Gott
kann auch ich wieder aufstehen
weil Du Dich niemals taub stellst Gott
kann auch ich alles sagen

Noch das Schwerste nimmst Du auf
und redest es nicht schön
und zauberst es nicht klein
das wäre mir manchmal lieber
die Sorgen sickst Du zu mir zurück
aber jetzt haben sie Flügel und bewegen sich
   leichter
die Peinlichkeiten haben in Dir einen Namen
  gefunden
jetzt kann ich sie aussprechen
neue Kräfte schickst Du in meine Müdigkeit Gott
und die Dunkelheiten werden begehbar in
  Deinem Licht
So vieles traust Du mir zu
und richtest mich auf immer wieder
aus Deiner Fülle schöpfe ich Leben
und singe das Lied Deiner Ehre

Carola Moosbach, Lobet die Eine. Schweige- und Schreigebete, Grünewald 2000


Cordelia Edvardson: So ist das

Wir, die wir schon sehr früh, vielleicht schon im Mutterleib, aus dem Schoß des Lebens fielen. Wir lernen niemals mit leichtem und doch festem Schritt zu gehen wie jene, die wissen, daß sie festen Boden unter den Füßen haben. Wir bringen es nie fertig, uns treiben, uns vom Rhythmus des Stroms tragen, uns wiegen zu lassen von Ebbe und Flut. Wir kommen stets aus dem Takt, wie schlechte Tänzer stolpern wir über eigene und fremde Füße. Wir können auch keine Umwege machen, unsere selbstauferlegte Sisyphusarbeit befiehlt uns, jedes Hindernis zu nehmen, jeden Stein auf dem Weg aufzuheben – aber natürlich ekeln wir uns dabei vor Kellerasseln und schaudern vor den Gebeinen der Toten. Doch unserer Aufgabe, Schmutz bei uns und anderen aufzuspüren und über die sauber gekratzten Zeichen der Vergangenheit nachzudenken, bleiben wir treu.

Wir finden nie eine dauernde Bleibe. Ist es Morgen, sehnen wir uns nach der barmherzigen Dunkelheit des Abends, und am Abend fürchten wir die schwitzenden Alpträume der Nacht. Mögen wir uns auch mit der Rüstung des Willens – und dem Schild häufig recht ansehnlicher Fähigkeiten – panzern oder uns die bunte Narrenkappe aufsetzen und lustig mit unseren Schellen klingeln, wir wissen dennoch, unsere Siege können andere täuschen, aber nie uns selber. Der Ausgang des Zweikampfs steht fest.

Es muß auch gesagt werden, daß wir nicht ermüden. Hartnäckig klammern wir uns an das Schürzenband des Lebens. Man schleift uns über Dornen, Disteln und scharfe Steine, der Mund wird uns verstopft mit Wüstensand, wir würden ohnehin nicht schreien, wir sind bedeckt von kleinen, infizierten Wunden, aber wir geben nicht auf. Wir sind ja so tapfer. Wir lassen nicht locker, denn wir haben gelernt, wer fällt, fällt weiter und fällt – in das Bodenlose, das namenlose Nichts.

Cordelia Edvardson, Die Welt zusammenfügen, München 1989, S.129 – 130. Die Autorin ist Auschwitzüberlebende.

Lebendig verwundet  (zu Lukas 13, 10-17)

Gebrochenen Auges
sehe ich manches schärfer und tiefer
ins Dunkle
zerschlagenen Herzens
fühle ich über den Rand
meiner Trauer hinaus
aufrecht gehe ich auf wunden Füßen
mit Gottes Stärke im Rücken
die Seele blutet
aber nicht mehr zum Tod hin
die Schmerzen sprechen
mich in die Welt
zerbrochen
hat er mich nicht
aus dieser Wunde fließt
auch
Leben

Carola Moosbach
Himmelsspuren, Neukirchener Verlagshaus 2001


Sonderangebot    (zu Jes 43, 1)

Du hast mich ausgewählt Gott
ein Mensch zu sein
wäre ich sonst am Leben?
Du rufst mich beim Namen Gott
und wartest auf Antwort
ein Lächeln eine Frage eine Klage vielleicht
da gibt es kein falsch oder richtig
Du machst ein Angebot Gott
das weder kostenlos ist noch unverbindlich
wenn ich ablehne liebst Du mich trotzdem Du Seltsame
aber es fehlt Dir etwas
da ist dies das oder jenes
woran ich mein Herz hängen kann statt dessen
aber dann fehlt mir etwas
Du Kluge

Carola Moosbach
Himmelsspuren, Neukirchener Verlagshaus 2001


Ostern alle Tage

Trotzdem wieder aufstehen
nicht jubelnd
nicht erlöst
nicht heilgezaubert
aber aufstehen

Gott etwas zutrauen
keine Allmacht
keine Heerscharen
kein Donnergetöse
aber zutrauen

Im Totenreich nicht heimisch werden
das letzte Wort nicht selber sprechen
und morgen wieder aufstehen

Carola Moosbach
Gottflamme Du Schöne, 1997

© Gütersloher Verlagshaus GmbH, Gütersloh


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